Dienstag, 27. Oktober 2026
Ich schreibe das jetzt einmal hier her, und künftig jeden Tag die Teile, die meinen Kopf wild machen, auf ein Blatt Papier, das dann weggelegt wird. Wegdrücken ist kontraproduktiv, zuviel Raum geben aber auch. Für mich geht es momentan nur um das Heute, die nächsten 24 Stunden, mehr nicht. In der Klinik war es leichter, diese Gedanken beiseite zu schieben, aber auch dort hat es eine Weile gedauert, weil sie mir Angst machen.

Seit meine Mutter tot ist, und mit dem kollabierten Zirkuszelt, habe ich gar kein Interesse mehr daran für andere Menschen den Raum zu halten. Im Gegenteil, es macht mich wütend, stresst mich, nervt mich von ihren Traumata zu hören. Alles fällt ungefiltert in mich rein. Schutzlos. Die Klinik arbeitet viel mit Gemeinschaftstherapie. Zur Erläuterung: die Gemeinschaftstherapie umfasst 50, die engere Gruppe mit Bezugstherapeutin ca. 8 Personen. Meine Hauptaufgabe bestand darin zu versuchen, zu 80% bei mir und nur zu 20% im Außen zu sein. Das hab ich ja nie gelernt. Meine Überlebens- und Geliebtwerdenstrategie war es, immer zu 100% im Außen, beim Anderen zu sein. Letzteres war ich mir schon lange bewusst, und auch, inwiefern das meine zweite Berufswahl beeinflusst hat. Es ist bzw. war für mich einfach ganz normal und natürlich, den Raum für andere zu halten.

In der Klinik wurden wir dazu angehalten, mit jemandem unserer Wahl eine kleine Tagesinventur zu machen, jeder 5 Minuten, ohne (auch mimische) Kommentare, Fragen, etc. Ich versuchte das mit einer älteren Dame aus meiner engeren Therapiegruppe. Eine tolle Frau Anfang 70, spannend, vielschichtig, buntes Leben, und jahrelang alles wegignoriert, was auf die Seele drückt. Wieviel Mut gehört dazu, in dem Alter einfach nochmal komplett so ein Fass aufzumachen. Und was da bei ihr alles zum Vorschein kam. Trauma über Trauma. Und genau das wurde bei der Tagesinventur zum Problem. Denn sie suchte etwas, das mehr als diese 5 Minuten sind, auch weil sie bei anderen mitbekommen hatte, dass sich daraus tiefe Gespräche entwickeln. Sie kannte allerdings mein Problem, dass ich NULL Raum für andere habe und ich hatte von Anfang an klar kommuniziert, dass für mich nichts anderes als diese 5-5 Geschichte in Frage kommt. Diese Grenze versuchte sie immer wieder zu überschreiten. Ich wurde dabei so krass angetriggert und wütend, dass es ziemlich aus mir rauspolterte, was wiederum etwas in ihr antriggerte. Trigger benutzt man ja heute ziemlich schnell. Hier sind unsere Bindungs- und Beziehungstraumata gemeint. Denn meine Mutter missbrauchte mich ja bereits als Kind als Seelenmülleimer für ihre Traumata, im Gegensatz zu damals bin ich allerdings nicht mehr wehrlos. Zwar tat es mir leid, wie es aus mir rauskam, und gleichzeitig so unglaublich froh, dass ich es nicht einfach aushielt, um die Beziehung zu der Mitpatientin nicht zu gefährden. Es krachte und knirschte ordentlich. Letztendlich beschlossen wir, die Tagesinventur nicht mehr miteinander zu machen. In mir schürte das heftige (Verlassenheits)Ängste. Wir spürten beide in den nächsten Tagen, dass unsere Beziehung angeschlagen war, aber wir brachten es immer wieder in den Kontakt. Irgendwann fanden wir eine neue Basis, aber das dauerte eine Weile. Die Mitpatientin fühlte sich von mir extrem abgewiesen und vor den Kopf geschlagen.

Ich erzählte meiner Bezugstherapeutin davon, und stellte ohne weiter darüber nachzudenken die Fragen in den Raum: "Habe ich denn nur ein Existenzrecht, wenn ich für andere den Raum halte? Und wer bin ich, wenn ich diesen Raum nicht mehr halte?"

Für mich sind das vor allem auch vor meinem beruflichen Ziel ganz wesentliche Fragen, auch wenn mir das in dem Moment so noch nicht ganz klar war. Und sie sind nicht nur für mich wesentlich, sondern vor allem auch für potenzielle Patient:innen. Denn wenn ich mein Existenzrecht daraus ableite, ihnen zur Verfügung zu stehen, arbeite ich nicht aus einer professionellen Haltung heraus, sondern mache sie zu meinem Überlebensprojekt. Somit hängt meine Existenz vermutlich auch am Behandlungserfolg. Keine gute Haltung. Und ich weiß nicht wie viele Therapeut:innen da draussen unterwegs sind, die sich diese Fragen auch stellen sollten, es aber nie getan haben. Denn viele von uns teilen eine Vita, in der wir eine entsprechende Funktion für ein Elternteil innehatten.

Was mir nun Angst macht ist, dass ich gar keine Lust mehr habe, diese Funktion zu haben. Seit 11 Jahren stecke ich Zeit, Geld und Energie in diesen Weg. Erst der Bachelor, dann der Master, seit 2 Jahren nun Ausbildung. Parallel dazu die gesundheitspolitischen Entwicklungen, die weniger Motivation als Perspektivlosigkeit bieten. Was, wenn ich nie wieder diesen Raum halten will? Was, wenn ich will, aber nicht kann? Der Bezugstherapeutin sagte ich: "Ich habe große Angst, für mich oder andere schädlich in diesem Beruf zu sein. Mir ist klar, dass du mir darauf keine konkrete Antwort geben kannst, aber falls es aus deiner Sicht irgendwie gar nicht gut wäre, wenn ich diesen Beruf weiter verfolge, dann wäre ich dir sehr dankbar, wenn du zumindest sowas sagen würdest wie: denk vielleicht nochmal drüber nach, wenn es dir besser geht." Sie antwortete mir darauf etwas, das ich hier so nicht zitieren kann, weil es auch sie betrifft, aber es war ein großer Zuspruch.

Im Entlassbrief steht, dass eine berufliche Neuorientierung (aktuell bin ich ja AU während Arbeitslosigkeit) nur nach weiterer Stabilsierung und unter Berücksichtigung der individuellen Belastrbarkeit treffen soll. Und ergibt ja auch total Sinn. In meiner aktuellen Verfasstheit darf ich keine solchen Entscheidungen treffen. Und trotzdem geistert es immer wieder durch meinen Kopf: will ich das noch? Kann ich das? Wie soll ich jemals die Kraft für diese Scheiß PT1 zusammenbekommen? Finde ich überhaupt eine PT1? Die Vorstellungesgespräche, die ich erhalten hatte, habe ich kurz vor oder während der Klinik abgesagt. Teilweise weil ich weiß, dass das keine guten Stationen für mich wären: Sucht, Persönlichkeits- und/oder Traumafolgestörungen. Too much, in der Geballtheit einer spezifischen Station. Könnte ich Allgemeinpsychiatrie? Gibt es hier überhaupt etwas, das für mich machbar wäre, ohne umzuziehen? Gibt es überhaupt etwas das ich will und kann in dem Kontext? Wozu das alles überhaupt? Diese Kassenleistung scheint abgeschafft werden zu sollen, das wurde uns auch in der Klinik mal gesagt: es ist unklar, wie lange solche Kliniken überhaupt weiter bestehen können. Wenn dann alle mit Approbation privat abrechnen, wird das ein harter Kampf um Patient:innen, die sich das überhaupt leisten können. Überhaupt, diese Ausbildung ist noch so lang, so finanziell auch prekär, ich weiß nich wie ich das durchstehen soll.

Was könnte ich sonst tun? Ich habe keine Ahnung, welchen anderen Beruf ich ausüben könnte. In meinen alten möchte ich auf keinen Fall zurück.

Und dann komme ich an den Punkt zurück, dass ich eben keine Entscheidungen treffen soll, so lange es mir so geht wie es mir geht. Doch dem Kopf ist das egal, der will Lösungen. Deswegen schreibe ich das jetzt jeden Tag mal dem Kopf. Vielleicht hilft es was.

Keine Zukunft. Nur 24 Stunden. Alles was zählt ist das Heute.


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