Samstag, 17. Oktober 2015
Seit Mittwoch in Berlin. N. und mein Patenkind besuchen, außerdem Hochzeit L.

Mit L.'s Hochzeit habe ich mich heute völlig überfordert. In der Kirche schlucke ich noch tapfer. Der 1. Korinther geht immer wieder gut an die Nieren und ist für mich aktuell einfach schwer zu ertragen.
Im Anschluss daran beim Sektempfang probiere ich das Schlucken mit reichlich Sekt zu unterstützen. Läuft. Aber beim Bustransfer zur Feierlocation gibt es kein Halten mehr. Um mich rum nur Paare. Alle reden über Beziehungen, Ehe Kinder. Keiner ist alleine da. Alle sind zu zweit (oder mehr). Auch die evangelische Lesbe hat ihre Freundin am Start.

Ich sitze als einzige allein auf einem Zweiersitz und tue mir unfassbar leid. Stumme Träne laufen über meine Wangen. Tagelang zurückgehalten, unterdrückt, weggeredet. Sei tapfer. Heul nicht. Du musst stark sein. Deine Tränen belasten andere. Reiss dich zusammen. Freu dich für L.

Ja, ich freue mich für L. Aber ich würde mich auch gerne für mich freuen. Die Hochzeit hält mir schmerzhaft den Spiegel vor. Wieder versagt. Wieder nicht geschafft. Bleibste belang- und wertlos für diese Gesellschaft. Keine Ehe. Keine Kinder. Loser. Allein.

So sehr ich mich zwingen möchte zu bleiben - ich schaffe es nicht. Das i-Tüpfelchen ist ein Organisator vor Ort, den ich nach der Toilette frage. Er will mir den Weg weisen und läuft vor mir her. Irgendwann sage ich: "ach, da drüben, wunderbar, danke!" Er dreht sich völlig erstaunt zu mir um und sagt: "oh, also Sie hatte ich ja jetzt schon wieder ganz vergessen". Das würde ich auch gerne, mich vergessen. Stattdessen flenne ich auf dem Klo Sturzbäche.

Und so gebe ich mit verquollenen Augen meinen Umschlag zum Gabentisch, hole meine Jacke an der Garderobe, und laufe nach Hause zu N. durch das herbstliche Berlin. Sehr langsam. 2 Stunden lang. Mit leichtem Bedauern beim Gedanken an den Sansibar-Champagner, der da im Foyer stand, und an das vermutlich exzellente Essen. Voller Scham. Warum habe ich mich nicht im Griff?

Angst davor bei N. anzukommen, weil ich auch hier in den letzten Tagen den Eindruck hatte, dass mein Leben belanglos ist, weil es sich nicht um Kinder und Familie dreht, und N. eher Angst hat zu erfahren dass es mir richtig scheiße geht.

Ich tue ihr Unrecht. Sie holt mich aus dem Dreck und wir haben einen sehr schönen Abend in ihrer Küche. Während ich mich heulend schneuze, strahlt mein kleines Patenkind mich an. 1,5 Jahre ist er nun alt. Selten habe ich so ein schönes Kind gesehen. Ich kann einfach nur zurückstrahlen. Er ist so ein freundlicher und offener Junge, und unglaublich süß.

Eigentlich geht es mir auch gar nicht richtig scheiße, ganz allgemein. Heute ist wirklich ein rabenschwarzer Tag, aber generell bin ich zuversichtlich für meine Neuorientierung, tue interessante Dinge und erfreue mich am Herbst. Für das heute reichte meine Kraft nicht. Ich bin noch nicht soweit. Und habe Angst ich bin dazu verdammt allein zu bleiben.

Und ich spüre, wie meine Wut Tag für Tag wächst, weil er auf die Art und Weise schlussgemacht hat, auf die er es getan hat. So hässlich, dass es mir schwer fällt unsere Zeit nicht in Frage zu stellen.

Die nächtlichen Träume bleiben. z.B. der von vorgestern, als ich ihn im Traum schlagen wollte, weil er mich schon länger mit einer seiner Kolleginnen aus R. betrogen hat (hat er tatsächlich nicht, oder jedenfalls nicht dass ich wüsste, kanns mir nicht vorstellen). Aber die Schläge kamen nicht bei ihm an. Ich traf ihn zwar, aber die Schläge hatten keinerlei Wirkung. Verpufften. Er fand es eher noch amüsant.

Vielleicht frage ich ihn demnächst, über was er eigentlich noch sprechen wollte. Er hatte zwei Tage nach diesem hässlichen Telefonat (ja, Telefonat) geschrieben, dass er gerne zu mir kommen würde um zu reden, und wenn ich das nicht wollen würde, zumindst nochmal am Telefon. Aber ich antwortete, dass ich das nach diesem Telefonat nicht möchte, vielleicht wenn etwas Zeit ins Land gegangen ist. Seitdem hat er sich nicht mehr gemeldet, und ich mich auch nicht, weil ich nicht wüsste, was ich sagen soll. Das Telefonat hat mich echt sprachlos gemacht. Außerdem glaube ich, dass er gemerkt hat dass er seinem eigenen Anspruch an ein "gutes" Schlussmachen nicht gerecht wurde und nachjustieren wollte. Aber das ist sein Problem.

Dafür will meine Wut langsam einen Weg. Und ich habe nicht vor, das weiterhin allein mit mir im Traum auszumachen.


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