Sonntag, 25. Dezember 2011
Last christmas...
Ich wünschte, ich könnte hier nun ganz klare und detaillierte Erinnerungen an dieses Weihnachten hinschreiben. Deswegen laufe ich auch vorhin um kurz nach 3 von meinem Bruder zu meinem Vater. Um klar zu werden, um den Alkohol abzubauen. Aber mit jedem Schritt wird das Gehirn nebliger, und die Gedanken glitschen durch meinen Kopf, sie sind nicht mehr wirklich greifbar.

Wir waren in dieser Kirche, die aussah, wie eine Bilderbuchkirche in einem Bilderbuchbayern. Klein, ländlich, sehr hübsch mit wunderschönen Gemälden, einer fantastischen Orgel, einem goldenen Kronleuchter und einem weißen Herrnhuter Stern. Diese für uns neue Kirche in einem für uns neuen Dorf, das erste Weihnachten seit 20 Jahren nicht in der altbekannten Wohnung, nicht in der altbekannten Gemeinde, weil meine Mutter vor knapp einem Jahr umgezogen ist. Ich versuche alles nicht an mich ranzulassen, während Mama bei "Stille Nacht, Heilige Nacht" und "Oh du Fröhliche" weint.

Danach wird es ein bisschen entspannter, nachdem sie in der Küche wieder weint und meint: lass uns einfach einen schönen Abend haben.

Und dieser Abend, für mich ist er nichts anderes als ein Abschied. Ich mag gar nicht so sehr ins Detail gehen, weil ich nicht will, dass ich am Ende hier wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama beschreibe. Andererseits will ich es nichts lieber als irgend etwas anderes festhalten.

Ich erkläre ihr irgendwann, wie es mir geht, vor allem mit der Arbeit, und wie meine Psyche kaputtis ist, und frage sie, ob sie sich daran erinnert, wie sie damals, als ich das erste mal in meinem Leben eine Depression hatte, zu mir sagte: "Es reicht jetzt. Du versprichst mir jetzt, dass du morgen zum Psychiater gehst, dir Antidepressiva verschreiben lässt und eine Therapeutin suchst." Und dass es das Richtigste überhaupt war, was sie sagen konnte. Nein, sagt sie, daran erinnert sie sich nicht, dass sie aber schon immer aufgeschlossen war gegenüber therapeutischer Hilfe.

Stumm schüttel ich schon da den Kopf, also nur so leise in mir drin. Und sie weint und sagt, sie hatte ja keine Ahnung, wie schlimm es ist, und ich versuche ihr zu erklären, dass es jetzt nicht optimal, aber kein Weltuntergang ist, dass der Vorteil nun ja ist, dass ich einigermaßen weiß wie ich damit umgehen soll, und ich weiß, dass ich Hilfe brauche, und dass ich diese Hilfe bereits suche. Und sie weint: "Und dann komm ich da mit meiner Scheiße noch dazu." Ich sage: alles im grünen Bereich. Ja, es belastet mich, aber das ist halt so, und immerhin sei ja noch alles ok, in der Arbeit merke keiner was, und meine Wohnung sieht auch top aus. "Ja, meine auch noch. Noch." Sagt sie. Und ich bin hellhörig, und sie weint weiter, aber egal wieviel ich frage, sie hört an dieser Stelle auf, etwas dazu zu sagen. Ich fühle mich schuldig, sage: scheiße, ich hätte dir das nicht erzählen sollen! Und sie sagt: doch! Und jetzt frage ich mich, ob sie glaubt, sie würde eine Ballast von mir nehmen, wenn sie weg ist. Wieviel größer ist für mich die Ballast eines Suizids, frage ich mich. Und sie nimmt mir das Versprechen ab, dass ich mein Leben änder. Dass ich mir ein Leben suche, in dem ich keinen verspannten Kiefer habe. Ein Leben, in dem ich mich richtig fühle.

Wir sehen viele leere Pfandbierflaschen. Und viel Nachschub im Autokofferraum. Sehen einen Menschen, der ein schönes letztes Weihnachten mit seinen Kindern haben will. Dass es das letzte sein soll, erfahre ich erst von meinem Bruder auf der Rückfahrt. Denn während ich mich anziehe für die Rückfahrt, spricht sie leise mit meinem Bruder, eindringlich, und sie weint, und ich kenne diesen Blick, und ich verstehe nicht um was es geht, ahne es aber, bis er es mir sagt. Bis dahin war der Abend wunderschön. Sie zieht es durch, glaube ich, das rationalisierte Verabschieden vom Leben. In ebenjener bereits beschriebener Wohnung mit beschriebener Deko und beschriebendem Duft und mit der bayerischen Weihnacht auf Ant*enne Ba*yern. Und mit den zwei zuckersüßen Katzen. Und dieser Mama. Dieser meiner Mama. Sie erzählt so witzige Anekdoten aus unseren Leben, aus unserem gemeinsamen Leben. Von meinem Bruder, von mir. Erzählt gestenreich, nein sie spielt es uns vor, uns stehen teilweise die Tränen vor Lachen in den Augen, und fragen uns danach: "Wie kann das sein?? Da scheint es ihr doch so gut zu gehen, in solchen Momenten?"

"Es wird kein nächstes Jahr geben", meint sie zu meinem Bruder. Kein nächstes Weihnachten. Denn sei es nicht besser auch Tiere einzuschläfern, die leiden, wenn es keine Chance auf Heilung gibt. Mein Bruder vereinbarte mit ihr, dass wir zu dritt darüber reden, am 2. Weihnachtsfeiertag.

Aber das ist schwer erklärbar. Wie sehr man so etwas spürt, als Kind. Und wie man sieht, dass sie das auf rationaler Ebene seit Wochen vorbereitet.

Du weißt, sage ich meinem Bruder später, dass das bedeutet, dass wir spätestens bei diesem Gespräch die Polizei und den Notarzt rufen müssen. Und ja, er weiß es, und allein die Vorstellung ist abartig. Und wir fragen uns, ob es nicht wirklich besser ist, einen Menschen von seinem Leiden zu erlösen, anstatt ihn für den Rest seines Lebens zu psychiatrischer und medikamentöser Behandlung zu zwingen, denn wollen wird er es nicht. Wogegen die winzige Hoffnung steht, dass das wiederum die einzige minimale Chance ist, dass sich doch noch etwas ändert. Aber diese Chance ist wie gesagt minimal. Und für mich persönlich läge aus ihrer Sicht der Suizid bei einem aufgezwungenen Leben in der Psychiatrie vermutlich genauso nahe. "Wie mans macht macht mans falsch."

Wir, also mein Bruder und ich, trinken bei meinem Bruder zu Hause Sekt, spielen mit seiner Katze, reden über Mama, und dann viel über Arbeit. Und hören Musik, wie dieses eine. Bis spät in die Nacht. Und fragen uns, ob wir doch bei ihr hätten übernachten sollen.

Es war ein sehr tränenreiches Weihnachten, für uns alle. Mein schönstes Geschenk ist ein Brotkorb. Sie überreicht ihn mir uneingepackt. Er hat eine Herzform und einen roten Boden. Das Holz ist hell. "Den habe ich damals geflochten. Bei meinem ersten Aufenthalt in der Psychia*trie. Ich wollte ihn dir schon die ganze Zeit schenken, und eigentlich noch eine persönliche Widmung hinten draufschreiben. Das hat mir Spaß gemacht, das Korbflechten." Die Widmung holt sie nach. Der Korb ist das furchtbar traurigste schönste Weihnachtsgeschenk, das sie mir jemals gemacht hat.

Als ich nun hier bei meinem Vater die Tür aufsperre, frage ich mich, ob das wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama war.


 
Gänsehaut und Tränen in den Augen.
Wie weit kann man mit gehen mit dem Festhalten und ab wann darf oder muss man loslassen?

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Schlimmer als jede Tat ist das Nichtstun.
Die Mutter würde mit einem kranken Kind auch das tun, was dem Kind gut tut. Nicht was das Kind will.
Und sie will das richtig tun, auch wenn es ihr gerade das Herz zerreisst.
Und deine Mutter ist für euch wie eurer krankes Kind.
Ihr hofft und betet, dass sie euch bleibt, und ihr tut alles dafür.
Es wird schon gut gehen.

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wenn es ihre freie entscheidung ist, dann würde ich das respektieren. letztlich ist es eine krankheit wie auch krebs, und wenn es keine heilungschancen gibt, entscheiden sich ja auch viele krebspatienten für den tod. sie ersparen sich leid und schmerzen, und sie ersparen auch den angehörigen die qualen, weil das ende dann das ende ist. die erlösung.

die frage ist natürlich, wie frei die entscheidung wirklich ist. würde ich mir das leben nehmen wollen, würde ich den abschied nicht als solchen inszenieren, zuerst, um niemanden zu belasten, zum zweiten, um eine mögliche sabotage meines freitods durch mitwisser zu vermeiden. wer sich wirklich umbringen will, tut dies meist still, das weiß ich auch vom objekt. alles andere ist oft ein theatralischer hilfeschrei. ich kenne deine mama ja nicht, ich gebe jetzt nur die allgemeinplätze wieder.

ich könnte mir allerdings tatsächlich vorstellen, dass deine mama wirklich nicht mehr mag. ich würde an ihrer stelle auch nicht mehr wollen (ohne das ausmaß des leidens jetzt im detail zu kennen). aber immer angst haben und niemandem vertrauen können ist arg. schlimmer als depression.

wäre es meine mama und wäre ich sicher, die entscheidung wird aus freien stücken getroffen, ich würde versuchen, meinen frieden damit zu finden.

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Das Problem Deiner Mutter ist ganz sicher nicht durch Psychiatrie und Medikamente zu beheben. Für Medis und das Experimentieren damit ist es wohl zu seelisch, man deckte es nur zu. Auf der anderen Seite (für den Fall, dass man einen wirklich fähigen Psychotherapeuten fände, der ihre Lage und ihre Person ernst nähme) ist ihre Situation zu akut, um nicht zumindest notfallmäßig zur Medikation zu greifen, um den Suizid zu verhindern. Über Psychiatrie habe ich inzwischen eine ganz eigene Meinung, die hier auszuwalzen aber wenig förderlich wäre (und auch nicht sehr tröstlich).

Natürlich ist die Rollenverteilung zwischen Euch umgekehrt, sie ist in der Tat zur Zeit das Kind, und Du bist die Mutter, die sich kümmern soll. Aber diese Verteilung ist so unnatürlich. Du solltest ihr Kind sein dürfen, nicht umgekehrt. Schon, dass Du in Sachen Depression den Rücken gerade hältst, um sie nicht damit zu belasten, sollte eigentlich nicht so sein müssen. Es muss furchtbar für Dich sein.

Problematisch finde ich, wenn ich das so lese, ihre Suizid-Ankündigung. Ich teile da Morphines Ansicht. Wer das tut, tut es meist unerwartet und leise, nachdem er vorher noch super "funktioniert" hat.

Ich frage mich, was Deine Mutter mit diesen Ankündigungen eigentlich sagen will. Auf mich wirkt es so (aber das ist natürlich nur mein Blickwinkel), als gebe es für sie zur Zeit nichts Schlimmeres, als mit ihrer Wahrnehmung der Welt allein gelassen und nicht akzeptiert zu werden. Denn was das betrifft, ist sie ja in der Tat recht einsam. Niemand, der beim sogenannten gesunden Menschenverstand ist, wird ihre Sicht der Dinge teilen. Möglich, dass sie, ohne es eigentlich selbst zu wissen, sich wünscht, dass jemand sie von der letzten Tat abzubringen versucht, damit sie das Gefühl bekommt, zumindest in den Augen einiger Menschen noch "richtig" zu sein. Woher das alles nun letztlich kommt und aus welcher ursprünglichen Problemlage ihre Wahnvorstellungen resultieren, das könnte ich natürlich auch nur mutmaßen. Mir erscheint aber ihr Verhalten ein wenig wie: "Haltet mich fest, zeigt mir, dass ihr da seid und mich liebt, auch wenn ich völlig verrückt bin!"

Ich hoffe sehr, Du nimmst mir meine frei herausgesprudelten Ideen dazu nicht übel. Das war nur, was mir durch den Kopf schoss.

Durchs Herz indessen schossen mir ganz andere Dinge. Dass ich mich mal wieder frage z.B., wer bei all dem Drama denn nun an Dich denkt, wer für Dich da ist und Dich auffängt. Dass ich Dir wünsche, Ihr könnt eine klare Lösung finden. Dass die Verantwortung auf Deinen Schultern weniger werden könnte.

Praktische Lösungen weiß ich da auch nicht. Ich kann mir nicht im Ansatz ausmalen, was ich täte.

Es tut mir sehr Leid.

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