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Donnerstag, 10. April 2014
okavanga, 01:03h
Kann nicht mehr differenzieren was oder wen ich genau zum Kotzen finde, auch wenn die Selbstkontrolle schnell zurückkam und nach außen alles einigermaßen gut ist. Denke zwischendrin auch immer mal wieder, dass es gerade doch ganz ok ist, und dann kommt eine Winzigkeit und in mir brodelt von jetzt auf gleich ein riesen Vulkan hoch. Oft eher Wut und Ohnmacht als Traurigkeit, letztere stellt sich aber immer schnell mit ein.
Das fehlende Selbstbewusstsein steht mir natürlich bei der Reittherapie arg im Weg. Denke mir immer öfters, dass ich eigentlich Teil der Klienten und nicht Helfer sein sollte. Und die Pferde spüren diese Unsicherheit natürlich. Es ist gerade eine Art Teufelskreis, nicht nur auf dieser Baustelle. Im Chor ist es ähnlich. Alles Dinge, die mir nicht auf natürliche Art und Weise von der Hand gehen, weil alles neu für mich ist. Die Unsicherheit führt dann erstrecht zum ein oder anderen Patzer, und es verstärkt sich mein Selbstbild immer mehr. Eine sehr ungewollte self-fulfilling prophecy, wohl. Und das macht mich dann noch mehr rasend: dass ich nicht die Bremse gezogen bekomme in dieser Abwärtsspirale. Ich schau mir gerade hilflos und bei vollem Bewusstsein dabei zu wie ich immer schwächer, immer kleiner werde.
Auch in der Arbeit. Überall. Denn ich nehme mich ja auch überall mit hin. Dabei sehne ich mich nach nichts mehr als endlich mal wieder zufrieden oder erfüllt zu sein. Es ist unbeschreiblich schrecklich und ich werde immer mutloser. Am Freitag bin ich bei Herrn M. Glaube es aber erst, wenn ich wirklich dort sitze. Er hat letzte Woche seine eigene Praxis eröffnet. Glück gehabt.
Highlight des Tages: Ich berichte meinem Vater von der heutigen Reittherapie. Erzähle ihm, wie es oft in klassischen Reitschulbetrieben abläuft. Wenn einer kommt, das Pferd vom letzten übernimmt, raufgeht, nach der Stunde runtersteigt, und der nächste raufgeht. Er lacht: "Wie im Puff."
Das fehlende Selbstbewusstsein steht mir natürlich bei der Reittherapie arg im Weg. Denke mir immer öfters, dass ich eigentlich Teil der Klienten und nicht Helfer sein sollte. Und die Pferde spüren diese Unsicherheit natürlich. Es ist gerade eine Art Teufelskreis, nicht nur auf dieser Baustelle. Im Chor ist es ähnlich. Alles Dinge, die mir nicht auf natürliche Art und Weise von der Hand gehen, weil alles neu für mich ist. Die Unsicherheit führt dann erstrecht zum ein oder anderen Patzer, und es verstärkt sich mein Selbstbild immer mehr. Eine sehr ungewollte self-fulfilling prophecy, wohl. Und das macht mich dann noch mehr rasend: dass ich nicht die Bremse gezogen bekomme in dieser Abwärtsspirale. Ich schau mir gerade hilflos und bei vollem Bewusstsein dabei zu wie ich immer schwächer, immer kleiner werde.
Auch in der Arbeit. Überall. Denn ich nehme mich ja auch überall mit hin. Dabei sehne ich mich nach nichts mehr als endlich mal wieder zufrieden oder erfüllt zu sein. Es ist unbeschreiblich schrecklich und ich werde immer mutloser. Am Freitag bin ich bei Herrn M. Glaube es aber erst, wenn ich wirklich dort sitze. Er hat letzte Woche seine eigene Praxis eröffnet. Glück gehabt.
Highlight des Tages: Ich berichte meinem Vater von der heutigen Reittherapie. Erzähle ihm, wie es oft in klassischen Reitschulbetrieben abläuft. Wenn einer kommt, das Pferd vom letzten übernimmt, raufgeht, nach der Stunde runtersteigt, und der nächste raufgeht. Er lacht: "Wie im Puff."
Seelenheil ~
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Mittwoch, 2. April 2014
okavanga, 00:24h
Kein guter Tag gestern. In der Arbeit ein bisschen geweint. Plötzlich komplett die Grätsche gemacht und lieber schnell nach Hause gegangen, bevor Pimmelmacker merkt, dass ich weine. Dort noch bisschen mehr arg... also doll geweint. Herrn M. angeschrieben. Darüber noch mehr geweint. Irgendwann eingeschlafen. Sehr sehr müde.
Heute besser.
Irritiert: Pimmelmacker bezieht alles auf sich und denkt ich weine wegen ihm. Kurz tot gelacht.
Erschrocken: über mich selbst. Aber kein bisschen mehr geweint. Ein bisschen rumpilatestet. Ein bisschen gechort. Ratlos. Nachdenklich.
Heute besser.
Irritiert: Pimmelmacker bezieht alles auf sich und denkt ich weine wegen ihm. Kurz tot gelacht.
Erschrocken: über mich selbst. Aber kein bisschen mehr geweint. Ein bisschen rumpilatestet. Ein bisschen gechort. Ratlos. Nachdenklich.
Seelenheil ~
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Dienstag, 1. April 2014
okavanga, 00:19h
Ich decke mich mit einer großen Decke zu.
Blau und wollen legt sie sich
Rau und weich zugleich
Auf mein Gesicht.
Wie wilde Flügel,
wie ein Nachttier
umarmt sie mich.
Nur die Gedanken schauen raus
und der Seele entfliegen Gefühle.
Verheddern sich nicht
Bleiben unbedeckt
Strecken Arme in dunkle Luft
Seufzend und hoffend,
um Erlösung bittend
auf der Suche nach Freiheit und mehr.
Ich decke mich mit einer großen Decke zu.
Warm und sicher
liegt sie schwer auf der Brust
Geflohener Wesen Heimat
bleibe ich nur zurück
und schmiege mich in den Trost
der blauen Wolle.
~
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Mittwoch, 26. März 2014
Rahmen.
okavanga, 23:08h
Zur Zeit wird mir Alleinsein sehr bewusst, und es geht einher mit dem Gefühl der Einsamkeit. Es werden mir die Grenzen in zwischenmenschlichen Beziehungen bewusst, und dass wir, egal mit wie vielen Menschen und Aktivitäten wir uns umgeben, auf uns alleingestellt sind.
Das Gefühl der Einsamkeit läuft meist ganz unauffällig neben mir her. Wie ein kleiner Schatten. Gedeckelt. Angeleint. Aber an manchen Tagen, so wie heute, kriecht sie hervor, wird länger und größer und dunkler, zerrt an der Leine und fletscht die Zähne, und ich könnte nicht sagen, was mir eigentlich fehlt. Es ist manchmal auch ein Gefühl von Langeweile, obwohl mein Leben nun objektiv betrachtet nicht langweilig ist.
Wo ist mein Seelengefährte, frage ich mich laut, und der Stinkbär schaut mich mit großen unergründlichen Augen an.
Ich fühle mich unglaublich einsam ohne Therapie. Weiß nicht mit wem ich so reden soll. Mit wem ich überhaupt reden soll.
Ich habe Angst vor dem Sommer. Vor Baden alleine, in der Sonne sitzen alleine. Nicht weggehen weil ich nicht alleine weggehen kann.
Ich fühle mich eingesperrt. Allein. Einsam. Und es macht mich wütend, denn ich würde mich so gerne an dieses Alleinsein gewöhnen, und kann es einfach nicht.
Eigentlich ödet und kotzt mich alles an. So ein Tag an dem ich mir denke: nicht da sein wär auch ok. Und das kotzt mich dann noch mehr an. Ich will ja so sehr. Strenge mich so sehr an. Aber es ist als dürfe ich einfach nicht. Es hört einfach nicht auf. Und dann trabe ich gedeckelt durchs Leben und stell mir vor wie es sein könnte. Zeig mir selbst anscheinend ne ganz tolle Vorführung. Aber es ist halt einfach nicht so. Nicht echt. Es scheint alles so aussichtslos. Ich habe das Gefühl, ich bewege mich letztendlich keinen Milimeter von der Stelle. Vielleicht tue ich mir unglaublich unrecht, und doch... fühlt es sich nunmal so an.
Noch nie habe ich mich so gesund ernährt. Seit über 16 Monaten bin ich rauchfrei, seit fast einem Jahr ohne Chemie. Esse und trinke Rohkost, Vollkorn, ernähre mich viel bewusster. Ich habe noch nie so ruhig gelebt und so viel geschlafen, so wenig mit Arschlöchern gevögelt. Mag eh sein dass ich mich nicht mehr in Arschlöcher verknalle - aber ich verknalle mich überhaupt nicht mehr. Date nicht mehr. Gehe nicht mehr aus - mit wem auch, es hocken alle nur noch zu Hause, und alleine schaffe ich es nicht, ich bin einfach zu schüchtern. Dafür habe ich noch nie so regelmäßig Sport gemacht. So viele sinnvolle Freizeitaktivitäten gehabt. Neues ausprobiert. Aber ich sag mir jetzt was: das macht mich alles nicht glücklicher. Es ist eher als würde ich krampfhaft einen Rahmen schaffen wollen, der mich zusammenhält. Aber das Bild ist eben immer noch das gleiche.

~Philipp Poisel - Halt mich
Das Gefühl der Einsamkeit läuft meist ganz unauffällig neben mir her. Wie ein kleiner Schatten. Gedeckelt. Angeleint. Aber an manchen Tagen, so wie heute, kriecht sie hervor, wird länger und größer und dunkler, zerrt an der Leine und fletscht die Zähne, und ich könnte nicht sagen, was mir eigentlich fehlt. Es ist manchmal auch ein Gefühl von Langeweile, obwohl mein Leben nun objektiv betrachtet nicht langweilig ist.
Wo ist mein Seelengefährte, frage ich mich laut, und der Stinkbär schaut mich mit großen unergründlichen Augen an.
Ich fühle mich unglaublich einsam ohne Therapie. Weiß nicht mit wem ich so reden soll. Mit wem ich überhaupt reden soll.
Ich habe Angst vor dem Sommer. Vor Baden alleine, in der Sonne sitzen alleine. Nicht weggehen weil ich nicht alleine weggehen kann.
Ich fühle mich eingesperrt. Allein. Einsam. Und es macht mich wütend, denn ich würde mich so gerne an dieses Alleinsein gewöhnen, und kann es einfach nicht.
Eigentlich ödet und kotzt mich alles an. So ein Tag an dem ich mir denke: nicht da sein wär auch ok. Und das kotzt mich dann noch mehr an. Ich will ja so sehr. Strenge mich so sehr an. Aber es ist als dürfe ich einfach nicht. Es hört einfach nicht auf. Und dann trabe ich gedeckelt durchs Leben und stell mir vor wie es sein könnte. Zeig mir selbst anscheinend ne ganz tolle Vorführung. Aber es ist halt einfach nicht so. Nicht echt. Es scheint alles so aussichtslos. Ich habe das Gefühl, ich bewege mich letztendlich keinen Milimeter von der Stelle. Vielleicht tue ich mir unglaublich unrecht, und doch... fühlt es sich nunmal so an.
Noch nie habe ich mich so gesund ernährt. Seit über 16 Monaten bin ich rauchfrei, seit fast einem Jahr ohne Chemie. Esse und trinke Rohkost, Vollkorn, ernähre mich viel bewusster. Ich habe noch nie so ruhig gelebt und so viel geschlafen, so wenig mit Arschlöchern gevögelt. Mag eh sein dass ich mich nicht mehr in Arschlöcher verknalle - aber ich verknalle mich überhaupt nicht mehr. Date nicht mehr. Gehe nicht mehr aus - mit wem auch, es hocken alle nur noch zu Hause, und alleine schaffe ich es nicht, ich bin einfach zu schüchtern. Dafür habe ich noch nie so regelmäßig Sport gemacht. So viele sinnvolle Freizeitaktivitäten gehabt. Neues ausprobiert. Aber ich sag mir jetzt was: das macht mich alles nicht glücklicher. Es ist eher als würde ich krampfhaft einen Rahmen schaffen wollen, der mich zusammenhält. Aber das Bild ist eben immer noch das gleiche.

~Philipp Poisel - Halt mich
Seelenheil ~
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Dienstag, 25. März 2014
Stilles Staunen
okavanga, 00:05h
Am Wochenende war ich zum Hospitieren bei einer Reittherapeutin eingeladen. Die Dame lernte ich vor einigen Wochen auf einer Jobmesse kennen. Dort hatte ich selbst Standdienst und in der Pause stromerte ich durch die Gänge und das eine führte zum anderen.. wie das eben manchmal so ist.
Erst finde ich den Betrieb nicht. Nicht weil er so klein ist (was er zum Glück ist. Hier gilt es nicht möglichs viele Patienten abzufertigen, sondern Zeit und Empathie mitzubringen), sondern weil er so idyllisch liegt, dass man ihn zwischen all den Weinanbauflächen und Obstbäumen kaum sehen kann.
Ich bin unglaublich aufgeregt wie ich da in meinem Auto sitze. Ist ja nicht so mein Ding, die Konfrontation mit einem Bündel an typsichen Oka-Ängsten. Neue Situation, neue Menschen, Unsicherheit. Schiss. Aber ich bin stolz, dass ich mich in die Situation wage.
Und: es tut so gut den Samstag mal um 9 Uhr an der frischen Luft zu starten, und dann auch bis 15:30 Uhr an der Luft zu bleiben. Regen hin oder her. Wir gehen mit geistig Behinderten spazieren (also sie reiten, wir laufen nebenher), longieren weitere Behinderte, und eigentlich fällt mir schon gar nicht mehr auf dass sie anders sind, der MS-Patient mit Sohn fällt heute aus, und am Ende kommen zwei kleine Knirpse, davon ein 5-jähriges Mädchen mit Posttraumatischer Belastungsstörung, das mitten in einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalten-OP (oder so ähnlich, bitte nageln Sie mich nicht fest - es sind unendlich viele neue Begriffe und Eindrücke an diesem Tag) aufwachte, weil der Anästhesist nicht ausreichend narkotisiert hatte.
Der Geruch nach Dung und Pferdehaaren. Der Regen auf dem frischen Grün. Das weiche Pferdefell. Weinreben und in Blüte stehende Obstbäume. Kleine Hände, die die meine greifen wollen. Kleine Geschöpfe, die langsam Vertrauen fassen und ihre Wangen an die weiche Pferdekruppe schmiegen. Die lachen und babbeln, und neugierig sind, und mutig und klug. Und Pferde, die sich ganz sensibel einfühlen und den unterschiedlichen Reitern anpassen. Ich bin völlig fasziniert. Und entschleunigt. Zwar auch angestrengt. Aber geerdet. Da.
Die Therapeutin sucht noch Helfer für die Gruppe psychisch Kranker. 10 Termine. Sie findet, ich habe mich gut gemacht, sowohl im Umgang mit den Menschen, als auch mit den Pferden, und kann sich vorstellen, dass ich weiterhin komme. Ob ich Berührungsängsgte mit psychisch Kranken hätte. Nein, sage ich, und frage, welche Krankheiten die Menschen denn hätten. Chronische Schizophrenie. Ich werde nachdenklich und lasse mit Zeit mit einer Antwort. Nein, sage ich, das ist kein Problem, und ich erzähle ihr von meiner Mutter. Auch sie wird nachdenklich. "Das hat natürlich 2 Seiten. Wenn du selbst dich mit dem Thema auseinandergesetzt, und es vielleicht sogar selbst in einer Therapie bearbeitet hast, du selbst also nicht instabil bist, dann könnte das eine echte Chance sein. Ansonsten birgt es natürlich ein Risiko." Ich berichte ihr von meiner Therapie, und dass sie abgeschlossen ist. Davon, dass ich eine für mich gute Distanz zu meiner Mutter gefunden habe. Sie erzählt mir von der psychischen Erkrankung in ihrer Familie, und von ihrer Therapie.
Am Ende einigen wir uns darauf, dass ich darüber schlafe und mich melde. Und schon im Auto weiß ich, dass ich mich melden werde und das versuchen möchte. Alles in mir weiß, dass es wichtig und richtig ist. Sollte es wider jeglicher Erwartung (ich möchte dem kleinen Arschloch in mir einfach mal den Fuckfinger zeigen, der Drecksack soll mich in Ruhe lassen. Der, der mich immer daran hindern will, dass ich mir endlich nen Palast aus Gold baue) nach hinten losgehen, kann ich es auch immer noch sein lassen.
Abends war ich bei Freunden zum Spieleabend. Nach ein zwei drei Sekt und ein zwei drei Schnapps falle ich zu hause in komatösen Schlaf. Obwohl nein, komatös ist er nicht.
Ich träume als würde ich viele Leben leben. Durcheinander, bunt und intensiv. Der einzige, der bis heute hängengeblieben ist, ist der von LeSchwe. Im Traum begegnen wir uns zufällig in einer großen hellen Shoppinghalle. Ich hasse Shoppinghallen eigentlich, aber diese ist nett, ruhig, gedämpft und nicht so viel Bling Blin, und wenig Leute. Wir umarmen uns und lachen und reden. Und nach einer halben Stunde sage ich ihr: du, jetzt hab ich echt ne halbe Stunde lang gebraucht um mich daran zu erinnern, dass wir eigentlich böse miteinander sind.
Am Sonntag habe ich einen Kater. Mit der Katze auf dem Schoß.
Ich bin gespannt auf alles weitere im Leben. Jeden Tag wieder, auch wenn mich die Arbeit richtig richtig ankotzt. Und ich oft wütend bin und mit mir selbst kämpfe und viel Selbstkontrolle brauche um nicht zu explodieren... bei all den Arschlöchern, den selbstgerechten, den Empörkömmlingen und Pimmelmackern...
Aber hey... schauen Sie mal, die Magnolienblüten da drüben! Und da, wie das Licht sich in den Regentropfen auf den Weinblättern bricht. Und wie sehr sich die Authistin über das Flugzeug am Himmel freut, ihre einzige Gesichtsregung in einer Stunde. Der lustige Spieleabend mit Menschen, die ich mag, und die mich mögen. Die Wolken, die über den Obstbäumen Gebirge spielen. Und der kleine Stinkbär, der mich immer freudig maunzend begrüßt und seine winzige feuchte Nase an meiner reiben will.
Die wirklich wichtigen Dinge. Die sind wunderschön. So klein sie auch sein mögen, manchmal auch versteckt, und oft gefährdet, empfindlich, schutzbedürftig. Schwer zu sehen unter all dem Alltagsrotz. Manchmal mag ich mich ihnen gar nicht öffnen, mag ich ihre Schönheit nicht erkennen, wenn meine Seele mal wieder in dunklem Teer zu ersticken droht. Als müsste ich mir selbst beweisen, dass das Leben einfach scheiße ist. So wird das aber nix mit dem Palast aus Gold. Deswegen mache ich mich jetzt - egal wie schwer es ist - daran die Pimmelmacker auszusperren, und mehr kleine Wunder, das Schöne, Zarte, Feine, Reine reinzulassen.
Eine gute Woche Ihnen allen.

~ Digitalism - Just Gazin'
Erst finde ich den Betrieb nicht. Nicht weil er so klein ist (was er zum Glück ist. Hier gilt es nicht möglichs viele Patienten abzufertigen, sondern Zeit und Empathie mitzubringen), sondern weil er so idyllisch liegt, dass man ihn zwischen all den Weinanbauflächen und Obstbäumen kaum sehen kann.
Ich bin unglaublich aufgeregt wie ich da in meinem Auto sitze. Ist ja nicht so mein Ding, die Konfrontation mit einem Bündel an typsichen Oka-Ängsten. Neue Situation, neue Menschen, Unsicherheit. Schiss. Aber ich bin stolz, dass ich mich in die Situation wage.
Und: es tut so gut den Samstag mal um 9 Uhr an der frischen Luft zu starten, und dann auch bis 15:30 Uhr an der Luft zu bleiben. Regen hin oder her. Wir gehen mit geistig Behinderten spazieren (also sie reiten, wir laufen nebenher), longieren weitere Behinderte, und eigentlich fällt mir schon gar nicht mehr auf dass sie anders sind, der MS-Patient mit Sohn fällt heute aus, und am Ende kommen zwei kleine Knirpse, davon ein 5-jähriges Mädchen mit Posttraumatischer Belastungsstörung, das mitten in einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalten-OP (oder so ähnlich, bitte nageln Sie mich nicht fest - es sind unendlich viele neue Begriffe und Eindrücke an diesem Tag) aufwachte, weil der Anästhesist nicht ausreichend narkotisiert hatte.
Der Geruch nach Dung und Pferdehaaren. Der Regen auf dem frischen Grün. Das weiche Pferdefell. Weinreben und in Blüte stehende Obstbäume. Kleine Hände, die die meine greifen wollen. Kleine Geschöpfe, die langsam Vertrauen fassen und ihre Wangen an die weiche Pferdekruppe schmiegen. Die lachen und babbeln, und neugierig sind, und mutig und klug. Und Pferde, die sich ganz sensibel einfühlen und den unterschiedlichen Reitern anpassen. Ich bin völlig fasziniert. Und entschleunigt. Zwar auch angestrengt. Aber geerdet. Da.
Die Therapeutin sucht noch Helfer für die Gruppe psychisch Kranker. 10 Termine. Sie findet, ich habe mich gut gemacht, sowohl im Umgang mit den Menschen, als auch mit den Pferden, und kann sich vorstellen, dass ich weiterhin komme. Ob ich Berührungsängsgte mit psychisch Kranken hätte. Nein, sage ich, und frage, welche Krankheiten die Menschen denn hätten. Chronische Schizophrenie. Ich werde nachdenklich und lasse mit Zeit mit einer Antwort. Nein, sage ich, das ist kein Problem, und ich erzähle ihr von meiner Mutter. Auch sie wird nachdenklich. "Das hat natürlich 2 Seiten. Wenn du selbst dich mit dem Thema auseinandergesetzt, und es vielleicht sogar selbst in einer Therapie bearbeitet hast, du selbst also nicht instabil bist, dann könnte das eine echte Chance sein. Ansonsten birgt es natürlich ein Risiko." Ich berichte ihr von meiner Therapie, und dass sie abgeschlossen ist. Davon, dass ich eine für mich gute Distanz zu meiner Mutter gefunden habe. Sie erzählt mir von der psychischen Erkrankung in ihrer Familie, und von ihrer Therapie.
Am Ende einigen wir uns darauf, dass ich darüber schlafe und mich melde. Und schon im Auto weiß ich, dass ich mich melden werde und das versuchen möchte. Alles in mir weiß, dass es wichtig und richtig ist. Sollte es wider jeglicher Erwartung (ich möchte dem kleinen Arschloch in mir einfach mal den Fuckfinger zeigen, der Drecksack soll mich in Ruhe lassen. Der, der mich immer daran hindern will, dass ich mir endlich nen Palast aus Gold baue) nach hinten losgehen, kann ich es auch immer noch sein lassen.
Abends war ich bei Freunden zum Spieleabend. Nach ein zwei drei Sekt und ein zwei drei Schnapps falle ich zu hause in komatösen Schlaf. Obwohl nein, komatös ist er nicht.
Ich träume als würde ich viele Leben leben. Durcheinander, bunt und intensiv. Der einzige, der bis heute hängengeblieben ist, ist der von LeSchwe. Im Traum begegnen wir uns zufällig in einer großen hellen Shoppinghalle. Ich hasse Shoppinghallen eigentlich, aber diese ist nett, ruhig, gedämpft und nicht so viel Bling Blin, und wenig Leute. Wir umarmen uns und lachen und reden. Und nach einer halben Stunde sage ich ihr: du, jetzt hab ich echt ne halbe Stunde lang gebraucht um mich daran zu erinnern, dass wir eigentlich böse miteinander sind.
Am Sonntag habe ich einen Kater. Mit der Katze auf dem Schoß.
Ich bin gespannt auf alles weitere im Leben. Jeden Tag wieder, auch wenn mich die Arbeit richtig richtig ankotzt. Und ich oft wütend bin und mit mir selbst kämpfe und viel Selbstkontrolle brauche um nicht zu explodieren... bei all den Arschlöchern, den selbstgerechten, den Empörkömmlingen und Pimmelmackern...
Aber hey... schauen Sie mal, die Magnolienblüten da drüben! Und da, wie das Licht sich in den Regentropfen auf den Weinblättern bricht. Und wie sehr sich die Authistin über das Flugzeug am Himmel freut, ihre einzige Gesichtsregung in einer Stunde. Der lustige Spieleabend mit Menschen, die ich mag, und die mich mögen. Die Wolken, die über den Obstbäumen Gebirge spielen. Und der kleine Stinkbär, der mich immer freudig maunzend begrüßt und seine winzige feuchte Nase an meiner reiben will.
Die wirklich wichtigen Dinge. Die sind wunderschön. So klein sie auch sein mögen, manchmal auch versteckt, und oft gefährdet, empfindlich, schutzbedürftig. Schwer zu sehen unter all dem Alltagsrotz. Manchmal mag ich mich ihnen gar nicht öffnen, mag ich ihre Schönheit nicht erkennen, wenn meine Seele mal wieder in dunklem Teer zu ersticken droht. Als müsste ich mir selbst beweisen, dass das Leben einfach scheiße ist. So wird das aber nix mit dem Palast aus Gold. Deswegen mache ich mich jetzt - egal wie schwer es ist - daran die Pimmelmacker auszusperren, und mehr kleine Wunder, das Schöne, Zarte, Feine, Reine reinzulassen.
Eine gute Woche Ihnen allen.

~ Digitalism - Just Gazin'
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