Sonntag, 15. April 2012
Schn*upfen im Ko*pf.
Ein Film, der mich nachhaltig beeindruckt und mir viele Dinge aus der Seele gesprochen hat. Aber er hat mir auch die ein oder andere neue Sichtweise eröffnet. Ich will an dieser Stelle einfach einige Zitate für sich selbst sprechen lassen. In diesem Film dokumentiert Gamma Bak ihre Schi*zop*hrenie, durch Selbstinterviews und Interviews mit Freunden, Bekannten und Verwandten gewinnt man Einblick in ihr Leben und Befinden, sowie in das Erleben der anderen Interviewten. Die Parallelen zu meiner Mutter sind nicht exorbitant (keine Krankheitseinsicht bei Muttern, komplett andere Symptomatik). Und doch fühle ich mich an vielen Stellen verstanden, oder zumindest nicht alleine, und einiges kommt mir bekannt vor. Sehenswert!


Janos M. Bak, Vater:
„Aber schon damals ist es mir aufgekommen, ob man irgendwo etwas als Vater, als Erwachsener, als Freund, als zur Gesellschaft, zu deinem Milieu Gehörender, falsch gemacht hat. Hat man einen Fehler begangen? […] Hätte man sie anders […] unterrichten, handhaben, erziehen, beraten […] können, sollen, müssen, so dass dies nicht passiert. […] Ich glaube das war sehr lange das erste und das wichtigste wo man sich das natürlich auf sich selbst zurück reflektiert.“


Dieter Vervuurt, Ex-Partner:
„In der Zeit […] hab ich gemerkt dass ich bestimmte Phasen […] Schritt um Schritt um Schritt […] in die Krisen mitgemacht hab, also meine Maßstäbe haben sich verschoben, ich fand […] Situationen waren normal […] oder wurden normal, die ich eigentlich nicht als normal empfunden hatte, aber ich fand meine Maßstäbe verändert bis man plötzlich […] unglaublich weit exponiert feststellte wie weit man schon gegangen ist. Jemand der geht und geht und plötzlich merkt er, er steht an nem Abgrund. Er steht an nem Abgrund und hat es gar nicht gemerkt, sondern er ist gegangen. Aber der Abgrund ist da. Und die Krise war da. Und man ist ein Stück mit in die Krise gegangen und […] musste denn… Das hat vieles in Frage gestellt. […] Das hat die Idee von Normalität in Frage gestellt, es hat aber auch […] die Maßstäbe in Frage gestellt mit denen man eigentlich auf Menschen kuckt.“

„Bei psychischen Erkrankungen gibt’s immer das Moment dass man eigentlich das Gefühl hat, dass man jemandem helfen können müsste, […] nicht weil man ein Fachmann ist, sondern weil letztlich ja in den Bereichen findet das statt was zwischen Menschen immer stattfindet, Diskurs, Gespräch, Beratung. Und anders als bei der körperlichen Erkrankung, in das ja das Fachwissen der Chirurgen und der Ärzte und der Medikamente einwirkt, hat man eigentlich, hatte ich das Gefühl dass man jemandem helfen können müsste. Kann man aber nicht. Das ist das Problem. Weil man dadurch dass man involviert ist, ist man wahrscheinlich der Falscheste überhaupt, weil man hat keine Distanz, hat einen Teil des Weges mitgemacht, ist sozusagen ein kleines Stück mit wahnsinnig geworden, hat seine Perspektiven verschoben, hat Maßstäbe aufgegeben, und dann aus dieser ganzen Verwirrtheit will man dann noch jemandem helfen indem man mit ihm redet? Das ist eigentlich ein Quatsch. Das heißt, wie bei jeder anderen Erkrankung muss man das eigentlich nach außen geben und nicht sich zum kleinen Bastelhandwerker der […] Therapie machen. Das ist aber ein langer Weg, bis man das begreift, dass man eigentlich gar nichts machen kann, dass man komplett… hilflos ist, und am besten auch die Finger davon lässt… und nicht bastelt.“


Gamma Bak:
“[…] Eigentlich war die Arbeit bei ihm […] ein Teil aus der Krankheit auch wieder herauszukommen und zwar indem ich einen regelmäßigen Tagesablauf habe und jetzt… […] bin ich eben arbeitslos und… mmm… ich mach mir schon ziemliche Sorgen weil ich denke dass … also Existenzängste sind so… […] für mich könnte das auch bedeuten dass ich nochmal in ne Krise rutsche […]"

„Also ich find die Wirkung von den starken Neu*role*ptika ist eigentlich so, wie man sich manipulierte menschliche Zustände in Science-Fiction-Romanen vorstellt. […] Es ist ne Welt (lange Pause) … also das Leben mit den Medikamenten ist ne Welt in der …. Fast alle Gefühle abgeschnitten sind. Ich… ich spüre fast nichts mehr. Und ne Sensibilität zu haben dafür, was wirklich wichtig ist und was wesentlich ist oder was gefühle sind ohne gefühle zu fühlen, geht fast nicht, […] es ist ja keine intellektuelle Sache, Gefühle […]"


Jackie Crossland, beste Freundin der Stiefmutter:
“What are side effects? There are no side effects. Everything that happens to you because that’s induced by the medication is an effect of the medication. And we talk about side effects as if they were meaningless or […] irrelevant issues […]. I think I understand [...] the difficulty of trying to work your way through that and the difficulty of finding people who will deal with you in a straight forward manner that will give you information that you need or that can help you make a good decision. “

Dieter Vervuurt, Ex-Partner:
„Du kommst in die Abteilung, die objektiv genauso aussieht (Anmerkung: wie die offene Statio), aber die Türen sind zu. Die äußere Tür die man normalerweise aufmacht mit so nem Knopf und die aufschwingt, ist geschlossen. Das heißt, der Knopf der die Tür öffnet ist eigentlich ne Klingel und irgendwann kommt ne Pflegerin und schließt die Tür auf und nachher schließt sie die Tür auch wieder ab und die Tür fällt ins Schloss wenn man da rausgeht und …. Die Abteilung ist hermetisch geschlossen. 3 Scheiben Glas, du siehst noch den Gang, aber … die Tür ist zu. Für dich nicht als Besucher, weil du kannst ja rausgehen, aber Gamma steht hinter der Tür und ist eingeschlossen […].“

Gamma (über Stigmatisierung nach der Diagnose):
„[…] Ab da, für den Rest des Lebens. Vorher durfte ich ja verrückt sein und durchgeknallt wieviel ich wollte, so wie jeder andere auch, aber jetzt darf ich ja nix mehr außer Reihe. Ist ja alles nur ein Zeichen ‚oh.. kann sein dass es dir schlecht geht'.“


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