Donnerstag, 16. Juli 2026
Große Überwindung, aber mit zwei Menschen gesprochen, geweint und gehalten worden.

Das dunkle auszusprechen nimmt ihm die Macht. Dankbar für die Erinnerung an die Klinik und dass ichs irgendwie geschafft hab das umzusetzen, allen inneren Widerständen zum Trotz.

Was bleibt, ist eine so unbändige Wut. Auf mich, Gott und die Welt und alles und jeden. Vielleicht gehört sie zum Trauerprozess. Vielleicht zu den anderen Widrigkeiten des Jahres, vielleicht beides. Die Wut will raus. Da muss ich was machen.

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Mittwoch, 15. Juli 2026
An Lektionen aus der Klinik gedacht und wenigstens mit einem Menschen geteilt, wie es mir gerade geht. Immerhin. Vielleicht versteht er, oder nein, vielleicht hört er. Wir haben uns in der Klinik kennengelernt.

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Ich schreibe das hier her, weil ich momentan nicht den Eindruck habe, dass ich meine Gedanken und Gefühle meinem Umfeld zumuten kann. Es geht mir von Tag zu Tag schlechter. Ja, ich mache weiter, stehe auf, mache mir gutes Essen, gehe zum Sport, gehe raus, gehe ins Cafe, lese, spreche mit Menschen, mache Steuer, schreibe Bewerbungen. Ich funktioniere. Trotze. Doch morgens steh ich überm Schneidebrett in der Küche und heule auf die Tomaten. Merke, dass ich einfach keine Kraft mehr hab. Gedanken und Gefühle, von denen ich glaubte ich hätte sie mit dem letzten Klinikaufenthalt hinter mir gelassen, ploppen auf. Zuerst war es ganz vereinzelt und leise. Voller Trotz ging ich meinen Alltag weiter, "nicht mit mir", dachte ich. Setzte neben all meine Trauer und Verzweiflung Dinge, die mir eigentlich Spaß machen. Aber das schien denen egal. Stehen da voller Hohn. Spornen mich dazu an, mich mit den Menschen in meinem Umfeld zu vergleichen. Auf Maßstäben, auf denen ich einfach nur verlieren kann. Ich weiß nicht, warum mir das nun alles zuviel ist. Aber es ist so. Diese Arbeitslosigkeit, die anhaltende Unsicherheit und die Aussicht auf weitere mindestens 4 prekäre Jahre, auf einen schon jetzt riesigen Berg Schulden, der weiter anwachsen wird, wenn ich das alles so weiter mache, diese Gesundheitsthemen, und all das, was ihr Tod hochspült. Es ist zuviel. Ich kann grad nicht mehr lächelnd durch die Welt gehen und sagen, alles wird gut. Ich mag das Leben, aber ich tue mir schwer damit. Als hätte ich kein Talent dafür bekommen. Es fällt mir einfach schwer. Und ich fühle mich so einsam und verloren darin.
Ich bringe mich nicht um, denke ich. Aber die Tür ist wieder da. So vertraut. Viel vertrauter als die kurze Zeit ohne sie. Über ihr schimmert in grünem Licht "Notausgang". Selbstmitleidige Scheisse, brüllt es aus einer sehr dunklen Ecke. Ja, vielleicht. Schulterzucken.

~ Django Django - Cameos


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Sonntag, 12. Juli 2026
"Happiness is amazing.
It's so amazing,
it doesn't matter if it's yours or not.
There's that lovely thing,
'A society grows great
when old men plant trees,
the shade of which they know
they will never sit it.'
Good people do things for other people.
That's it. The end."

~ Serie After Life (Netflix), season 1, episode 5

Ich liebe diese britische Serie über Trauer, Depression und Leben.

Den Tag irgendwo zwischen lesen, glotzen, starren, fühlen versandelt. Heute begleitet mich eine latente Angst durch den Tag. Ich kenn die schon, doch sie ist mir immer wieder unangenehm, wenn sie zu Besuch ist. Eine Stunde am Kanal verbracht. 35 Grad erscheinen mir nach der letzten Hitzewelle noch als angenehm. Erstaunlich wie mein Körper sich scheinbar doch gewöhnt hat. Das Meerschein zuende gelesen. Als nächstes werde ich mich wieder dem Drachenporno Fantasy Genre widmen. Rini hatte mir zum Geburtstag ein Buch geschenkt, das lag einige Zeit rum, von mir mehr als skeptisch beäugt: "Fourth Wing - Flammengeküsst" von Rebecca Yarros. Doch es bietet mir genau das, was ich zwischen all der Trauer, Angst und Unsicherheit brauche: tiefes Eintauchen in eine komplett andere Welt, kurzweilig, spannend, mitunter witzig, manchmal etwas stereotyp was die männliche Hauptfigur angeht. Beim Lesen mancher Seite stieg mir die Röte ins Gesicht. Sexy. Mich hatte es schon nach wenigen Seiten am Haken. In der Bibliothek habe ich mir nun den fetten Teil 2 geliehen. Möge die Zerstreuung mit sein!

~ Röyksopp, Alison Goldfrapp - Impossible










Fasst die Situation und Szenenpluralität/ Defragmentierung im Jungbusch ganz gut zusammen.



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Samstag, 11. Juli 2026
Wohnraum für alle.
Heute morgen wusste ich plötzlich ganz genau, wo ich hin will. Auf den Friedhof. Schatten und Ruhe, das versprach ich mir davon. Und, so dachte ich, wenn ich dort weine, wundert es niemanden.

Als Lektüre hatte ich "Am Meerschwein übt das Kind den Tod" von Nora Gomringer eingepackt. Das Buch hatte ich zwischen Weihnachten und Sylvester gekauft, in einem kleinen Buchladen in meiner Heimat. Noras Mutter starb an einem 8.12., dem Geburtstag meiner Mutter. Ich folge Nora schon seit einigen Jahren auf Instagram, über sie kenn ich auch die Seite "Good Mourning" der zwei fabelhaften Australierinnen Sal und Im, die ebenfalls ihre Mütter verloren haben.

In Noras Beschreibungen von Trauer finde ich mich sehr wieder. Durch sie fühlte ich mich von Anfang an völlig ok in meiner Trauer. Das, was ich von ihrer Trauer wusste, hilft mir meine ernst- und anzunehmen, so wie sie ist.

Da saß ich dann, auf dem Friedhof. Dem schönsten Ort dieser Stadt. Wie seltsam, dass ich noch nie zuvor hier gewesen bin. Ich verbrachte dort heute viele Stunden, in denen meine Seele ein bisschen hinterherreisen konnte. Vielleicht holt sie mich ja bald ein. Werde ihr in den nächsten Wochen mehr Gelegenheit dafür geben.

Einmal schaute ein sehr fuchsrotes Eichhörnchen vorbei. Es sprang auf mich zu, setzte sich auf als es merkte dass ich es gesehen hatte. Wir kuckten uns an. Es war keinen Meter entfernt. Ihm war das dann zu heikel, es machte kehrt und huschte in die Büsche.

Menschen kamen und gingen. Brachten Erde, Pflanzen, gossen Gräber und auch Büsche und Bäume drum herum. Es waren nicht viele, und sie alle waren still. Ich weiß nicht, wan nich das letzte mal so eine Ruhe erlebt und auch selbst empfunden habe. Überhaupt nicht unangenehm. Einfach.. friedlich.















Auf dem Rückweg radelte ich am Neckar entlang. Heute war Monnem Pride, und einige Teilnehmer:innen sammelten sich nach dem Umzug hier im Schatten unter der Brücke. Wie wunderbar passt bitte dieser Schriftzug, unter und hinter dem die Leute sitzen, "Wohnraum für alle". Würde aber auch gut über ein Friedhofstor passen.

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Freitag, 10. Juli 2026
Ich kann nicht glauben, was da heute Zustimmung im Deutschen Bundestag gefunden hat. Und hier etwas zu den möglichen Folgen. Dass auch keiner dieser kapitalistischen Fratzen die künftigen gesamtgesellschafltichen Kosten sieht - erbärmlich. Es macht mich einfach nur noch fassungslos. Auch ich habe Mails an Abgeordnete geschrieben, Petitionen unterschrieben, Informationen geteilt.

Es macht mich aus jeder erdenklichen Perspektive so wütend. Aus der einer Patientin, aus der einer Angehörigen, aus der einer Psychotherapeutin in Ausbildung. Der Mensch als Melkmaschine. Wenn er dabei kaputt geht - Pech gehabt. Kannste obdachlos werden oder einfach sterben. Außer die, die Kohle haben. Die lassen wir besser in Ruhe.

Es wird weiter nach rechts kippen. Ich kann die Wut und den Abfuck der Menschen verstehen. Ich verstehe nicht, wieso sie ausgerechnet nach rechts und damit Öl ins Feuer kippen. Aber auch ich bin hart abgefuckt. Kann mir immerhin sagen, ich hab das nicht gewählt, weder rechts noch diese amtierende Scheissregierung. Aber was hilfts? Betroffen bin ich trotzdem von deren unsäglicher Politik.

Ich kann das alles nicht mehr.

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