Dienstag, 21. April 2026
Es ist schon auch ein merkwürdiger Zeitpunkt um das eigene Leben so durchzugehen. So kurz nach Mamas Tod. Gerade schaue ich alte Schachteln durch, um zu kucken, was ich einlager, was ich mitnehme, und was in der Wohnung bleibt. Was haben wir alle uns früher an Karten und Briefen geschrieben! Wunderschön. Es ist erstaunlich was für Briefe und Karten ich habe, ich wusste das alles gar nicht, und manche Namen sagen mir auch gar nichts mehr. Liebesbriefe. Freundinnenbriefe. Soviel Kontakt steckt da drin. Was ist eigentlich daraus geworden? Fühle mich so kontaktlos.

Fotos über Fotos.

Und Tagebücher über Tagebücher. Manchmal einfach einzelne Seiten, die zwischen Briefen und Fotos rumfliegen. Einer dieser Zettel beschreibt Situationen und Ängste, bevor ich 2011 mal für ein Jahr nach Nürnberg gegangen bin. Da schreibe ich:

"Änste: den kleinen Professor ganz loslassen.
Loslassen. Mannheim. Mama.
Beruflich fühle ich mich in Entscheid. bestätigt."

Viel steht da, auch über das On/Off mit meiner Mutter. Oder über ihre ersten Gedanken an Sterbehilfe. Schon 2011 war das. "Mama trinkt und nimmt Brom*z*nil"

Oder: "MA fehlt mir wahnsinnig. Der feste Rahmen. Meine Freunde. Hat alles erträglicher gemacht. Hier und jetzt: keine Energie mehr zum Neuaufbau."

Schon irre, wie so vieles sich ändert, und dann irgendwie auch nicht.

Alte Briefe von meiner Mutter. Wieviel Nähe da war. Wieviel Konflikt. Wieviel Liebe und wieviel Ratlosigkeit und Überforderung. Wie viele Vorwürfe auf beiden Seiten.
Manchmal vergesse ich, wie unglaublich nahe wir uns waren. Eben viel zu nahe.

Meine Mutter war der Fixpunkt in meinem Leben. Im Guten wie im Schlechten. Sie war meine Sonne. Bei ihr bin ich aufgewachsen. An ihr hab ich mich verbrannt. Mein Vater war wenig präsent. Meine Mutter hat mich und mein Leben in so vielerlei Hinsicht geprägt. Wer bin ich nun, ohne meine Mutter?

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Oder drei Monate, nachdem ich den F. kennengelernt habe: "21.12.2010. Superflu, Dr*gen -> Stille. 1 kleines Paralleluniversum, das nicht in mein Leben passt."

Ich erinnere mich an diesen Abend bei Superflu. F. und ich unterhielten den ganzen Laden. In der Nacht schneite es, nicht nur bei uns. Auf dem Nachhauseweg in dunklen Morgenstunden tanzten wir über jungfräulichen Schnee. Bei F. zu Hause wollte ich baden. Ich lag in der Wanne und teilte mein Gefühl, es sei wie im Uterus. Es ist wirklich komisch, dass Dr*gen mir oft Ruhe, Stille brachten. Wie groß meine Sehnsucht nach Halt und Geborgenheit war. Ist. SehnSUCHT. Sollte ich echt in der Sucht arbeiten? Ich muss irre sein. Bald sitzen mir Menschen gegenüber, deren dysfunktionale Bewältigungsstrategie ich nur allzu gut selbst kenne - und verstehe.

Ich war schon immer eine Nostalgikerin, denke ich. Und: dass ich das endlich mal alles wegwerfen sollte. Aber es ist als bräuchte ich die Belege dafür, dass ich wirklich dieses Leben gelebt habe. Dass ich lebe.

Vieles ist in Bewegung in mir, massives, und ich spüre sehr deutlich: es wird dauern.


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