Montag, 1. Juli 2013
Scherbenpark.


"Letztendlich
geht es doch darum:
dass wir
so viele schöne Momente
wie möglich
sammeln
bis wir sterben."

~ Theraonkel

Am Freitag fahre ich mit der Gewissheit zu meinem Theraonkel, dass ich B. nie wieder sehen und ganz schnell vergessen möchte. Alles in allem ist es eine irgendwie denkwürdige Stunde beim Theraonkel. An dieser Stelle möchte ich abgesehen von obigem Zitat nicht viel mehr dazu sagen. Nur, dass ich daraufhin zu ihm schmunzelnd meinte: "Sie sind aber schon so ein kleiner Hippie." "Nein gar nicht, eigentlich bin ich ein sehr konservativer Mensch", antwortet er, und ich weiß, dass er das schon einmal erwähnt hat, als es um Alkohol und Drogen ging. Beides lehnt er vollkommen ab, findet es bei mir aber gar nicht so schlimm, jedenfalls die gelegentlichen Eskapaden mit Chemie. Und er sagt auch, dass ihm klar ist, dass er das nun nicht zu mir sagen sollte. Manchmal frage ich mich, wie sehr ich wohl für meinen Therapeuten die Sicht auf die Welt verändert habe.

Am Freitag fahre ich mit der Gewissheit von meinem Theraonkel weg, dass ich B. auf jeden Fall sagen will, wie sehr er wieder nachschwingt. Denn: wenn Dinge weh tun könnten, dann könnte man sie natürlich immer vermeiden. Das führt aber dazu, dass man nicht einmal die schönen Momente hat, nach denen es vielleicht (!) weh tut. Und wohin hat mich mein Vermeidungsverhalten, meine destruktiven Gedankenkreise und meine permanenten Unterstellungen gegenüber anderen Menschen bisher gebracht?

B.'s Antwort überrascht mich. Auch das möchte ich gerne für mich behalten, weil es so wunderschön ist. Das, was er schreibt, fühlt sich so intensiv und nahe an, dass mir warme Schauer über das Herz laufen. Es bleibt dabei, dass ich nichts erwarte, und viel bekomme, für den Moment. Und vielleicht geht es ja wirklich nur um eben diesen.

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Samstag. Karo*tte wird auf Sonntag verschoben. "Soll ich heute Abend trotzdem zu dir kommen?" fragt der kleine Benjamin. "Hm was machen wir denn da dann?", entgegne ich. Der kleine Ben schreibt: "Wie meinstn du das?" Und ich beeile mich zu sagen: ja ne, haste recht, war ne blöde Frage. Es ist und bleibt eben nur das eine.

Am Abend hole ich ihn ab, zum ersten mal dort wo er wohnt. Im Odenwald. Mein Vater sang meinem Bruder und mir, als wir ca. 7 und 6 waren, vor: "Im Odenwald im Odenwald, da wurden ihm die Hoden kalt." Diesmal wurden erst mir die Hoden kalt. Es ist nämlich das erste mal, dass wir uns treffen, wenn ich vollkommen nüchtern bin. Und so stelle ich mich auch an. Schüchtern. So schüchtern. Es ist aber auch komisch. Da steigt jemand bei Ihnen ins Auto, und Sie fühlen sich wie so ein kleiner Freier. Fahren mit diesem jemand zu sich nach Hause, und Sie wissen genau - der jemand wills jetzt aber auch wissen. Sehr gewöhnungsbedürftig für mich, ganz nüchtern, und in dieser Konsequenz.

Als ich endlich in Fahrt bin und auf ihm sitze, dauert es keine 2 Minuten. Dann ist es vorbei. Ich schaue blöd. Denke mir: wars das jetzt? Dafür bin ich in den Odenwald gefahren??? Er spürt mein Entsetzen Erstaunen. Das ist aber auch neu. Bisher war es immer so, dass ich mich fragte, warum er denn so ewig nicht kommt. Er ist müde, das sehe ich, und ich bin es ja auch, also schlafen wir.

Am nächsten morgen kassiert der kleine Pascha noch ein Frühstück bei seiner Freierin. Ja, es schmeckt. Na das freut mich. Ich bin leicht pissed. Und ziehe ihn deswegen heran zu Schadensersatz für die letzte Nacht. Das gleiche Szenario. Ich bin fassungslos und versuche es mir nicht zu sehr anmerken zu lassen, weil ich merke, dass es Ben wirklich peinlich ist und er gerne im Erdboden versinken möchte. Er will nach Hause. Hm. Ich fahre ihn. Wir haben uns nie viel zu sagen, so ist das auch im Auto, schon beim Holen. Wir sind einfach null auf einer Wellenlänge - außer im Bett, und da hats diesmal echt... -
Witzig war, als er mir eine Abkürzung zeigen wollte und meinte: "Ich zeig dir wie es schneller geht"... es hat mich zerrissen. Ihn dann auch.

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Auf dem Heimweg kommt die Einsamkeit. Der wunderschöne Odenwald zieht an mir vorbei, soviel Grün, so schöne Hügel, eine Idylle mit Pferden und Wäldern. Und mittendrin mein kleiner Druffi Benjamin. Der nicht versteht, warum ich nicht RTL2 auf Favoritenplatz 1 habe, sondern ZDF Doku, Einsfestival und Co. Der nicht versteht wenn ich versuche etwas Privates zu erfahren, und der kaum versteht, wenn ich Privates erzähle. An einer Baustelle meinte er, als der vor uns eine komplette Grünphase verpasst: "Ich hasse dumme Menschen!" Ich versuche nicht gemein zu sein, lache nicht und spare mir die Frage: "Das sagst du?!" Die Arroganz würde mir sowieso im Hals stecken bleiben. Vermutlich tue ich ihm unrecht. Er kann ja auch so unglaublich süß sein, und doch...

... wäre er nie ein Mann für mich. Deswegen verstehe ich nicht, wieso die Einsamkeit ihre Krallen nach mir ausstreckt und über das Herz kratzt. Warum ich mir wünsche, er würde sich mehr für mich - also MICH - interessieren. Fragen stellen. Mich mehr umwerben. Sich in mich verlieben.

Ich versuche, wie schon öfters in den letzten 12 Stunden, an die Worte meines Therapeuten zu denken, um nicht wieder in einen Gedankenkreisel zu geraten. .. Schön... Moment... Was höre ich... was sehe ich... der Moment... Da ist jemand der mich begehrt... Ich will doch selbst auch nicht mehr... alles ist gut... genieße den Moment...

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Freunde gehen nicht ans Telefon oder haben keine Lust. Ich habe allerdings noch zwei Freikarten mit freier Filmauswahl für das Festival des Deutschen Films, das mit diesem Wochenende enden soll. Ich fühle mich einsam... Mag mich denn keiner..



Moment... Schön... Wetter Sonne..

Vom Hafenstrand wehen Kar*ottes Klänge... Wegbeamen? Aber allein? Allein...

Mit wehem Herzen fahre ich um halb fünf zum Filmfestival. Weil ich weiß (und fühle!), dass das besser für mich ist. Die Frau an der Kasse rät mir von allen für den heutigen Tag anstehenden Filmen zu Scherbenpark. Ich mag Ulrich Noethen, und den Film letztendlich auch.

Er entbehrt nicht einer gewissen Komik. Leider bekomme ich den Original Dialog nicht mehr hin. Sinngemäß: Das Mädchen Sascha entjungfert den Sohn des Redakteurs. Er kommt noch schneller als Ben. Sie kuckt enttäuscht. "Wie, schon vorbei?" Er: "Na.. wielang sollte sowas denn dauern?" Sie: "Naja.. irgendwie länger." Dabei schmecke ich Ben in meinem Mund und rieche ihn an meinen Fingern, ich lache und mein Herz auch ein bisschen, und ich freue mich, dass ich alleine zum Filmfestival und in genau diesen Film gegangen bin.

Moment... schön... Zufrieden.. Sonne... Wasser... Alles gut...

Weil ich ja nun noch eine Karte übrig habe, hat mir die Kassenfrau für morgen einen weiteren Film empfohlen. Morgen weil: LU war dieses Jahr etwas vom Unglück verfolgt. Erst das Hochwasser, das Umsiedeln des Festivals, dann der Lagerbrand. So wird ein Montag rangehängt und es werden die Filme von vor einer Woche, dem Brandsamstag, wiederholt.

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Zu Hause. Die Sonne schein. Und Kar*otte klingt so gut. Ich nehme mir ein Bier aus dem Kühlschrank und setze mich an den Kanal um mein Gesicht in die Sonne zu halten und zumindest so den Sound zu genießen. Telefoniere mit J., der mir von seiner neuen Beziehung erzählt.



Alles gut... soll doch... Kanal.. Sonne... Gräser im Wind... gute Musik.... Wegbeamen wär schön.

Plötzlich steht F. vor mir. Drauf wie Lotte, und mit einem mir völlig unsympathischen Kumpel. Deswegen beschließe ich, mich den beiden nicht für ein aktives Abzappeln mit allem drum und dran für die letzten zwei Stunden Hafen anzuschließen, sondern gehe nach Hause und koche. Auch, weil F. extrem kurz angebunden ist. Neulich habe ich ihm von Ben erzählt. Und auch, dass er bedeutungslos für mein Leben ist. F. war ganz sprachlos: "Warum schläfst du mit jemandem, der für dich bedeutungslos ist, aber nicht mit jemandem, der dich mag, und den du magst? Warum schläfst du nicht mit mir? Warum lehnst du das so sehr ab?" "Weil wir uns endlich gut verstehen, mit Sex würde wieder alles ganz komisch und wir würden uns zerstreiten und Monate nicht miteinander reden... alles von vorne..." Aber seine Worte klingen nach. Auch heute noch. Es gibt immer wieder kleine Momente, in denen sie hochpoppen. Danach hat F. das erste mal nicht mit mir in einem Bett geschlafen, obwohl ich es frisch beziehen wollte. Er hat alleine auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen. Mir hat das wehgetan. Aber das Drumherum ihm vermutlich noch mehr, deswegen schluckte ich meine Verletztheit. Es ist komisch mit uns.

Im hier und jetzt.... Wegbeamen wär so schön... Sonne... Hach legt der gut auf... Moment.... muss doch alles irgendwie gut sein......

Beim Kochen spüre ich den Kloß im Hals. Papa ruft an. Und alle Dämme brechen. Ich erzähle ihm von B. und Ben und meinen Gefühlen und dass ich so bin wie ich bin und warum ich da nicht rauskomme aus dieser Traurigkeit, von der ich gar nicht weiß warum sie da ist. Und dass ich doch schon versuche, dann mir Gutes zu tun. Mit Film. Und Hafen. Denn es geht nicht um Ben, auch wenn er das nun erstaunlicherweise ausgelöst hat. Und auch nicht um B. Es ist etwas in mir, ganz tief und allumfassend und alt und völlig unabhängig von Ort, Zeit und Mann.

Dann bin ich ruhiger. Und ich schreibe das hier. Im Herz ein kleiner Scherbenpark, einen, wie ich ihn schon oft gespürt habe, von dem ich aber weiß, dass er mit heute und gestern nichts zu tun hat, sondern dass er ein Teil von mir ist. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihn loskriege. Oder endlich annehme. Ben rieche ich immer noch.


Seelenheil ~ ... link (1 Kommentar)   ... comment





Freitag, 28. Juni 2013
Applaus Applaus.
Das mit den verheirateten Männern scheint mir eher etwas für die Hartgesottenen unter uns zu sein. Und nein, damit meine ich nicht mich.

Es hätte heute alles passieren können, ich hatte allerdings zwei Vorsätze: keinerlei körperlicher Kontakt, und keine Übernachtung.

Gleich vorweg: ich habe mich an meine Vorsätze gehalten, auch wenn es ist mir unglaublich schwer gefallen ist. Ihm wohl auch, ich denke, er hätte gerne hier geschlafen, er hat das auch so durchklingen lassen als er schon von seiner Parkplatzsuche erzählt hatte.

Ich hatte gehofft, dass ich ihn sehe und mir denke: igitt. Ich hatte gehofft, dass wir uns nichts zu sagen haben. Ich hatte gehofft, dass er arrogant oder widerlich ist, oder vielleicht herrisch oder dumm. Ich hatte gehofft, dass ich ihn unsympathisch finde und nie wieder sehen will.

Aber er ist keine 5 Minuten aus der Tür, und ich möchte am liebsten anrufen und sagen: ich will dich sehen. Ich möchte wieder in seine grünen Augen kucken und seine Lachfältchen anhimmeln. Möchte seinen schmalen athletischen Körper, der sich durch das weiße T-Shirt und die Jeans abzeichnet, bewundern. Und sein schönes gesundes Gesicht mit dem schönen Mund und den weißen Zähnen. Möchte seiner Stimme lauschen, wie sie mir aus seinem Leben erzähl. Wir haben so viele ähnliche Ansichten und Gedanken, Vorlieben und Ängste. Ich falle fast in Ohnmacht wie er mir vom Holzhacken erzählt, davon wie er Natur betrachtet, von Grüntönen, von Zweigen, von Flugangst, von der Liebe zu Büchern statt eBooks, davon, dass ich irgendwelche richtigen Knöpfe gedrückt hätte, so dass er nicht mehr rauchen und noch mehr Sport machen mag, und ...

... wie er jeden morgen die gleiche Platte "steht auf und zieht euch an" für seine Kinder auflegt. Wie er das erzählt... mein Herz geht auf - und schreit. Er berichtet von seiner Ehe und den Kindern. Ich fühle mich schlecht, und es tut weh. Ja, scheiße, ich weiß auch nicht warum, aber es tut tatsächlich weh, und das ist wohl auch der Grund, warum ich an meinen Vorsätzen festhalte.

So deutlich tue ich meine Gefühle nicht kund, aber ich wachse insofern über mich hinaus als dass ich ihm sage, dass ich einfach auf mich selbst aufpassen muss und dass ich nicht glaube, dass es so gut ist wenn ich mich öfters mit verheirateten Männern treffe. Er meint zuerst, ich hätte ein schlechtes Gewissen und dass das ja für meinen Charakter sprechen würde. "Nein", antworte ich, für mich ungewöhnlich klar und offen, "das ist reiner Selbstschutz." Er nickt. "Deswegen hast du auch nicht auf die SMS mit der Schnurrkatze geantwortet?" Er nickt weiter vor sich hin. " Du hättest es nach dem Samstag wirklich ausschleichen lassen, oder?" "Ja, das hätte ich.." sage ich leise. "Ich finde es trotzdem sehr nett hier heute Abend mit dir", meint er, "es klingt komisch weil ich dich kaum kenne, aber du hast mich irgenwie besonders beeindruckt."

Irgendwann geht er. Es zerreisst mich fast. Bravo, denk ich mir, Bravo, Oka. Was für eine Scheiße. Ich habe keine Ahnung wie er mich so schnell mitten im Herz treffen konnte. Ich habs schon längst verloren, so unfassbar es auch klingt, und so wie es sich anfühlt kann ich kaum glauben, dass Vorsätze und Grundregeln so gute Ideen sind.


Seelenheil ~ ... link (8 Kommentare)   ... comment





Mittwoch, 26. Juni 2013
Jemand sagte mir mal als ich 21 oder 22 war: "Du bist so eine schöne Frau. Wenn du irgendwann einmal begreifst und spürst, wie schön du bist, dann wirst du einen Raum betreten und alle darin in deinen Bann ziehen."

Dabei hat er mich nie angebaggert, er wollte immer meine Mama kennenlernen.

Dieser jemand ist gestorben, viel zu jung. Ich war heute sehr sprachlos. Und die ganze Heimat sicher auch. Tschüss H., es war mir ein Fest dich kennengelernt zu haben. Du hast sicher sehr viele bleibende Eindrücke in ganz vielen Herzen hinterlassen. Danke dafür.






Montag, 24. Juni 2013
Von Spagat und Filly Pferdchen
Ich bin 33. Ich habe Zeit. Viel Zeit. Aber nicht soviel wie ich möchte. Eigentlich habe ich zum Beispiel gar keine Zeit zu arbeiten, denn ich muss noch so viele Dinge tun und sehen, und Verrücktheiten ausleben, und Menschen kennenlernen. Und dabei dann doch irgendwie auch heiraten und Kinder kriegen und konventionell leben. Aber ich weiß gar nicht, wie diese Leben und Dinge und Wünsche so miteinander und gleichzeitig harmonieren könnten. Deswegen tue ich wohl immer noch das eher (für mein Alter) unkonventionellere, und lebe eben wie ich lebe.

Wie an diesem Wochenende. Als ich in der Freitag Nacht um 0:45 Uhr müde mein Licht löschen will, klingelt es an der Tür. Durch die Gegensprechanlage lausche ich den leicht angeschlagenen Tönen von P. Er und B. seien da, und sie fänden es eine suuuuuuuuper Idee, wenn ich jetzt gleich noch einen mit ihnen trinken gehe. Denn ich soll doch B. auch endlich mal kennenlernen. Und überhaupt..

Ich schweige verwirrt. B. meldet sich zu Wort: die laue schöne Sommernacht könne ich doch bitte mit ihnen verbringen, und außerdem er will jetzt diese Frau kennenlernen von der P. behauptet, dass es eine super Idee sei bei ihr nachts um kurz vor 1 Uhr zu klingeln. Ich leier mir ein "Häääää?" aus der Kehle, und lasse die zwei dann erst einmal in meine Wohnung hoch.

In Leibchen und Panties kredenze ich den zwei angetrunkenen Nachtwandlern Rotwein und kucke hochgradig verwirrt vom einen zum andern, wie sie da auf meinem Sofa sitzen und mich, zwei Eulen gleich, anblinzeln.

P. habe ich an einem meiner letzten Wochenenden vor meinem Wegzug kennengelernt. Er hat ewig rumgeeiert, bis wir uns vor einigen Wochen wieder getroffen haben, seitdem haben wir regen Kontakt, von dem ich aber nicht genau weiß, wie ich ihn einstufen soll. Flirten wir? Lernen wir uns einfach kennen? Oder freunden wir uns an? Jedenfalls fand ich seinen Kommentar neulich darüber, dass Leute die länger ohne feste Beziehung sind, in Therapie gehören, nicht nur überflüssig, sondern schlichtweg dumm, und das passt so gar nicht zu ihm - oder zu dem Bild, das ich bisher von ihm hatte, das aber immer mehr bröckelt.

Ich gebe mir einen Ruck und schließe mich den beiden für einen Nachtflug durch meinen Kietz an. B. und ich sind subito auf einer Wellenlänge. Wir rauschen durch die Nacht, er riecht so unglaublich gut, wir begegnen lustigen Menschen mit einer Kamera auf dem Kopf, die mit Bildern im 10-Sekunden-Takt ihre Nacht dokumentieren, um am nächsten Morgen noch zu wissen wen sie getroffen und was sie getan haben. "Veröffentlichung völlig ausgeschlossen, Ehrenwort."

Die Wellenlänge zwischen B. und mir lässt P. nicht ganz kalt und er haut wirklich spitze Kommentare raus, bis ich die Schnauze irgendwann voll habe, und mit B., der so gut riecht, die Kneipe verlasse. Ich bin angenervt von Fragen wie "soll ich euch alleine lassen", und andere blöde Kommentare, die mich als leichtes Mädchen hinstellen. Auch, weil ich dachte, dass eigentlich P. und ich eine Art "Date" haben. Und ich frage mich still: du Arschloch, was soll das denn? B. und ich gehen also, wir wollen uns nur kurz verabschieden. Wir reden und reden, und dann.. küssen wir uns kurz, und er möchte meine Nummer. Ich gebe sie ihm und gehe nach Hause.

Denke an P.'s spitze Kommentare und daran, wie sie und die anderen gesammelten Kommentarwerke aus dieser Woche mich verletzen. Überlege, warum B. und ich uns aber dann doch küssen, und warum ich das Gefühl habe, dass der etwas in mir losgetreten hat, das ich nicht möchte. Denke mir, scheiße du kannst den nicht mehr sehen. Top 1 Regel.

Gehe ins Bad, putze Zähne, sinniere auf dem Klositz, mache eine Katzenwäsche, schaue mir im Spiegel tief in die Augen, und bin traurig --- oder eher nachdenklich --- weil ich bin wie ich bin und weil mich trifft was andere sagen, weil ich mich von diesen Kommentaren so runterziehen lasse und denke daran, wie LeSchwe mich beim Abendessen in den Arm genommen hat, weil ich so geweint habe über die Woche und das, was sie in mir in Bewegung gebracht hat.

Hau mich in die Koje und fange an im Blog zu tippen. Weil ich mich gefangen fühle. In mir, in meiner Haut, in meinem Leben, weil ich enttäuscht und desillusioniert bin.

Da klingelt es an der Tür. Ich denke, es ist P., der sich für seine blöden Kommentare entschuldigen will, und trippel zur Sprechanlage. Es ist B.

Tick... Tack... Tick...

Der P. sei nirgendwo. Er findet ihn nicht mehr. Er sei jetzt im H***stolz gewesen, und im Bl*u, und im Rh*d*s, und er sei einfach nicht zu finden.

Tack... Tick... Tack...

Ich will nicht, dass B. bei mir schläft.

"Scheiße, kann ich bitte hochkommen?" Ich bin wütend. Weil B. da steht, und nicht P., weil ich mich nach wie vor verletzt fühle, und nun auch noch verarscht. Ich drücke den Türöffner. Als B. vor mir steht, hauts mir nur die Frage raus, ob das alles ein abgekartetes Spiel sei. Er kuckt mich an als hätte ich gefragt, warum er nicht ständig einen Dildo in der Handtasche spazieren trägt.

Ich rufe P. an. Mailbox. Gifte eine Nachricht, dass ich jetzt B. schon beherbergen werde, das aber eine ziemlich beschissene Aktion finde, und dass er mich mal kreuzweise kann.

Ich habs echt versucht. Aber ich bin eben ich. Und so gefangen wie ich in mir bin, so frei bin ich doch, und so sehr bin ich eben nun mal ---- ohne wenn und aber --- ich. B. und ich reden, und irgendwann ruft P. zurück, und B. erzählt ihm eine komische Story, und letztendlich.. bleibt B. da.

Am nächsten Morgen fragt er mich als erstes, ob er mir Frühstück machen soll. Er verblüfft mich mit dieser Frage nicht das erste mal. Er hinterlässt Eindruck, ob ich will oder nicht --- und ich will nicht. Ich wehre mich so sehr, innerlich. Er schaut mich an, und streichelt mich, er streichelt mein Gesicht, streicht mir die Haare aus der Stirn und schaut mich stumm an, mit großen Augen und einem Blick, den ich sehr lange nicht mehr gesehen habe. "Ich schaue dich einfach nur an." Ich finde ihn nicht schön, und doch unglaublich anziehend. Mit ihm zu schlafen ist mit ihm schlafen und nicht im Ansatz zu vergleichen mit dem F-Wort. Sein Körper ist warm und nah und vollkommen. Und er erzählt Dinge, von dieser Studentenstadt im Winter, und Schal, und Tee, und einer Romantik, die ich mitfühlen und ertragen kann.

Mit jeder Minute wird mir dieser fremde Mann, der mir so schnell vertraut war, noch vertrauter. Als wären wir alte Seelen die sich ewig kennen. In aller Desillusioniertheit ist er ein unerwartetes Wunder, an das ich keinerlei Erwartungen habe.

Am Nachmittag lässt er sich von P. abholen, wir versprechen einander, kein Wort über uns zu verlieren, über das was war. Er sagt, er meldet sich. Und ich denke mir, ja klar, und erwarte nichts.

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Ich selbst gehe unter die Dusche. Um 17 Uhr will ich im Taunus sein, ich spurte zum Auto. Die Gewitterwolke irritiert mich. Bis ich merke, dass das keine Gewitterwolke ist, sondern dass es sich um dunklen Rauch zu handeln scheint, der in LU produziert wird. Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss, und starre in die Richtung, aus der mehr und mehr Qualm wie aus einem Schornstein aufsteigt. Im ganzen Kietz riecht es nach Brand, und ich dachte noch: wie cool, die grillen alle. Das Radio klärt mich auf. Ich überlege, ob all meine Fenster zu sind. Egal. Freaky. Auf gehts.

Mit meiner neuen Liebe, meinem A3-Raumschiff, fliege ich gen Norden. Die Anlage ist der Hammer, ich höre Gus Gus, Eulberg und einen Flo-Mix und schwebe durch den späten Nachmittag.

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In einer anderen Welt steige ich aus dem Auto. Da sind Vater, Mutter und zwei Kinder. In einem Reihenhaus in der Bonzenregion. Da gibt es Bio und eine gemeinsame Vergangenheit, die sich irgendwann entzweit hat, und die man langsam hinter sich lässt um sich wieder zu nähern.

Ich verliebe mich sofort in die Jüngste. 2 Jahre alt ist sie, und so lustig und süss und clever, dass ich sie gerne entführen möchte, in meine Welt mit Sp**d auf dem Nachttisch, Elektro im Auto und dem kleinen heißen Benjamin (ein junger Affärenkerl - nicht B.!) in meinem Bett.


Die Ältere schenkt mir ein Filly Pferdchen, Rini meint, darauf könne ich mir was einbilden, ich sei jetzt in die höheren Weihen aufgenommen, und ehrlich: ich bilde mir etwas ein und freue mich, ich mag diese Familie und diese tollen Mädels, und bin froh dass ich bin wo ich bin, und dass Rini und ich uns anscheinend langsam wieder näher kommen, weil ich sie mehr verstehe, und sie, jetzt wo sie wieder arbeitet, vielleicht auch wieder mehr Verständnis für mein Leben hat.

Rini's Mann M. freut sich, dass mal eine Frau da ist die nicht nur über Kinder redet, sondern die mit ihm Elektro hört und darauf abfeiert.

Abends meldet sich B. Spät in der Nacht antworte ich ihm. Dass er ganz schön Eindruck hinterlassen hat. Nothing to lose but my heart.



Am nächsten Morgen werde ich von einer lieblichen Mädchenstimme geweckt: "Oka, du musst aufstehen. Es ist schon 12!" Ich grunze HÄ und flüster: "Hmnjaohmmhöö ich bin eine ganz schöne Schlafmütze, oder?" "JA!" sagt die Mädchenstimme bestimmt, und die 4-jährige hüpft aus dem Zimmer.

Ich bekomme rosa Nagellack mit Glitzer auf meine Fußnägel, denn das gehört sich so.

Ich mache Bekanntschaft mit der Heule-Eule, dem Mecker-Schaf und der Motz-Kuh, und möchte die im nächsten Meeting einführen. Ich bin beim Kinder-Schwimmkurs und sehe, wie so kleine Wichtel lernen sich über Wasser zu halten. Ich sehe, wie Kinder auf die Fresse fallen, schreien, aufstehen, weiterschreien und irgendwann einfach weiterleben, mit dicker Lippe, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wir können viel lernen von diesen Kindern. So viel.

Selten war ich so verliebt. Diese Kleine... M. meinte schon bei der Planung meines Besuchs, dass sie und ich bestimmt ein Verständnis hätten, wir beide hätten nur Unfug im Kopf - ich hätte mehr Erfahrung mit Unfug, sie sei skrupelloser, und die Mischung wäre ja wohl fatal - aber ich habe immer Angst, dass Kinder mich ablehnen oder doof finden. Bei der Kleinen und mir ist das aber anders. Sie ist so entwaffnend und flirtet mit so einer Kunst, dass ich mich einfach nur ergeben kann. Es ist wunderschön, so von einem Kind erobert zu werden. Ich liebe und schnüffle, weil sie so toll riecht. Ohne Angst. Einfach nur so, weil es gut ist.


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Am frühen Abend fahre ich nach Hause. Vor mir liegt FFM, und ich verstehe, dass der kleine Professor dieser Stadt erliegt. Ich denke über die Kleine nach, über mein Leben, mein Hoffen, meine Wünsche, meine Leidenschaften, meine Sehnsüchte, meine Begierden, meine Sünden, meine Abgründe.

Es wäre ein ewiger Spagat. Ich bin im ewigen Spagat. Zwischen Filly Pferdchen und Sp**d auf dem Nachttisch. Ich kann mir das eine vorstellen aber das andere nicht aufgeben. Ich bin ratlos und lebe einfach vor mich hin, für den Moment, für dieses Wochenende, und fühle mich trotz der sich anbahnenden Katastrophe einfach nur wohl. Ich liebe es mich am Leben zu berauschen.


Gegen 20:30 Uhr ruft B. an. Damit rechne ich nicht, ich bin gerade auf dem Balkon und begutachte meine Blumen. Höre es nicht und rufe erst eine halbe Stunde später zurück, weil ich mit Herzklopfen das Telefon in der Hand halte und nicht weiß, ob das alles gut ist.

Er hebt ab. Wir wissen nicht viel zu sagen. Er versucht zu rechtfertigen warum er wortkarg ist obwohl er angerufen hat. Du musst dich nicht erklären, sage ich. Nach wie vor erwarte ich nichts, sondern höre und erlebe nur. Er sei nicht nur tief beeindruckt von unserem Erlebnis, sondern auch nachhaltig tief emotional verwirrt. Wie es mir damit ginge. "Sehr ähnlich", sage ich. Er möchte nicht am Telefon mit mir weiter darüber reden, ob wir uns nicht am Mittwoch oder Donnerstag treffen können.

Können wir. Ich fluche. Verfluche mich. "Meinst du denn, das ist wirklich ne gute Idee?", frage ich. "Ich weiß es nicht", antwortet er, "aber ich weiß, dass ich nicht am Telefon mit dir reden sondern dich sehen will."

Ich telefoniere mit LeSchwe, trinke einen halben Liter Rotwein, schreibe diesen Beitrag. Fühle mich, als würde ich mit 180 auf eine Wand zurasen. B. hat zwar eine große Krise, in seinem Leben, in seiner Ehe, ich weiß das auch von P. Aber egal wie ich es drehe und wende - er ist einfach verheiratet und hat zwei Kinder. Ich erwarte nichts. Und trotzdem ist er plötzlich einfach da. Auch wenn ich das nicht will.

P. hat mich vor einigen Wochen gefragt, warum ich eigentlich in den letzten zwei Jahren so hartnäckig den Kontakt zu ihm gehalten habe, so hartnäckig darin war, dass wir uns wiedersehen. Er bewundere das, fände es aber nach wie vor ulkig. "Ich weiß es nicht", sagte ich damals, "aber ich habe einfach das Gefühl, dass wir uns noch etwas zu erzählen haben. Was, das weiß ich nicht. Nur, dass noch nicht alles gesagt ist, und ich keine Schubladen aufmachen kann. Ich weiß nur die ganze Zeit: da kommt noch was!" Und ich hoffe inständig, dass ich damit nicht B. gemeint habe.


Bevor ich vergesse welchen Podcast ich hier verlinkt hatte: Wepem Podcast - April 2013 - The Taurus Mixtape by Stan Chiari






Samstag, 22. Juni 2013
Gefangen.
Ich bin 33. Ich habe Zeit. Viel Zeit. Zuviel Zeit wohl für meine Freunde und Freundinnen. Die einen werden schwanger und erzählen mir, dass ihr Umfeld meint, mit 32 sei es auch wirklich höchste Eisenbahn. Die anderen beschweren sich darüber, dass ihre 36-jährigen Exfreunde peinliche Statusmeldungen bei Facebook posten. "Der lebt, als wäre er 16!" "Ähäm.... Ich auch..." Der nächste erklärt mir indirekt, dass jeder, der seit mehreren Jahren -----

Sonntag, 23.6., 21:30 Uhr
Obenstehendes fing ich in der Nacht von Freitag auf Samstag an zu tippen. Dann klingelte es an meiner Tür und ich habe B. in mein Leben gelassen.

Ich möchte das nun anders erzählen, was lustig ist, denn wie sehr verändern sich oft meine Sichtweisen in nur 48 Stunden, oder wie ändert sich überhaput unser Blick auf die Dinge, wenn die Dinge erst mal weitergelaufen sind, sich weitergesponnen haben.

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Um den Satz, bei dem ich unterbrochen wurde, zu beenden "... ohne feste Beziehung ist, in Therapie gehört." (NOT to be discussed!)