Dienstag, 1. April 2025
Mütend.
okavanga, 17:22h
Ich bin so müde. Ich bin so wütend. Seit Januar bewerbe ich mich nun auf die Praktische Tätigkeit PT1 und/oder PT2, die im Rahmen der Ausbildung Pflicht sind. Bis vor einigen Jahren war diese PT quasi unbezahlt oder mit Praktikantengehältern wie 400 Euro im Monat vergütet. Zur Erinnerung: wir PiAs (Psychotherapeutinnen in Ausbildung) haben ein abgeschlossenes Psychologiestudium. Seit einer Gesetzesreform 2020 wird Mindestlohn angesetzt.
Betrachtet man die Zahlen vor der Reform, ist das erst einmal ein Grund zur Freude. Doch wurde mir nun beispielsweise in einer Forensik (!) für 38,5 h ein Bruttolohn von 1.800 Euro angeboten. Für die Arbeit im Maßregelvollzug! Meine Ausbildung kostet all in (monatliche Raten ans Institut, Unterkunft & Verpflegung dort, Selbsterfahrung Einzel & Gruppe, Supervision, voraussichtliche Gebühren für ambulante Lehrpraxen nach der Zwischenprüfung, ...), monatlich in etwa 1.000 Euro für eine Dauer von 5 Jahren. Das sind nach 5 Jahren Kosten ovn mindestens 60.000 Euro. Und da habe ich dann noch keine Miete, keine Nebenkosten, kein Essen, keine Freizeitaktivität bezahlt. Und Fahrtkosten! Es stellt mich vor ein Rätsel, wie andere PiAs das wuppen. Ja, zum Teil kommen sie in dieser Generation nun aus privilegierten Haushalten. Manche haben Erspartes. Manche leben mit Partner:innen, die zumindest die Lebenshaltungskosten mit kompensieren.
Unsere Gesellschaft ist randvoll mit Personen, die an psychischen Erkrankungen leiden. Kompetentes Personal wird händeringend gesucht. Aber zahlen will man dafür nicht. Mir war von Anfang an bewusst was mit diesem Weg auf mich zukommt, seit ich vor 10 Jahren mit dem Bachelor angefangen habe. Doch wie bitter sich das wirklich anfühlt, das habe ich nicht vermutet.
Ja, mir fehlt die klinische Erfahrung. Aber ich habe jahrelang in der Personalentwicklun gearbeitet, im Bereich Coaching und Training. Ich habe Gruppen moderiert und geleitet, zu Werten, Persönlichkeit, Verhalten. Die Rehakliniken sind voll von Überlastungspatient:innen, deren berufliches Umfeld ich aufgrund meiner Vita nur allzu gut verstehe. Alles nichts wert.
"Wir haben schon auch mitunter schwierige Patienten" sagt mir heute der Chefarzt einer privaten psychiatrischen Akutklinik, nachdem er betont hat, dass sich dort überwiegend gehobenes, privilegiertes Klientel aufhält, mit hohem Bildungsniveau. Ach, hab ich mir gedacht, was du nicht sagst? Ich erzähl euch was von schwierigem Klientel aus Management und Beratung, Bitches. Eine Privatklinik, familiengeführt, auch dort nur: Mindestlohn. Es ist ein Wirtschaftsbetrieb. Das Gespräch hat mich auch mit mulmigem Bauchgefühl hinterlassen. Ja, ich könnte dort sehr viel lernen. Aber die beiden Ärzte (gendern nicht nötig) haben mir extreme Management Bros Vibes gegeben. Die Haltung reserviert bis höflich. Wenig zugewandt. Einer konstant verschränkte Arme. Die Distanz zwischen uns auch räumlich relativ groß.
Ein völliger Kontrast dazu war ein Gespräch, dass ich gestern in einer Unfallklinik hatte, mit zwei Psychologinnen. Stühle nah beineinander, herzlich aber nicht schischi-mäßig. Offen, direkt, zugewandt. Sehr sympathisch. Und: tarifliche Bezahlung. Zwar nicht ganz auf dem Niveau, das ich bräuchte, aber annähernd. Aber: dort wäre ich auf einer Akutstation, auf der Patient:innen im Schnitt 8 Tage verweilen. Es geht vor allem darum, Menschlichkeit zu zeigen, emphatisch, offen und verständnisvoll zu agieren. Die Menschen dort abholen, wo sie gerade (sehr wahrscheinlich auch unter erstem Schock) stehen: Beine ab, Hand ab, was wird weiter? Kann ich mir sehr gut vorstellen. Großes Manko: es werden dort keine Diagnosen gestellt, keine Berichte geschrieben. Zwei Punkte, die ich unbedingt lernen muss und will. Diese Stelle wäre eine PT2. Wenn ich mich dann andernorts auf die PT1 bewerbe, mit Berufserfahrung aber ohne Kompetenz in Diagnostik und Berichterstellung, schwierig. Morgen möchte ich dazu mal mit jemandem aus meiner Ausbildungsgruppe sprechen, und vom Institut.
Von manchen Kliniken habe ich seit zwei Monaten gar keine Rückmeldung. Andere sagen sehr schnell ab, weil keine geeigneten Stellen. Andere bieten eben nur Mindestlohn.
Und so bahnt es sich nun an, dass ich mich voraussichtlich doch aus der Region wegbewerben muss. Aufs Land. Da wo keiner hin will, weil manchmal nicht mal ein Bahnhof existiert. In dieser turbulenten Zeit, privat wie global, hätte ich mich sehr über ein bisschen Stabilität und vertrautes Umfeld gefreut. Aber es hilft nix. In der Pampa zahlt man fair.
~ Tocotronic - Kapitulation
Betrachtet man die Zahlen vor der Reform, ist das erst einmal ein Grund zur Freude. Doch wurde mir nun beispielsweise in einer Forensik (!) für 38,5 h ein Bruttolohn von 1.800 Euro angeboten. Für die Arbeit im Maßregelvollzug! Meine Ausbildung kostet all in (monatliche Raten ans Institut, Unterkunft & Verpflegung dort, Selbsterfahrung Einzel & Gruppe, Supervision, voraussichtliche Gebühren für ambulante Lehrpraxen nach der Zwischenprüfung, ...), monatlich in etwa 1.000 Euro für eine Dauer von 5 Jahren. Das sind nach 5 Jahren Kosten ovn mindestens 60.000 Euro. Und da habe ich dann noch keine Miete, keine Nebenkosten, kein Essen, keine Freizeitaktivität bezahlt. Und Fahrtkosten! Es stellt mich vor ein Rätsel, wie andere PiAs das wuppen. Ja, zum Teil kommen sie in dieser Generation nun aus privilegierten Haushalten. Manche haben Erspartes. Manche leben mit Partner:innen, die zumindest die Lebenshaltungskosten mit kompensieren.
Unsere Gesellschaft ist randvoll mit Personen, die an psychischen Erkrankungen leiden. Kompetentes Personal wird händeringend gesucht. Aber zahlen will man dafür nicht. Mir war von Anfang an bewusst was mit diesem Weg auf mich zukommt, seit ich vor 10 Jahren mit dem Bachelor angefangen habe. Doch wie bitter sich das wirklich anfühlt, das habe ich nicht vermutet.
Ja, mir fehlt die klinische Erfahrung. Aber ich habe jahrelang in der Personalentwicklun gearbeitet, im Bereich Coaching und Training. Ich habe Gruppen moderiert und geleitet, zu Werten, Persönlichkeit, Verhalten. Die Rehakliniken sind voll von Überlastungspatient:innen, deren berufliches Umfeld ich aufgrund meiner Vita nur allzu gut verstehe. Alles nichts wert.
"Wir haben schon auch mitunter schwierige Patienten" sagt mir heute der Chefarzt einer privaten psychiatrischen Akutklinik, nachdem er betont hat, dass sich dort überwiegend gehobenes, privilegiertes Klientel aufhält, mit hohem Bildungsniveau. Ach, hab ich mir gedacht, was du nicht sagst? Ich erzähl euch was von schwierigem Klientel aus Management und Beratung, Bitches. Eine Privatklinik, familiengeführt, auch dort nur: Mindestlohn. Es ist ein Wirtschaftsbetrieb. Das Gespräch hat mich auch mit mulmigem Bauchgefühl hinterlassen. Ja, ich könnte dort sehr viel lernen. Aber die beiden Ärzte (gendern nicht nötig) haben mir extreme Management Bros Vibes gegeben. Die Haltung reserviert bis höflich. Wenig zugewandt. Einer konstant verschränkte Arme. Die Distanz zwischen uns auch räumlich relativ groß.
Ein völliger Kontrast dazu war ein Gespräch, dass ich gestern in einer Unfallklinik hatte, mit zwei Psychologinnen. Stühle nah beineinander, herzlich aber nicht schischi-mäßig. Offen, direkt, zugewandt. Sehr sympathisch. Und: tarifliche Bezahlung. Zwar nicht ganz auf dem Niveau, das ich bräuchte, aber annähernd. Aber: dort wäre ich auf einer Akutstation, auf der Patient:innen im Schnitt 8 Tage verweilen. Es geht vor allem darum, Menschlichkeit zu zeigen, emphatisch, offen und verständnisvoll zu agieren. Die Menschen dort abholen, wo sie gerade (sehr wahrscheinlich auch unter erstem Schock) stehen: Beine ab, Hand ab, was wird weiter? Kann ich mir sehr gut vorstellen. Großes Manko: es werden dort keine Diagnosen gestellt, keine Berichte geschrieben. Zwei Punkte, die ich unbedingt lernen muss und will. Diese Stelle wäre eine PT2. Wenn ich mich dann andernorts auf die PT1 bewerbe, mit Berufserfahrung aber ohne Kompetenz in Diagnostik und Berichterstellung, schwierig. Morgen möchte ich dazu mal mit jemandem aus meiner Ausbildungsgruppe sprechen, und vom Institut.
Von manchen Kliniken habe ich seit zwei Monaten gar keine Rückmeldung. Andere sagen sehr schnell ab, weil keine geeigneten Stellen. Andere bieten eben nur Mindestlohn.
Und so bahnt es sich nun an, dass ich mich voraussichtlich doch aus der Region wegbewerben muss. Aufs Land. Da wo keiner hin will, weil manchmal nicht mal ein Bahnhof existiert. In dieser turbulenten Zeit, privat wie global, hätte ich mich sehr über ein bisschen Stabilität und vertrautes Umfeld gefreut. Aber es hilft nix. In der Pampa zahlt man fair.
~ Tocotronic - Kapitulation