Montag, 4. Januar 2010
Namenlose Angst.
Die Worte quälen sich aus dem Telefonhörer wie ätzender Brei, bahnen sich ihren Weg in mein Ohr, stürzen sich in eine dunkle Tiefe. Schlagen auf mit tausendfachem Echo, ein wilder Schrei, der nachhallt wie nie zuvor gehörter Lärm in der Schlucht die Seele heißt.

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N.'s Frage. Zahlreiche Telefonate. Mit ihrer Mutter, einer weiteren Arbeitskollegin, meinem Vater, meinem Bruder.
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Was, wenn ich nicht nach Berlin gefahren wäre? Wüssten wir, was wir nun wissen? Diese Verkettungen.
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Meine Sesamina. Der beste Weggefährte, den ich mir für die ersten Schritte in diesem Jahr wünschen konnte. Man ist wohl immer am rechten Ort, wenn es unbedingt so sein muss.
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Sesamina und ich, in seiner Küche. Stundenlange Gespräche. Tage kommen, Tage gehen. Der Schmerz bahnt sich seinen Weg.
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Zwischen absoluter Ungläubigkeit und tiefster Verzweiflung. Was kommt da auf uns zu?
Informations- und Emotionsüberdosis.
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Angst vor dem Schlaf. Und dann kommt er doch. Wilde Träume. Bunt, intensiv, alle. Aufwachen. Alles nur ein böser Traum. Ich frage Sesamina. Seine unglaublichen Augen. Er schüttelt den Kopf. Komatöser Schlaf. Der Vormittag geht. Magst du nicht aufstehen? Ich kann nicht.
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Nachmittag. Vor dem Fenster der Funkturm. Alles ist weiß, und wie in Watte. Tee. Wärme. Sesamina. Und dann: das kann doch einfach nicht wahr sein.
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Ich will nicht fahren, zurück in die Heimat. Ich weine. Sesamina hält mich. Dann bleib doch, sagt er. Nein, das ist nur aufschieben.
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Es ist Nacht. Weiße Zuckerbäume rauschen am Auto vorbei. Berlin Calling ist die einzige Musik, die ich irgendwie ertrage. Die Gedanken streifen durch die Abgründe, an der Realität entlang.
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Die italienische Mafia. Einbruch in die Wohnung. Gefälschte Unterlagen. Ärzteverschwörung. Berufsverbot. Warum hat sie mit allen geredet, nur mit uns nicht. Bruder, liebster Bruder. Wir müssen das nun zu zweit machen. Das schafft keiner ohne den anderen. Es wird schrecklich. Sie weiß nicht, dass wir es wissen, und sie weiß nicht, dass es ist wie es ist.
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Man liest davon in Büchern und Zeitschriften. Man sieht es in Filmen, oder hört es über den Onkel eines Bekannten. Aber in der eigenen Familie?
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All unsere Hoffnungen ruhen nun nur noch auf dir und deinem Bruder, sagte sie. Wie sollen wir das schultern. Wenn ihr es nicht schafft. Dann. (dann! nein. bitte. nicht das dann!!!)
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Bitte lass das alles nur ein Irrtum sein. Ein böser Traum. Ihr seid nicht allein, sagt mein Vater.
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Ich habe doch keine Mutter mit paranoider Schizophrenie..

Morgen. Das Morgen. Soviel Angst, das kenne ich nicht.

Bitte, Mama. Bitte erspar uns allen eine Zwangseinweisung.

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Paul Kalkbrenner - Gebrunn Gebrunn


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