Dienstag, 11. November 2008
Hach. Ist das nicht schön? Vollmond und keine Vollmondreise! Das erste mal ohne Wehmut. I gfrei mi!

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Samstag, 8. November 2008
Ich könnte endlos schreiben. Wirr, zusammenhanglos. Aber raus muss es. Kennst du meine Zugangsdaten für das Blog? Liest du das hier? Hattest du überhaupt wirklich mein Blog gefunden?

Du bist ein Arschloch. Deine letzten zwei eMails waren der Spiegel deiner ganzen Kommunikation. Du kommst nie auf den Punkt. Sagst nie was dich wirklich beschäftigt. Nie, was du wirklich denkst. Nie, was du wirklich fühlst. Nie, was du wirklich meinst. Immer ein Spiel an Doppeldeutigkeiten.

Direkt, offen und ehrlich. Das war unsere Kommunikation nie.

Du bist ein Arschloch. Weil du mir den Schwarzen Peter zuschieben willst. Ich habe dir nie vorenthalten, dass ich ein Blog habe, im Gegenteil. Ich habe es dir aus freien Stücken heraus erzählt. Der Inhalt ist irrelevant. Das ist mein Tagebuch. Hätte ich es nur auf Papier geschrieben, es wäre das gleiche gewesen. Wer kennt uns hier schon. Das gleichzusetzen mit dem aktiven Belügen bezüglich deiner Drogensucht beleidigt nicht nur mich, sondern auch dich.

Ich bin ein Arschloch. Weil ich lange nicht auf dich zukam. Weil sehr lange DU den aktiven Part in dieser Beziehung übernehmen musstest. Weil ich damals von Hof aus angerufen und dich gefragt hatte, ob ich mit einem anderen ins Bett darf. Weil auch ich absolut überfordert war mit vertrauensbildenden Maßnahmen. Weil ich mir nicht sicher war. Nicht meiner, und nicht meiner Gefühle.

Wir sind Arschlöcher. Weil wir gegenseitig Misstrauen gesät haben. Jeder hat auf seine Weise mit vertrauenszerstörendem Verhalten auf die Aktionen des anderen reagiert.

Wir sind inkompatibel, vielleicht, warscheinlich. Zu spät. Hätten wir uns etwas zu sagen, säßen wir am gleichen Tisch? Erinnerst du dich noch an mich? Kannst du reflektieren? Was empfindest du für die neue Frau? Was hast du für mich empfunden?

Es gab Zeiten da hatte ich das Gefühl, ich sei das wichtigste in deinem Leben, nur dass du mir mit deinem nächsten Schritt immer eine vor den Latz geknallt hast. Was kann ich ernst nehmen von dem wir, das es mal gab. Was war wirklich.

Du bist ein Arschloch. Du hast dich letztes Jahr an Weihnachten von Steffi abholen lassen. Du hast bei ihr Sylvester verbracht. Du hast ihr nichts von uns erzählt. Sie hat deinen Flieger kaputt gemacht. Ihr BH lag in deinem Bett. Wie kannst du mir vorwerfen, dass ich misstrauisch war. Bin.

Du bist ein Arschloch, weil du mir Unreife vorwirfst, weil ich dir nicht begegnen will. Kuck in den Spiegel. Reflektier nur einmal dein Verhalten. Reflektier nur einmal, wie weh so eine Trennung tun kann.

Ich wünsche dir, dass du irgendwann mit der Fresse im Dreck liegst. Dass du dich irgendwann an mich erinnerst und bereust. Das sind kindische Wünsche, ja. Aber menschliche. Und immerhin sind es Gefühlsregungen. Heftige. Viele. Lang andauernd.

Gestern sagte ich zu meiner LeSchwe: der Sommer blieb irgendwie ungenutzt. Er war kurz, antwortete sie, und es gab den Axel. Ja. So war das. Der Sommer. Ich habe nicht vor, bis zum nächsten Sommer darauf zu warten unsere Beziehung zu verarbeiten. Aber Angst habe ich, dass es so lange dauert. Große Angst.

Du bist ein Arschloch. Mann signalisiert Interesse. Viele Manns. Mann fragt mich: jagst du denn gar nicht? Und ich muss antworten: bitte entschuldige, diesen Trümmerhaufen möchte ich keinem anbieten.

Tut dir das denn nichtmal ansatzweise so weh wie mir? Fragst du dich gar nichts? Ich weiß nicht, ob ich das beneidens- oder bemitleidenswert finden soll.

Fehlt dir nicht unser Umgang? Und sei es der Umgang vor der Beziehung? Erinnerst du dich an die Weihnachtsfeier. An die Christbaumkugel. An die Fabelhafte Welt der Amelie. Wenn ichs mir recht überlege, war es schon immer mehr und zugleich weniger als Freundschaft. Vom ersten Tag an. Das "mehr" ist nun tot. Wir haben es ausprobiert und totgelebt. Und weniger als Freundschaft reicht nunmal nicht für eine solche.

Wir könnten in einer Kneipe sitzen, saufen und lachen. Wäre das "mehr" nie gewesen.
Axel. Wieso haben wir uns uns angetan.

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Mittwoch, 17. September 2008
Egal wie lang. A bis Z.
Erzählt niemandem, dass ihr ein Blog habt. Die Person wird nicht sehen, dass ihr ihr mit diesem Bekenntnis Vertrauen schenkt, sondern eben dieses missbrauchen und sich auf die Suche machen.

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Hallo Steffi,

ich gönne mir den Moment um ein paar Worte zu formulieren.
Ich finde es nach all der Zeit wirklich schade, dass wir es noch nicht mal schaffen ganze Sätze miteinander auszutauschen bzw. uns wenigstens die Sachen in die Hand drücken zu können. Aber das hat wohl was mit Reife zu tun.

Zu guter letzt muss ich doch mal darauf hinweisen, dass Du die gesamte gemeinsame Zeit unehrlich zu mir warst. Wie wir beide festgestellt haben ist das Vorenthalten von Informationen als Lüge zu bewerten. Während der ganzen Zeit hast Du nicht einmal was von Deiner Krankheit erwähnt - Dein Blog war stets geheim. Schade, dass Du dies nie so gesehen hast und das für Dich scheinbar ok war. Eigentlich war das immer der größte Teil, mit dem wir zu kämpfen hatten.
Doch mit doppelten Masstäben macht man sich das Leben als Mensch halt einfach. Du hast Dich hierzu bis zum heutigen Tage nie geäußert und ich musste es hintenrum rausfinden. Schade daran ist, dass Du nie Vertrauen zu mir hattest - weder in guten noch in schlechten Zeiten. Wie hätte das jemals reichen sollen?!?
Die Antwort auf die Frage spielt wohl keine Rolle mehr. Doch zu lange trage ich diese Information jetzt schon mit mir rum und wollte es an der Stelle mal los werden. Wenn man schon spielt, dann sollten die Ansprüche an sich und sein gegenüber wohl die gleichen sein. Das waren sie leider nie.

Pass auf Dich auf. Ich wünsche Dir alles Gute.
Es würde mich freuen, wenn wir vielleicht irgend wann mal wieder so weit sind, dass wir uns zumindest in die Augen sehen und miteinander reden können.

Alles Liebe und Gute

Axel

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Welche Krankheit, dachte ich mir??? Was will er denn jetzt mit dem Blog? Dass ihn das immer so beschäftigt hat. Dachte immer, das ist ein SM-Blog. So ein Schmarrn. Was ich denn da schreiben würde? Ist doch egal, hab ich immer geantwortet. So stand ich vorhin also vor einem Rätsel, bis ich die von ihm an Waldi übergebene Tüte inspiziere.


Unter den mir zurückgebrachten Gegenständen befindet sich ein Buch von ihm. Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod. Wir Franken habens damit nicht so, nicht wahr. Nun, und in diesem Buch steht folgendes, wortwörtlich, ohne Namensfälschung:

Liebe Steffi, ... wie immer, unpassend ...! Dennoch ein Buch, das ich gerne mit dir teilen würde, ... irgendwo, irgendwie, irgendwann...
Viel ist vom Professor nicht geblieben.
Pass auf dich auf,
Axel


Nun, es mag sein, dass das ursprünglich mal für die andere Steffi bestimmt war. Sie nannte ihn schließlich immer Professor. Ich ihn hingegen nie - nur hier. Und wie soll er auf mein Blog gekommen sein? ... Da fällt mir meine Festplatte mit Gehäuse ein, die ich seinem Mitbewohner geliehen habe. Da sind private Daten drauf, unter anderem Texte, die ich 1 zu 1 hier gebloggt habe. Manche Kreise schließen sich einfach, und es ist wohl nur konsequent, dass mein Blog mit der Beziehung stirbt.


A wie Arschloch.
Z wie Zerstört.

Manchmal sind endgültige Schlussstriche der einzige Weg. In die Augen sehen möchte ich so jemandem nicht mehr.

[Edit] Das Datum. Ich habe das Widmungs-Datum übersehen. Der gleiche Stift, aber irgendwie... dunkler. Frischer. Die Strichführung. Hm. Und irgendwie passt die "Widmung" im Buch auch gar nicht zu "uns". Und diese rätselhafte Krankheit, von der er spricht. Vielleicht hat er ein fremdes Blog gefunden und ist davon überzeugt, dass ich es bin? Am Ende hatte ich blinde Paranoia. Zu bleibts hier trotzdem.

Mein Gott, was wär das armselig, wenn er das Buch wirklich schon mal an meine Vorgängerin verschenkt hätte. DAS aber würde wirklich zu ihm passen.

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Samstag, 23. Juni 2007
Todesängste einer Mutter.
Wenn ich heute vom Verschwinden junger Frauen höre, geht mir das wesentlich näher als noch vor einigen Jahren, und ich kann viel besser als mir lieb ist den Schrecken nachvollziehen, den meine Mutter eines nachts in England durchgestanden hat.

15 Jahre war ich jung. Ferien mit Mama und dem Bruderherz. Die erste Woche verbrachten wir auf Guernsey, die zweite auf Jersey. Die Mama war schon immer eine Frau, dies gern mal krachen lässt, und da sie mit mir eine Tochter hat, die in ihrer Jugend und Kindheit schon immer wesentlich älter geschätzt wurde als sie tatsächlich war, hat sie mich damals auch manchmal zu einer Kneipentour mitgenommen.

So auch an diesem Abend. Mein Bruder musste um 23 Uhr zurück ins Guest House, weil er nicht mit in die Diskothek kam. Das Mindestalter für derartige Lokalitäten ist 21, und wieso ich da mit reinkam, ich glaub, weil man dachte, ich sei zumindest 18, und ja immerhin in Begleitung meiner Mutter.

Schon in der Kneipe davor war mir ein junger Kerl aufgefallen. Ich weiß noch, wie ich kichernd der Mama von seinem Lächeln vorgeschärmt und sie permanent zu ihm habe hinsehen lassen. Goldig fand sie den auch. Aber harmlos ist das damals alles bei ihrer Tochter gewesen. Die Tochter viel zu schüchtern, und ein miserables Selbstbewusstsein. Die schwärmt halt.

Mein Selbstbewusstsein war dermaßen beschissen, dass ich in der Disko nicht mit ihr auf die Tanzfläche bin. Ich war schon immer größer als der Durchschnitt, und gepaart mit einem erbärmlichen Ego ist das nicht unbedingt die beste Voraussetzung für heiße Moves auf der Tanzfläche.

Da saß ich also, nippte an einem.. ich weiß gar nicht mehr, und versuchte, nicht aufzufallen. Das misslang. Der goldige Kerl aus der Kneipe davor kam auf mich zu. Er machte niedliche Komplimente, erzählte mir, dass er Edwin heiße, aus Irland stamme, und auf der Insel in einem Hotel arbeite. 23 sei er, und ich? "I am 18". Mama hatte mir eingebläut, bloss nicht mein wahres Alter zu nennen.

Von der Frau Mama in der tobenden Menge keine Spur, wir knutschten ein bisschen, "Shoot me with your love" von D-Ream drang brutal laut aus den Boxen, und alles war furchtbar aufregend. Denn immerhin hatte ich bis dato nur einen Mann geküsst, und das war eher eklig, wenn auch sehr romantisch an der Engelsbrücke in Rom gewesen. Ich fühlte mich wahnsinnig geschmeichelt.

Ob wir ein bisschen nach draußen wollen, fragte mich Edwin. Ich suchte die Frau Mama, fand sie aber nicht, also willigte ich etwas zögerlich ein, mit dem Hinweis, dass wir aber nicht lange draußen bleiben dürften.

Wir suchten uns einen Hauseingang, dort setzte ich mich auf seine Beine und wir knutschten weiter, bis ein Polizist mit Taschenlampe und dem sehr unverblümten Hinweis: "No sex on the street!!!" auf uns zutrat. Er hat ein bisschen weitergegrummelt, Edwin hat ihn irgendwie beruhigt, meine Hand genommen, und mich zu einer Garage einen Block weiter gelotst. Im nachhinein fällt mir dazu gar nichts mehr ein. Fassungslos macht mich das. Aber von Furcht damals keine Spur.

Wir streichelten uns, wie sich Menschen nun mal streicheln, wenn sie Lust empfinden. Für mich war das alles ein einziger Rausch, in dem ich jegliches Gefühl für Zeit verlor. Irgendwann, ich hatte keine Ahnung, wielang wir weggeblieben waren, kamen wir zur Diskothek zurück. Sie hatte geschlossen.

Das war der Moment, in dem ich hysterisch wurde. Von Mama keine Spur. Wieso hast du mir nicht gesagt, dass Diskotheken hier nur bis 2 Uhr offen haben????, schrie ich Edwin an. Er sah aus wie ein begossener Pudel, hatte ein furchtbar schlechtes gewissen und wollte mich da nicht so stehen lassen. Also nahm er mich mit in sein Hotel. Von dort aus, so meinte er, könne ich das Guest House meiner Mutter anrufen.

Also stieg ich mit ihm, einem seiner Kollegen und einer weiteren Frau in ein klappriges Auto. Wir tranken, und rauchten, und eigentlich wurde alles wieder lustiger.

Edwin hätte niemanden mitbringen dürfen. Der Nachtportier zeigte sich extrem unbegeistert, ließ mich dann aber doch telefonieren. Ich versuchte halbe Ewigkeiten, jemanden zu erreichen, aber keiner nahm das Telefon ab. Woher ich die Muse nahm, eine weitere Zeit mit Edwin seine Dusche und sein Bett zu teilen, ist mir heute ein Rätsel. Damals war ich urplötzlich unsterblich verliebt. Sein Shampoo war Timotei, er roch so köstlich, und erzählte mir wunderschöne Geschichten über Irland. Zum Abschied bat ich ihn um ein Andenken, denn ich hatte ihm erzählt, dass er der erste Mann sei, der mir so nahe war, und dass ich ihm sehr dankbar sei, dass er nicht blöd reagiert hatte, weil ich nicht mit ihm schlafen wollte.

Er wollte mir den Ring schenken, den er von seinem kleinen Bruder bekommen hatte. Das rührte mich zutiefst, aber annehmen wollte ich das nicht, also gab er mir seinen Füller.

Er holte mir ein Taxi, setzte mich rein, bedankte sich für die wunderschöne Nacht und hoffte, dass ich keinen allzu großen Ärger bekommen würde.

Im Morgengrauen kam ich an unserem Guest House an. Bruderherz und ich teilten uns ein Zimmer, und als ich eintrat, saß er senkrecht im Bett und rief nur: da bist du ja endlich! Die Polizei sucht dich!

Was danach kam, lässt sich gar nicht in Worte fassen. Meine Mutter war gleichzeitig stinksauer, voller Zorn, und unendlich erleichtert.

Aus ihrer Sicht lief der Abend nämlich so ab:
sie fand mich nicht mehr, die Disko schloss, von mir keine Spur. Sie ging zum Disko-Besitzer. Nichts. Sie rief im Guest House an. Keiner ging ran. Sie fuhr zum Guest House. Von mir keine Spur. Dann wandten sie sich an die Polizei.

Die klärte meine Mutter darüber auf, dass derzeit auch ein Frauen-Mörder gesucht wurde, und dass sie umgehend die Fahndung einleiten. Die folgenden Stunden müssen für meine Mutter die Hölle gewesen sein. Sie fragten meinen Bruder, ob ich da gewesen sei. Nein. Die Insel stand Kopf. Das Guest House auch.

Bis ich mit einem verklärten Grinsen bei meinem Bruder im Zimmer stand. Der informierte sofort die Polizei, ein Polizist hatte ihm die Nummer hinterlassen, die er sofort wählen sollte, wenn ich auftauche.

An die Reaktion meiner Mutter, als sie mich gesehen hat, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich hatte furchtbare Schuldgefühle.

Am nächsten Morgen starrte uns der gesamte Frühstücksraum des Guest Houses an. Und meine Mutter? Die zog den Briten eine Fratze...

Nach dem Frühstück musste ich zum Disko-Besitzer und zum Polizisten, und mich entschuldigen. Das war eine unvorstellbare Schmach. Der Disko-Besitzer hat von der Polizei einen derben Einlauf bekommen: "She was 15!!!"... Im Jahr darauf unterzogen sie uns dort einer strengen Ausweis-Kontrolle.

Ich wollte Edwin besuchen, doch er war nicht mehr da. Da mir auch die Hotelleitung keine Auskunft geben konnte, haben wir die Vermutung, dass er gekündigt wurde.

Geblieben ist eine Geschichte, über die inzwischen die ganze Familie herzlich lachen kann. Der Füller von Edwin wurde mir mit einem Rucksack 2 Jahre später gestohlen. Doch der weiße BH, den ich damals in der Nacht trug, hat mich lange begleitet. Bis ein Träger riss. Und nun liegt der BH - immer noch und komplett ergraut - auf unserem Nähkorb, in einem stillen Eck des Wohnzimmers, und erzählt dort stumm die Geschichte von Oka und Edwin.






Samstag, 18. Februar 2006
Being sent to Coventry, II
- Wie alles begann -

Nachdem ich London gegen 19 Uhr Ortszeit erreicht habe, durfte ich mir erst einmal zwei Stunden bis zur Abfahrt des Busses nach “lieblich Coventry” um die Ohren schlagen. Die Gefühle gemischt, eine Woche lag zwischen meinem Bewerbungstelefonat mit der Praktikumsfirma und meinem Reisestart, und mit meinen zukünftigen WG-Männern hatte ich bisher nur über email kommuniziert. Meinem Freund hat es sauer aufgestoßen, dass ich mir die Räumlichkeiten mit drei Männern teilen werde.

Das erste, was ich im Nachtlicht bei der Einfahrt in Coventry erkennen konnte, war ein riesiger Friedhof. Später durfte ich feststellen, dass die ganze Stadt einem solchen gleicht. Am Busbahnhof angekommen, wäre ich wohl aus den Latschen gekippt, wenn ich nicht so schockiert gewesen wäre, dass ich stocksteif stehen blieb. Selbst im schmeichelnden Licht der Nacht fühlte ich mich wie in einer riesigen Gruft. Mein Gott, ist das hier hässlich.

Meinen Vermieter konnte ich nicht erreichen, er ist Nachtclubbesitzer, und hatte wahrscheinlich eine Horde kurzberockter Bunnies auf seinem Schoß sitzen. Kein Schlüssel, keine Wohnung. Gegenüber vom Busbahnhof stand der grauenvolle Klotz namens Britannia-Hotel. Von innen ebenso unbeschreiblich wie von außen. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Film aus den 50er Jahren. Völlig ausgebucht – war klar. In mir keimte die Frage auf, wer sich in dieser Stadt freiwillig solang aufhält, dass er ein Hotelzimmer bucht. Der freundliche, von Akne gezeichnete Knabe an der Rezeption klärte mich darüber auf, dass auch sonst alles in der Stadt ausgebucht wäre, übergab mir aber feierlich die Yellow Pages, damit ich mich durch den Wust an B&B-Möglichkeiten telefonieren konnte. Keine Chance. Full House.

Als letzte Alternative zu einer Brücke kam mir die Polizei in den Sinn. Die haben bestimmt so was wie eine Ausnüchterungszelle. Nun.. die Polizei erschien mir am Telefon eher verärgert über diese Belästigung. Doch völlig unerschüttert stieg ich in ein Taxi, um ihnen noch ein bißchen mehr auf die Pelle zu rücken.

Auf der Polizeistation war gerade Halli-Galli. Zwei halbnackte Frauen, rotzedicht, die irgendwas rumgröhlten, gefolgt von einem nicht weniger besoffenen Kerl, der nur darauf aus war, den eh schon aufgebrachten Damen unter ihre breiten Gürtel zu grabschen. Der total entnervte diensthabende Polizist telefonierte kurz mit einem Ibis-Hotel, bei dem sich glücklicherweise noch ein Zimmer als frei erwies. Mit knappen Worten und wild rollenden Augen erklärte er mir, wie ich dort hingelange.

Inzwischen war es ca. 2 Uhr. Gut, dass ich noch nicht wußte, dass in dieser Stadt Mord und Totschlag sowie Attacken von wildgewordenen Frauen an der Tagesordnung sind, als ich meinen 30 kg-Koffer durch einige Unterführungen und Grünanlagen schleifte. Im nachhinein denk ich mir, dass der Polizist sicher gerne einen spannenderen Fall als besoffene Weiber gehabt hätte.

Endlich auf dem Zimmer, war an Schlaf aber immer noch nicht zu denken. Auf dem Gang schrieen sich stundenlang eine Frau und ein Mann an, und wäre ich nicht so abgrundtief müde gewesen, hätte ich auch wirklich gerne ein bißchen mitgeschrieen, das war es nämlich, wonach mir nach diesem scheiß Zinnober zu mute war.

Am nächsten Tag war der Vermieter immer noch nicht zu erreichen, obwohl seine Mailbox dank mir nun wirklich aus allen Nähten platzen musste. Irgendwie hab ich’s geschafft, meine zukünftige Wohnstätte zu finden, und den Tag in einem nahen Eckbistro totzuschlagen.

Als er dann doch am Nachmittag endlich in seinem teuren Audi aufkreuzte, war ich so dankbar, dass ich den Vorsatz, ihn umzubringen, glatt über Bord warf. Kaum war er da, war er auch schon wieder weg, mit der Anmerkung, dass meine anderen drei Mitbewohner erst in einer Woche eintreffen.

Abends stellte ich fest, dass ich weder Bettdecke noch Kopfkissen habe. Und während ich dabei war, diese Ausstattung einem der WG-Genossen zu entwenden, ging das Licht aus. Worüber mich nämlich keiner aufgeklärt hatte, war, dass man hier Strom in Form von Karten kaufen und im Haus in einem kleinen Kasten aufladen muss.

Da stand ich also, im Dunkeln, und erfuhr das erst am nächsten Tag, als mein Vermieter sich bequemte, die Bunnies vom Schoß zu werfen und mich mal zurückzurufen.

Alles in allem stand diese Exkursion unter keinem guten Stern, und das sollte sich auch nicht ändern.