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Freitag, 30. Dezember 2011
okavanga, 04:18h
Search request: ist es nicht traurig, dass wir ueber menschen schreiben, die es eh nie lesen werden?
Eigentlich mag ich auf dieses Jahr 2011 nicht zurückblicken. Für mich war es in einem Wort unerträglich. Alles, angefangen von der Vertragscancelung, dem doch Vertragsinkrafttreten (und ich hätts einfach lassen sollen!), von dieser ganzen bescheuerten Arbeitssituation, über meine Mutter und der schrägen Situation mit meinem Vater und seiner Frau bis hin zur Beziehung mit Sesamina fühlte sich einfach nur falsch an. Und als würde es jemand anderes leben
Jemand anderes, nicht ich. Als wäre das nicht ich, der jeden morgen Kostüm und Maske anzieht um irgendwie einfach zu machen. Das ist auch kein Wunder. Denn das bin nicht ich. Das hier alles, das bin nicht ich, sonst würde es mir jetzt Ende 2011 nicht so scheisse gehen. Und sonst würde ich mich nicht fragen, wer ich bin.
Über so eine Therapie kann man streiten. Mir hat sie mal gezeigt, dass es mir schlecht geht, wenn ich Dinge tue, lebe, die mir widerstreben. Und trotzdem konnte ich mich selbst noch einmal so sehr aufs Glatteis führen. Mir fehlt Frau W. sehr.
Denn ich weiß nicht wohin. Ich weiß nur, dass ich aus dem 2011 raus muss. Dass ich ändern muss, was ich ändern kann. Ich weiß nur nicht wohin. Ich weiß nicht wann das passiert ist, das Angst mich dermaßen vor Veränderung lähmt. Dass sie mich so sehr lähmt, dass ich nicht einmal Gedanken spinnen lassen kann, träumen kann, phantasieren kann. Ich komme auf überhaupt gar keine Idee, wohin, außer das, was nahe liegt. Und das ist ja nicht immer das Beste. Andererseits. Ich weiß gar nicht wies jetzt noch blöder werden soll. Aus Ma*nnheim zu gehen war eine rationale Entscheidung. Ich brauch meinen Bauch.
Meine Mutter meinte die Tage: "Hm. Na ob du in der Wirtschaft überhaupt glücklich wirst." Da hat sie wohl in mir gelesen. Ich stell mir diese Frage oft, und sie verfolgt mich, seit Freunde ein Jahr nach dem Abi meinten: "Was?? Du willst Inte*rnationales Mana*gement studieren? Das passt doch gar nicht zu dir." Ich dachte mir das schon und tat es also, und ich erlebte deswegen auch ganz wundervolle Sachen.
Aber nun steh ich da und weiß nicht wohin mit mir. Verlockend klingen für mich Dinge wie Sta*rt-Up*s, mit lustigen, aufgeschlossenen Leuten. Wohl, weil ich es erlebt habe, und es war toll. Es geht mir ja nicht darum, nicht arbeiten zu wollen. Ich kann blockern wie blöde, wenn ich einen Sinn sehe und es mir Spaß macht. Und vor allem, wenn mein Umfeld passt. Vielleicht bin ich dann zur ewigen Assistenz verdammt, aber am Ende ist es mir das Wert, wenn der Rest stimmt? Oder gibt es 2 in 1? Und wenn ja, wo? Wo sehe ich mich?
Ich wurde vor 4-5 Jahren mal zu einem Seminar entsendet. Bei einem relativ bekannten Coach. "Work-Life-Balance", hieß das. Wir sollten damals auf ein Holzbrett schreiben, wovor wir Angst haben. Und das Brett dann zerschlagen. Die Ängste sind gleich geblieben, bzw. haben sich noch verstärkt, seit ich hier bin. Außerdem sollten wir uns selbst schreiben, welches Ziel wir haben. Wo wir uns in 10 Jahren sehen. Und ich sag Ihnen, das hat so wenig mit dem Hier und Jetzt zu tun. Ja, so ganz würde ich das heute eh nicht mehr unterschreiben. Aber vielleicht im Kern. Oder ich kenne mich selbst immer noch so wenig wie damals.
Ich brauche jemanden, der mir hilft, mir selbst auf die Schliche zu kommen. Allein dreh ich mich seit Monaten im Kreis, und zwar so sehr, dass ich jetzt vor Schwindel schwanke und strauchel. Am schlimmsten ist das Gefühl: es muss schnell gehen. Das muss sich jetzt alles schnell ändern, sonst werd ich verrückt. Schnell, was geht schon schnell. Und dann kommt wieder die Angst vor Kurzschlusshandlungen, Spontanentscheidungen, die ich bereue. Diese scheiss Angst. Fick dich, du scheiss Angst. Ich will dass mein Herz wieder zu meinem Kompass wird.
Vorherrschendes Gefühl 2011: ich halt das nicht aus.
Vorsatz für 2012: ich muss da raus. Herz, bitte melden für Kurswechsel!
Mittwoch, 28. Dezember 2011
********** Error **********
okavanga, 01:52h
Irgend jemand oder mehrere fragten mich hier, ob ich denn nicht mal meine alten Beiträge würde lesen wollen, um mir zu überlegen, ob ich da echt glücklicher war. Ich hab das gerade gemacht. Und ja: ich will zurück. Immer noch.
Die letzten Tage möglichst wenig bei meinem Vater und seiner Frau gewesen. Ich kann ihnen gar nicht mehr wirklich in die Augen schauen. Also vier Tage lang nur unterwegs gewesen und möglichst viel getrunken, mit Leuten getroffen. Und es funktioniert nicht. Ich sitze in den Kneipen, Clubs, und brauche immer erstmal eine halbe Stunde, bis mir alles keine Angst mehr macht. Dann sitze ich da wie unter einer Taucherglocke. Ich höre sogar schlecht. Kommt aber vielleicht von dem scheiß Gebeisse. Immerhin funktioniert es irgendwie für die Außenwelt, glaube ich. Also zumindest dringen anscheinend Geräusche aus mir, die für das Umfeld irgendwie Sinn machen. Aber die Diskrepanz zwischen der Frau unter der Taucherglocke, und der, die da redet und lacht und trinkt. Das ist. Schizo. Hahahahahahaha!!!!!!
Ich schreibe und schreibe und lösche und lösche.
Heute dann. Treffe mich morgens mit einem Freund zum Frühstücken in der Stadt. Das war nett. Aber es strengt alles so an. So sehr. Danach 1,5 Stunden zur Oma. Das war nett. Aber es strengt alles so an. Dabei ist sie so süss, und so erkältet.
Danach kurz zu Papa. Ich sage: ich glaub, ich packs jetzt mal. Erstauntes Schweigen. "Wohin?" Naja, zurück nach Nür*nbe*rg. "Aha. Was machst du da?" Ich: ".... öhm..." .. Er: "Schaun?" Ich: "Ja."
Ich gehe in den 1. Stock packen. Er sagt: "Du hast noch deine Bescherung bei uns". Wissen Sie, das ging bisher einfach nicht. Alles in mir wollte diese Geschenke einfach nicht aufmachen. Ich will keine Geschenke. Ich will Verständnis. Und ich weiß schon in dem Moment, dass das, was jetzt kommt, ein Drahtseilakt wird, den ich verkacken werde.
"Schenkt es mir doch zum Geburtstag." Tja naja. Ich hab Sie ja gewarnt, ich werde es verkacken. Das rutschte einfach so aus mir raus. Es rutschte raus und sagte all das, was ich mir seit 4 Tagen verkneife.
Mein Vater und ich haben ein großes gemeinsames Talent: wie schießen wir uns gegenseitig hoch in nur 2 Sekunden. Dann ging es also ab. Also noch versuchte ich ruhig zu sein. Ging ins Erdgeschoss zurück, packte Ladekabel, Handtasche. Und er brüllte schon los: "Merkst dus überhaupt noch? Wie du hier rumläufst? Mit einer Fresse!" Also ich erwähnte ja, dass ich nicht wirklich viel dort rumgelaufen bin, und gestern Abend zum Beispiel saß ich ganz nett auf dem Sofa und hab mit Tat*ort geschaut.
Was sich nicht leugnen lässt: JA! Die Stimmung ist seit 4 Tagen angespannt. Das haben unausgesprochene Konflikte so an sich. Ich habe in den letzten Wochen aber auch gelernt, dass ich diesen Konflikt weder bei ihm noch bei ihr weiterhin adressieren kann, ohne mich danach noch beschissener zu fühlen. Also hab ich es einfach gelassen, wo ich ja anscheinend eh die einzige bin die spürt, dass diese Arbeitssituation einfach nur unterirdisch ist.
Jetzt kann ich momentan leider nicht mehr den Anspruch an mich haben, auch noch dort, wo ich die Tür nach dem Trinken und Lachen und Reden aufsperre, und "ankomme", auch noch zu lachen und zu trinken und zu reden. Sondern da bin ich ruhig, und still, und leise, und mache einfach mein Ding, um möglichst schnell ins Bett zu verschwinden, ohne Diskussionen.
Also sage ich: "Jetzt haben wir 4 Tage lang alle unsere Klappe gehalten. Können wir das jetzt nicht noch 2 Minuten einfach so beibehalten?" Naja und dann wars ganz aus. Und er brüllte. Während sie immer leise flüsterte (und das fand ich noch beschissener): "H., hör auf". Und er brüllte Dinge, die meine Restnerven dermaßen trafen, von wegen, ob ich denn glaube, dass ich die einzige mit Problemen sei (nein, das meine ich nicht, aber mir reichen meine gerade und ich komm mit ihnen nicht klar und sie fressen mich im wahrsten Sinne des Wortes auf, und ich weiß dass sie für mich einfach als Ansprechpartner für meine Lebensgestaltung weggefallen sind), dass ich ausgeflippt bin. Völlig hysterisch ausgeflippt. Ich glaube, würde ich einen Film davon sehen, würde ich mich totlachen. Aber es war, als würde sich endlich alles, was in mir ist, einen Weg nach außen bahnen. Und äußern in einem Schrei, wie ich ihn noch nie geschrieen habe, und in einem Gestampfe, wie ich noch nie gestampft habe.
Und sie flüstert immer noch leise: "H., hör auf", und ich komm mir noch mehr vor wie ein Psychofall und würde gerne beide umbringen, und schreie: "Lasst mich einfach in Ruhe! Haltet die Klappe und lasst mich in Ruhe", während mein Vater schreit: "Mit dir kann man gar nicht mehr reden".
Ich bin dann gegangen. Hatte einen Termin mit meiner Schizo-Mama in der Stadt, sie wollte mir noch einen Schlafan*zug kaufen. Und ich weiß wie sehr es sie anstrengt in die Stadt zu fahren, also gehe ich zum Treffpunkt, aber als sie da ist sage ich: "Mama, ich habe keinen Nerv jetzt, das ist alles total eskaliert". Sie weiß ja seit Weihnachten was da so Sache in mir ist mit dieser Arbeits- und Familien-/Vater-/Frau-Situation. Also sage ich: "Es tut mir so leid!" Und sie sagt: "Es muss dir nicht leid tun, komm wir gehen zu mir Kaffee trinken".
Und dort fragt sie, ob ich wirklich noch nach Nbg will, oder nicht besser bei ihr schlafe. Und ich sage ne, ich will nach Nbg, und fühle mich wieder wie eine Fotzentochter die vor ihr wegläuft.
Und dann ist sie so sehr Mama, wie sie es sehr sehr lange nicht mehr war. Und das ist alles so krank und schräg, dass ich es echt. Ich pack das alles nicht mehr.
Sie umarmt mich, und lässt mich an ihrer Brust weinen, und streichelt mich. Und kocht uns Kaffee. Und ich erzähle und erzähle, und sage: scheiße man du hast deinen eigenen Scheiß und jetzt laber ich dich auch noch zu. Und sie sagt: "Ja aber deswegen hab ich doch immer noch ein offenes Ohr für dich. Weil ich merke wie schlecht es dir geht." Und das ist wirklich absolut merkwürdig, denn wir glauben schon sehr lange, dass sie keine Antennen mehr für uns und unsere Sorgen hat. Und ein Ohr für andere? Hahahahahahaha! Das ist wirklich ein Weltwunder. Wirklich!
Sie macht einen Plan mit mir, was ich nun tun kann, und redet mir zu, dass ich mich mit Papa aussprechen muss. Und meint, ich soll Antide*pressiva nehmen, bis ich mich zumindest halbwegs stabilisiert habe und mich ein The*rapeut begleitet. Und in diesen Momenten möchte ich schreien, warum sie das nicht für sich auch in Anspruch nimmt. Sie bringt mich so gut runter, gibt mir so tolle Mama-Ratschläge, und das ist alles. Verrückt! Verstehen Sie das? Ich weiß nicht wie ich das erklären soll. Diese ganze Verrücktheit, in mir und um mich. Wenn nichts mehr zu passen scheint. Wenn alles ständig anders ist. Wenn nichts mehr Sinn macht, und ständig andere Gesetze gelten. Wer seid ihr alle? Und wer bin ich in all dem? Und wie in Gottes Namen kannst du darüber nachdenken dich umzubringen? Und wenn du es nicht tust und nur drüber redest: in Gottes Namen, scheiße verdammte. WARUM? Und WARUM lässt du dir nicht von uns helfen?
Später rufe ich sie an um ihr zu sagen, dass ich gut angekommen bin. Sie erzählt mir eine Stunde von ihren wilden Theorien. Sagt immer: "Ich will dich damit aber eigentlich gar nicht belasten, mir tut schon deine Situation mit Papa so leid", und redet dann trotzdem weiter, aber anders als sonst. Weniger, wie sehr sie leidet, sondern auf einer sachlichen Ebene, und ich hinterfrage sachlich, und sie ist gar nicht unaufgeschlossen dem Hinterfragen gegenüber. Bleibt aber natürlich auf ihrem Standpunkt. Am Ende des Gesprächs sage ich: "Danke Mama. Das Gespräch heute mit dir hat mir sehr sehr geholfen und gut getan." Und sie sagt (JAAAAA ich weiß!!!! JA. Und andererseits weiß ich nicht. Ok ich flippe aus, entschuldigung): "Bin ich ja doch noch zu was gut." Und lacht. Und ich sage: ach Mama, das bist du doch sowieso! Und sie sagt nur: "Ne wirklich jetzt. Es tut mir gut, dass dir das heute gut getan hat." Und ich frage mich: scheiße was ist wenn sie nur mehr Zuwendung von uns braucht? Und wo sind die Grenzen? Und überhaupt. Vielleicht fehlt ihr einfach nur .. mehr Liebeszeichen von uns. Ich weiß das klingt blöd, aber in dieser ganzen Scheiß Sache führen wir ja meistens nur Diskussionen und reden und reden, aber nie oder selten liebevoll. Und sie versteht ja unsere Liebe nicht, wenn wir ihr erklären, dass sie eigentlich Neu*role*pika braucht. Klar dass sie das nicht als Liebesbeweis sieht. Ich weiß nicht, auch hier scheitern wieder all meine Erklärungsversuche. Letztendlich dreht sich alles um Schuldfragen für mich, egal wie gerecht- oder ungerechtfertigt sie sein mögen.
Danach spreche ich mit meinem Bruder. Er hatte einen Anruf von ihrem Hausarzt. Sie hätte ihm erzählt, dass ihre Kinder so leiden würden unter der Situation. Und ansonsten meint er, akut sei da gerade nichts, und wir stimmen zu, denn sie freut sich uns im Januar wiederzusehen. Aber hey der Teufel ist ein Eichhörnchen, und letztendlich weiß ich gar nicht mehr was ich glauben soll und glaube letztendlich an nichts mehr.
Mein Bruder geht die nächsten zwei Tage Skifahren. "Ich kann nicht mehr, verstehst du?" "Ja, das verstehe ich". Er macht sein Handy dort aus, sagt er. "Mach das, A., mach das echt." Er setzt an..: "Ich.. ich hab das Gefühl den Verstand zu verlieren. Gestern sitze ich bei einer Freundin. Und sitze da so. Und es tut mir so leid weil ich sie ja mag, aber ich sitze da nur so. Und heute morgen war ich bei B. (AdV: ein Kumpel von ihm), und ich hab ihm innerhalb von einer Minute zweimal die Hand gegeben, weil ich nicht wusste, ob ich sie ihm schon gegeben habe."
"Ich versteh das, sehr gut", sage ich.
"Ich hab das Gefühl ich werde selbst langsam verrückt."
"Ich verstehe das", sage ich wieder. Ich muss daran denken, wie sie ihm gestern sagte, nach dem ersten Klinikaufenthalt habe sie sich für einen möglichen Sui*zid einen Starkstromfön gekauft. Keine Ahnung ob es so etwas überhaupt gibt, und wenn ja, ob sie den echt gekauft hat. Aber das ist dem Herz auch egal.
"Ich hab das Gefühl, das verstehen nur ." Dann war der Akku leer. Aber mehr gibt es an dieser Stelle auch einfach nicht zu sagen.
Doch, eins noch. Ich bin so dankbar, dass ich kein Einzelkind bin. Und dass mein Bruder und ich uns so nah kommen. Und dass wir ohne viele Worte verstehen. Ich habe diesen Song schon letztes Weihnachten gepostet, nach einer Nacht, an die wir beide auch dieses Jahr intensiv gedacht haben. Wir hatten dort Themen, die bisher keiner weiß, selbst das Blog hier nicht. Aber diese Themen und das was wir sprachen, das ist wie kleine Schätze, die mich irgendwie weiterstolpern lassen. Ich liebe meinen Bruder, und er ist das, was mir gerade halt gibt. Ich glaube, das einzige.
Die letzten Tage möglichst wenig bei meinem Vater und seiner Frau gewesen. Ich kann ihnen gar nicht mehr wirklich in die Augen schauen. Also vier Tage lang nur unterwegs gewesen und möglichst viel getrunken, mit Leuten getroffen. Und es funktioniert nicht. Ich sitze in den Kneipen, Clubs, und brauche immer erstmal eine halbe Stunde, bis mir alles keine Angst mehr macht. Dann sitze ich da wie unter einer Taucherglocke. Ich höre sogar schlecht. Kommt aber vielleicht von dem scheiß Gebeisse. Immerhin funktioniert es irgendwie für die Außenwelt, glaube ich. Also zumindest dringen anscheinend Geräusche aus mir, die für das Umfeld irgendwie Sinn machen. Aber die Diskrepanz zwischen der Frau unter der Taucherglocke, und der, die da redet und lacht und trinkt. Das ist. Schizo. Hahahahahahaha!!!!!!
Ich schreibe und schreibe und lösche und lösche.
Heute dann. Treffe mich morgens mit einem Freund zum Frühstücken in der Stadt. Das war nett. Aber es strengt alles so an. So sehr. Danach 1,5 Stunden zur Oma. Das war nett. Aber es strengt alles so an. Dabei ist sie so süss, und so erkältet.
Danach kurz zu Papa. Ich sage: ich glaub, ich packs jetzt mal. Erstauntes Schweigen. "Wohin?" Naja, zurück nach Nür*nbe*rg. "Aha. Was machst du da?" Ich: ".... öhm..." .. Er: "Schaun?" Ich: "Ja."
Ich gehe in den 1. Stock packen. Er sagt: "Du hast noch deine Bescherung bei uns". Wissen Sie, das ging bisher einfach nicht. Alles in mir wollte diese Geschenke einfach nicht aufmachen. Ich will keine Geschenke. Ich will Verständnis. Und ich weiß schon in dem Moment, dass das, was jetzt kommt, ein Drahtseilakt wird, den ich verkacken werde.
"Schenkt es mir doch zum Geburtstag." Tja naja. Ich hab Sie ja gewarnt, ich werde es verkacken. Das rutschte einfach so aus mir raus. Es rutschte raus und sagte all das, was ich mir seit 4 Tagen verkneife.
Mein Vater und ich haben ein großes gemeinsames Talent: wie schießen wir uns gegenseitig hoch in nur 2 Sekunden. Dann ging es also ab. Also noch versuchte ich ruhig zu sein. Ging ins Erdgeschoss zurück, packte Ladekabel, Handtasche. Und er brüllte schon los: "Merkst dus überhaupt noch? Wie du hier rumläufst? Mit einer Fresse!" Also ich erwähnte ja, dass ich nicht wirklich viel dort rumgelaufen bin, und gestern Abend zum Beispiel saß ich ganz nett auf dem Sofa und hab mit Tat*ort geschaut.
Was sich nicht leugnen lässt: JA! Die Stimmung ist seit 4 Tagen angespannt. Das haben unausgesprochene Konflikte so an sich. Ich habe in den letzten Wochen aber auch gelernt, dass ich diesen Konflikt weder bei ihm noch bei ihr weiterhin adressieren kann, ohne mich danach noch beschissener zu fühlen. Also hab ich es einfach gelassen, wo ich ja anscheinend eh die einzige bin die spürt, dass diese Arbeitssituation einfach nur unterirdisch ist.
Jetzt kann ich momentan leider nicht mehr den Anspruch an mich haben, auch noch dort, wo ich die Tür nach dem Trinken und Lachen und Reden aufsperre, und "ankomme", auch noch zu lachen und zu trinken und zu reden. Sondern da bin ich ruhig, und still, und leise, und mache einfach mein Ding, um möglichst schnell ins Bett zu verschwinden, ohne Diskussionen.
Also sage ich: "Jetzt haben wir 4 Tage lang alle unsere Klappe gehalten. Können wir das jetzt nicht noch 2 Minuten einfach so beibehalten?" Naja und dann wars ganz aus. Und er brüllte. Während sie immer leise flüsterte (und das fand ich noch beschissener): "H., hör auf". Und er brüllte Dinge, die meine Restnerven dermaßen trafen, von wegen, ob ich denn glaube, dass ich die einzige mit Problemen sei (nein, das meine ich nicht, aber mir reichen meine gerade und ich komm mit ihnen nicht klar und sie fressen mich im wahrsten Sinne des Wortes auf, und ich weiß dass sie für mich einfach als Ansprechpartner für meine Lebensgestaltung weggefallen sind), dass ich ausgeflippt bin. Völlig hysterisch ausgeflippt. Ich glaube, würde ich einen Film davon sehen, würde ich mich totlachen. Aber es war, als würde sich endlich alles, was in mir ist, einen Weg nach außen bahnen. Und äußern in einem Schrei, wie ich ihn noch nie geschrieen habe, und in einem Gestampfe, wie ich noch nie gestampft habe.
Und sie flüstert immer noch leise: "H., hör auf", und ich komm mir noch mehr vor wie ein Psychofall und würde gerne beide umbringen, und schreie: "Lasst mich einfach in Ruhe! Haltet die Klappe und lasst mich in Ruhe", während mein Vater schreit: "Mit dir kann man gar nicht mehr reden".
Ich bin dann gegangen. Hatte einen Termin mit meiner Schizo-Mama in der Stadt, sie wollte mir noch einen Schlafan*zug kaufen. Und ich weiß wie sehr es sie anstrengt in die Stadt zu fahren, also gehe ich zum Treffpunkt, aber als sie da ist sage ich: "Mama, ich habe keinen Nerv jetzt, das ist alles total eskaliert". Sie weiß ja seit Weihnachten was da so Sache in mir ist mit dieser Arbeits- und Familien-/Vater-/Frau-Situation. Also sage ich: "Es tut mir so leid!" Und sie sagt: "Es muss dir nicht leid tun, komm wir gehen zu mir Kaffee trinken".
Und dort fragt sie, ob ich wirklich noch nach Nbg will, oder nicht besser bei ihr schlafe. Und ich sage ne, ich will nach Nbg, und fühle mich wieder wie eine Fotzentochter die vor ihr wegläuft.
Und dann ist sie so sehr Mama, wie sie es sehr sehr lange nicht mehr war. Und das ist alles so krank und schräg, dass ich es echt. Ich pack das alles nicht mehr.
Sie umarmt mich, und lässt mich an ihrer Brust weinen, und streichelt mich. Und kocht uns Kaffee. Und ich erzähle und erzähle, und sage: scheiße man du hast deinen eigenen Scheiß und jetzt laber ich dich auch noch zu. Und sie sagt: "Ja aber deswegen hab ich doch immer noch ein offenes Ohr für dich. Weil ich merke wie schlecht es dir geht." Und das ist wirklich absolut merkwürdig, denn wir glauben schon sehr lange, dass sie keine Antennen mehr für uns und unsere Sorgen hat. Und ein Ohr für andere? Hahahahahahaha! Das ist wirklich ein Weltwunder. Wirklich!
Sie macht einen Plan mit mir, was ich nun tun kann, und redet mir zu, dass ich mich mit Papa aussprechen muss. Und meint, ich soll Antide*pressiva nehmen, bis ich mich zumindest halbwegs stabilisiert habe und mich ein The*rapeut begleitet. Und in diesen Momenten möchte ich schreien, warum sie das nicht für sich auch in Anspruch nimmt. Sie bringt mich so gut runter, gibt mir so tolle Mama-Ratschläge, und das ist alles. Verrückt! Verstehen Sie das? Ich weiß nicht wie ich das erklären soll. Diese ganze Verrücktheit, in mir und um mich. Wenn nichts mehr zu passen scheint. Wenn alles ständig anders ist. Wenn nichts mehr Sinn macht, und ständig andere Gesetze gelten. Wer seid ihr alle? Und wer bin ich in all dem? Und wie in Gottes Namen kannst du darüber nachdenken dich umzubringen? Und wenn du es nicht tust und nur drüber redest: in Gottes Namen, scheiße verdammte. WARUM? Und WARUM lässt du dir nicht von uns helfen?
Später rufe ich sie an um ihr zu sagen, dass ich gut angekommen bin. Sie erzählt mir eine Stunde von ihren wilden Theorien. Sagt immer: "Ich will dich damit aber eigentlich gar nicht belasten, mir tut schon deine Situation mit Papa so leid", und redet dann trotzdem weiter, aber anders als sonst. Weniger, wie sehr sie leidet, sondern auf einer sachlichen Ebene, und ich hinterfrage sachlich, und sie ist gar nicht unaufgeschlossen dem Hinterfragen gegenüber. Bleibt aber natürlich auf ihrem Standpunkt. Am Ende des Gesprächs sage ich: "Danke Mama. Das Gespräch heute mit dir hat mir sehr sehr geholfen und gut getan." Und sie sagt (JAAAAA ich weiß!!!! JA. Und andererseits weiß ich nicht. Ok ich flippe aus, entschuldigung): "Bin ich ja doch noch zu was gut." Und lacht. Und ich sage: ach Mama, das bist du doch sowieso! Und sie sagt nur: "Ne wirklich jetzt. Es tut mir gut, dass dir das heute gut getan hat." Und ich frage mich: scheiße was ist wenn sie nur mehr Zuwendung von uns braucht? Und wo sind die Grenzen? Und überhaupt. Vielleicht fehlt ihr einfach nur .. mehr Liebeszeichen von uns. Ich weiß das klingt blöd, aber in dieser ganzen Scheiß Sache führen wir ja meistens nur Diskussionen und reden und reden, aber nie oder selten liebevoll. Und sie versteht ja unsere Liebe nicht, wenn wir ihr erklären, dass sie eigentlich Neu*role*pika braucht. Klar dass sie das nicht als Liebesbeweis sieht. Ich weiß nicht, auch hier scheitern wieder all meine Erklärungsversuche. Letztendlich dreht sich alles um Schuldfragen für mich, egal wie gerecht- oder ungerechtfertigt sie sein mögen.
Danach spreche ich mit meinem Bruder. Er hatte einen Anruf von ihrem Hausarzt. Sie hätte ihm erzählt, dass ihre Kinder so leiden würden unter der Situation. Und ansonsten meint er, akut sei da gerade nichts, und wir stimmen zu, denn sie freut sich uns im Januar wiederzusehen. Aber hey der Teufel ist ein Eichhörnchen, und letztendlich weiß ich gar nicht mehr was ich glauben soll und glaube letztendlich an nichts mehr.
Mein Bruder geht die nächsten zwei Tage Skifahren. "Ich kann nicht mehr, verstehst du?" "Ja, das verstehe ich". Er macht sein Handy dort aus, sagt er. "Mach das, A., mach das echt." Er setzt an..: "Ich.. ich hab das Gefühl den Verstand zu verlieren. Gestern sitze ich bei einer Freundin. Und sitze da so. Und es tut mir so leid weil ich sie ja mag, aber ich sitze da nur so. Und heute morgen war ich bei B. (AdV: ein Kumpel von ihm), und ich hab ihm innerhalb von einer Minute zweimal die Hand gegeben, weil ich nicht wusste, ob ich sie ihm schon gegeben habe."
"Ich versteh das, sehr gut", sage ich.
"Ich hab das Gefühl ich werde selbst langsam verrückt."
"Ich verstehe das", sage ich wieder. Ich muss daran denken, wie sie ihm gestern sagte, nach dem ersten Klinikaufenthalt habe sie sich für einen möglichen Sui*zid einen Starkstromfön gekauft. Keine Ahnung ob es so etwas überhaupt gibt, und wenn ja, ob sie den echt gekauft hat. Aber das ist dem Herz auch egal.
"Ich hab das Gefühl, das verstehen nur ." Dann war der Akku leer. Aber mehr gibt es an dieser Stelle auch einfach nicht zu sagen.
Doch, eins noch. Ich bin so dankbar, dass ich kein Einzelkind bin. Und dass mein Bruder und ich uns so nah kommen. Und dass wir ohne viele Worte verstehen. Ich habe diesen Song schon letztes Weihnachten gepostet, nach einer Nacht, an die wir beide auch dieses Jahr intensiv gedacht haben. Wir hatten dort Themen, die bisher keiner weiß, selbst das Blog hier nicht. Aber diese Themen und das was wir sprachen, das ist wie kleine Schätze, die mich irgendwie weiterstolpern lassen. Ich liebe meinen Bruder, und er ist das, was mir gerade halt gibt. Ich glaube, das einzige.
Sonntag, 25. Dezember 2011
Last christmas...
okavanga, 05:28h
Ich wünschte, ich könnte hier nun ganz klare und detaillierte Erinnerungen an dieses Weihnachten hinschreiben. Deswegen laufe ich auch vorhin um kurz nach 3 von meinem Bruder zu meinem Vater. Um klar zu werden, um den Alkohol abzubauen. Aber mit jedem Schritt wird das Gehirn nebliger, und die Gedanken glitschen durch meinen Kopf, sie sind nicht mehr wirklich greifbar.
Wir waren in dieser Kirche, die aussah, wie eine Bilderbuchkirche in einem Bilderbuchbayern. Klein, ländlich, sehr hübsch mit wunderschönen Gemälden, einer fantastischen Orgel, einem goldenen Kronleuchter und einem weißen Herrnhuter Stern. Diese für uns neue Kirche in einem für uns neuen Dorf, das erste Weihnachten seit 20 Jahren nicht in der altbekannten Wohnung, nicht in der altbekannten Gemeinde, weil meine Mutter vor knapp einem Jahr umgezogen ist. Ich versuche alles nicht an mich ranzulassen, während Mama bei "Stille Nacht, Heilige Nacht" und "Oh du Fröhliche" weint.
Danach wird es ein bisschen entspannter, nachdem sie in der Küche wieder weint und meint: lass uns einfach einen schönen Abend haben.
Und dieser Abend, für mich ist er nichts anderes als ein Abschied. Ich mag gar nicht so sehr ins Detail gehen, weil ich nicht will, dass ich am Ende hier wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama beschreibe. Andererseits will ich es nichts lieber als irgend etwas anderes festhalten.
Ich erkläre ihr irgendwann, wie es mir geht, vor allem mit der Arbeit, und wie meine Psyche kaputtis ist, und frage sie, ob sie sich daran erinnert, wie sie damals, als ich das erste mal in meinem Leben eine Depression hatte, zu mir sagte: "Es reicht jetzt. Du versprichst mir jetzt, dass du morgen zum Psychiater gehst, dir Antidepressiva verschreiben lässt und eine Therapeutin suchst." Und dass es das Richtigste überhaupt war, was sie sagen konnte. Nein, sagt sie, daran erinnert sie sich nicht, dass sie aber schon immer aufgeschlossen war gegenüber therapeutischer Hilfe.
Stumm schüttel ich schon da den Kopf, also nur so leise in mir drin. Und sie weint und sagt, sie hatte ja keine Ahnung, wie schlimm es ist, und ich versuche ihr zu erklären, dass es jetzt nicht optimal, aber kein Weltuntergang ist, dass der Vorteil nun ja ist, dass ich einigermaßen weiß wie ich damit umgehen soll, und ich weiß, dass ich Hilfe brauche, und dass ich diese Hilfe bereits suche. Und sie weint: "Und dann komm ich da mit meiner Scheiße noch dazu." Ich sage: alles im grünen Bereich. Ja, es belastet mich, aber das ist halt so, und immerhin sei ja noch alles ok, in der Arbeit merke keiner was, und meine Wohnung sieht auch top aus. "Ja, meine auch noch. Noch." Sagt sie. Und ich bin hellhörig, und sie weint weiter, aber egal wieviel ich frage, sie hört an dieser Stelle auf, etwas dazu zu sagen. Ich fühle mich schuldig, sage: scheiße, ich hätte dir das nicht erzählen sollen! Und sie sagt: doch! Und jetzt frage ich mich, ob sie glaubt, sie würde eine Ballast von mir nehmen, wenn sie weg ist. Wieviel größer ist für mich die Ballast eines Suizids, frage ich mich. Und sie nimmt mir das Versprechen ab, dass ich mein Leben änder. Dass ich mir ein Leben suche, in dem ich keinen verspannten Kiefer habe. Ein Leben, in dem ich mich richtig fühle.
Wir sehen viele leere Pfandbierflaschen. Und viel Nachschub im Autokofferraum. Sehen einen Menschen, der ein schönes letztes Weihnachten mit seinen Kindern haben will. Dass es das letzte sein soll, erfahre ich erst von meinem Bruder auf der Rückfahrt. Denn während ich mich anziehe für die Rückfahrt, spricht sie leise mit meinem Bruder, eindringlich, und sie weint, und ich kenne diesen Blick, und ich verstehe nicht um was es geht, ahne es aber, bis er es mir sagt. Bis dahin war der Abend wunderschön. Sie zieht es durch, glaube ich, das rationalisierte Verabschieden vom Leben. In ebenjener bereits beschriebener Wohnung mit beschriebener Deko und beschriebendem Duft und mit der bayerischen Weihnacht auf Ant*enne Ba*yern. Und mit den zwei zuckersüßen Katzen. Und dieser Mama. Dieser meiner Mama. Sie erzählt so witzige Anekdoten aus unseren Leben, aus unserem gemeinsamen Leben. Von meinem Bruder, von mir. Erzählt gestenreich, nein sie spielt es uns vor, uns stehen teilweise die Tränen vor Lachen in den Augen, und fragen uns danach: "Wie kann das sein?? Da scheint es ihr doch so gut zu gehen, in solchen Momenten?"
"Es wird kein nächstes Jahr geben", meint sie zu meinem Bruder. Kein nächstes Weihnachten. Denn sei es nicht besser auch Tiere einzuschläfern, die leiden, wenn es keine Chance auf Heilung gibt. Mein Bruder vereinbarte mit ihr, dass wir zu dritt darüber reden, am 2. Weihnachtsfeiertag.
Aber das ist schwer erklärbar. Wie sehr man so etwas spürt, als Kind. Und wie man sieht, dass sie das auf rationaler Ebene seit Wochen vorbereitet.
Du weißt, sage ich meinem Bruder später, dass das bedeutet, dass wir spätestens bei diesem Gespräch die Polizei und den Notarzt rufen müssen. Und ja, er weiß es, und allein die Vorstellung ist abartig. Und wir fragen uns, ob es nicht wirklich besser ist, einen Menschen von seinem Leiden zu erlösen, anstatt ihn für den Rest seines Lebens zu psychiatrischer und medikamentöser Behandlung zu zwingen, denn wollen wird er es nicht. Wogegen die winzige Hoffnung steht, dass das wiederum die einzige minimale Chance ist, dass sich doch noch etwas ändert. Aber diese Chance ist wie gesagt minimal. Und für mich persönlich läge aus ihrer Sicht der Suizid bei einem aufgezwungenen Leben in der Psychiatrie vermutlich genauso nahe. "Wie mans macht macht mans falsch."
Wir, also mein Bruder und ich, trinken bei meinem Bruder zu Hause Sekt, spielen mit seiner Katze, reden über Mama, und dann viel über Arbeit. Und hören Musik, wie dieses eine. Bis spät in die Nacht. Und fragen uns, ob wir doch bei ihr hätten übernachten sollen.
Es war ein sehr tränenreiches Weihnachten, für uns alle. Mein schönstes Geschenk ist ein Brotkorb. Sie überreicht ihn mir uneingepackt. Er hat eine Herzform und einen roten Boden. Das Holz ist hell. "Den habe ich damals geflochten. Bei meinem ersten Aufenthalt in der Psychia*trie. Ich wollte ihn dir schon die ganze Zeit schenken, und eigentlich noch eine persönliche Widmung hinten draufschreiben. Das hat mir Spaß gemacht, das Korbflechten." Die Widmung holt sie nach. Der Korb ist das furchtbar traurigste schönste Weihnachtsgeschenk, das sie mir jemals gemacht hat.
Als ich nun hier bei meinem Vater die Tür aufsperre, frage ich mich, ob das wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama war.
Wir waren in dieser Kirche, die aussah, wie eine Bilderbuchkirche in einem Bilderbuchbayern. Klein, ländlich, sehr hübsch mit wunderschönen Gemälden, einer fantastischen Orgel, einem goldenen Kronleuchter und einem weißen Herrnhuter Stern. Diese für uns neue Kirche in einem für uns neuen Dorf, das erste Weihnachten seit 20 Jahren nicht in der altbekannten Wohnung, nicht in der altbekannten Gemeinde, weil meine Mutter vor knapp einem Jahr umgezogen ist. Ich versuche alles nicht an mich ranzulassen, während Mama bei "Stille Nacht, Heilige Nacht" und "Oh du Fröhliche" weint.
Danach wird es ein bisschen entspannter, nachdem sie in der Küche wieder weint und meint: lass uns einfach einen schönen Abend haben.
Und dieser Abend, für mich ist er nichts anderes als ein Abschied. Ich mag gar nicht so sehr ins Detail gehen, weil ich nicht will, dass ich am Ende hier wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama beschreibe. Andererseits will ich es nichts lieber als irgend etwas anderes festhalten.
Ich erkläre ihr irgendwann, wie es mir geht, vor allem mit der Arbeit, und wie meine Psyche kaputtis ist, und frage sie, ob sie sich daran erinnert, wie sie damals, als ich das erste mal in meinem Leben eine Depression hatte, zu mir sagte: "Es reicht jetzt. Du versprichst mir jetzt, dass du morgen zum Psychiater gehst, dir Antidepressiva verschreiben lässt und eine Therapeutin suchst." Und dass es das Richtigste überhaupt war, was sie sagen konnte. Nein, sagt sie, daran erinnert sie sich nicht, dass sie aber schon immer aufgeschlossen war gegenüber therapeutischer Hilfe.
Stumm schüttel ich schon da den Kopf, also nur so leise in mir drin. Und sie weint und sagt, sie hatte ja keine Ahnung, wie schlimm es ist, und ich versuche ihr zu erklären, dass es jetzt nicht optimal, aber kein Weltuntergang ist, dass der Vorteil nun ja ist, dass ich einigermaßen weiß wie ich damit umgehen soll, und ich weiß, dass ich Hilfe brauche, und dass ich diese Hilfe bereits suche. Und sie weint: "Und dann komm ich da mit meiner Scheiße noch dazu." Ich sage: alles im grünen Bereich. Ja, es belastet mich, aber das ist halt so, und immerhin sei ja noch alles ok, in der Arbeit merke keiner was, und meine Wohnung sieht auch top aus. "Ja, meine auch noch. Noch." Sagt sie. Und ich bin hellhörig, und sie weint weiter, aber egal wieviel ich frage, sie hört an dieser Stelle auf, etwas dazu zu sagen. Ich fühle mich schuldig, sage: scheiße, ich hätte dir das nicht erzählen sollen! Und sie sagt: doch! Und jetzt frage ich mich, ob sie glaubt, sie würde eine Ballast von mir nehmen, wenn sie weg ist. Wieviel größer ist für mich die Ballast eines Suizids, frage ich mich. Und sie nimmt mir das Versprechen ab, dass ich mein Leben änder. Dass ich mir ein Leben suche, in dem ich keinen verspannten Kiefer habe. Ein Leben, in dem ich mich richtig fühle.
Wir sehen viele leere Pfandbierflaschen. Und viel Nachschub im Autokofferraum. Sehen einen Menschen, der ein schönes letztes Weihnachten mit seinen Kindern haben will. Dass es das letzte sein soll, erfahre ich erst von meinem Bruder auf der Rückfahrt. Denn während ich mich anziehe für die Rückfahrt, spricht sie leise mit meinem Bruder, eindringlich, und sie weint, und ich kenne diesen Blick, und ich verstehe nicht um was es geht, ahne es aber, bis er es mir sagt. Bis dahin war der Abend wunderschön. Sie zieht es durch, glaube ich, das rationalisierte Verabschieden vom Leben. In ebenjener bereits beschriebener Wohnung mit beschriebener Deko und beschriebendem Duft und mit der bayerischen Weihnacht auf Ant*enne Ba*yern. Und mit den zwei zuckersüßen Katzen. Und dieser Mama. Dieser meiner Mama. Sie erzählt so witzige Anekdoten aus unseren Leben, aus unserem gemeinsamen Leben. Von meinem Bruder, von mir. Erzählt gestenreich, nein sie spielt es uns vor, uns stehen teilweise die Tränen vor Lachen in den Augen, und fragen uns danach: "Wie kann das sein?? Da scheint es ihr doch so gut zu gehen, in solchen Momenten?"
"Es wird kein nächstes Jahr geben", meint sie zu meinem Bruder. Kein nächstes Weihnachten. Denn sei es nicht besser auch Tiere einzuschläfern, die leiden, wenn es keine Chance auf Heilung gibt. Mein Bruder vereinbarte mit ihr, dass wir zu dritt darüber reden, am 2. Weihnachtsfeiertag.
Aber das ist schwer erklärbar. Wie sehr man so etwas spürt, als Kind. Und wie man sieht, dass sie das auf rationaler Ebene seit Wochen vorbereitet.
Du weißt, sage ich meinem Bruder später, dass das bedeutet, dass wir spätestens bei diesem Gespräch die Polizei und den Notarzt rufen müssen. Und ja, er weiß es, und allein die Vorstellung ist abartig. Und wir fragen uns, ob es nicht wirklich besser ist, einen Menschen von seinem Leiden zu erlösen, anstatt ihn für den Rest seines Lebens zu psychiatrischer und medikamentöser Behandlung zu zwingen, denn wollen wird er es nicht. Wogegen die winzige Hoffnung steht, dass das wiederum die einzige minimale Chance ist, dass sich doch noch etwas ändert. Aber diese Chance ist wie gesagt minimal. Und für mich persönlich läge aus ihrer Sicht der Suizid bei einem aufgezwungenen Leben in der Psychiatrie vermutlich genauso nahe. "Wie mans macht macht mans falsch."
Wir, also mein Bruder und ich, trinken bei meinem Bruder zu Hause Sekt, spielen mit seiner Katze, reden über Mama, und dann viel über Arbeit. Und hören Musik, wie dieses eine. Bis spät in die Nacht. Und fragen uns, ob wir doch bei ihr hätten übernachten sollen.
Es war ein sehr tränenreiches Weihnachten, für uns alle. Mein schönstes Geschenk ist ein Brotkorb. Sie überreicht ihn mir uneingepackt. Er hat eine Herzform und einen roten Boden. Das Holz ist hell. "Den habe ich damals geflochten. Bei meinem ersten Aufenthalt in der Psychia*trie. Ich wollte ihn dir schon die ganze Zeit schenken, und eigentlich noch eine persönliche Widmung hinten draufschreiben. Das hat mir Spaß gemacht, das Korbflechten." Die Widmung holt sie nach. Der Korb ist das furchtbar traurigste schönste Weihnachtsgeschenk, das sie mir jemals gemacht hat.
Als ich nun hier bei meinem Vater die Tür aufsperre, frage ich mich, ob das wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama war.
Mittwoch, 21. Dezember 2011
okavanga, 22:00h
Sie können jetzt aufhören hier zu lesen. Das wird gerade alles nicht besser, und die Beiträge immer länger und chaotischer und jammeriger, und ich schäm mich schon ob meines Gejammers mit dem ich mich und Sie besudel. Es ekelt mich vor mir selbst. Ich schreib trotzdem weiter, weil es hier hin gehört und ich keine andere Stelle hab, an die ich es packen kann. Ach naja doch, das Alternativ-Blog, aber da gehört das nicht hin.
Ich hatte ein verlängertes Wochenende mit meiner längsten und besten Freundin N. aus Berlin. Wir sind ins "win*terliche in Bran*denburg" gefahren. Wirklich witzig war, dass sie vorher ernsthaft meinte, lass uns doch noch Äpfel und Mandarinen kaufen, ich weiß nicht obs da was gibt. Und ich musste immer an die Zeile aus dem Lied von Grebe denken: "Pack dir E*ssen ein, wir fahrn nach Bran*denburg". Winterlich wars da dann zwar nicht, aber Essen gab es. Über den Kaffee lässt sich streiten, oder tatsächlich auch nicht, aber Kaffeetrinken war ja auch nicht Zweck der Reise.
Tatsächlich weiß ich nicht, wie es mir ging, dort. Es war sehr schön mit ihr zu sein. Mal wieder mehr voneinander zu erfahren, sich zu erleben. Zu zweit. Sie hat sich so sehr in einen Schmetterling verwandelt in den letzten 8 Jahren, es ist wunderbar und erstaunlich und faszinierend. Und ich fühlte mich daneben wie ein total runtergewichstes Wrack. Klein, hässlich, dumm und ungebildet. Orientierungslos. Traurig. Kaputt. Und unendlich einsam. Früher konnten wir soviel lustige Dinge machen. Und ich war einfach nur nichtmal ich selbst auf dieser Reise, glaube ich. Unsicher und schüchtern. Ich erkenn mich nicht mehr. Es war, als würde mir durch sie meine ganze Widerlichkeit überdeutlich auf die Füße fallen. Mein abgrundtiefes Unglücklichsein mit dem Jetzt und mit Mir.
Meine Mutter hat furchtbare Mails geschrieben an dem Wochenende. Ich zitiere nur mal einwas daraus. Hintergrund war, das mein Bruder ihr mal nicht den Gefallen tun wollte, um den sie ihn bat, und sie tat so, als wäre das typisch für ihn. Und das ist es nicht. Wirklich. Und sie schwadronierte und gipfelte dann in:
"Ich möchte an dieser Stelle einmal sagen: ich hätte mich in all den vergangenen Jahren als Mutter nur ein einziges Mal so was von Unhilfsbereit gezeigt. Vielleicht würde ich heute auf mehr Hilfsbereitschaftlichkeit und Verständnis stoßen, wenn ich mir für euch den Arsch nicht so aufgerissen hätte.
Es sind harte Worte: verdient hat es keiner von euch. Man möge es nicht glauben, aber es ist so. Ich wenn in den vergangenen Monaten nur auf Menschen gekommen wäre, wie ihr beide, wäre ich nicht mehr da.
Fakt ist - das ich in keiner einzigen Form - was immer kommt - im leisesten auf euch beide Rücksicht nehme."
Mein Kopf weiß dass das nichts mit uns zu tun hat. Aber weh tut es trotzdem. Sehr. So sehr, dass ich es kaum spüren kann. Hinzu kommt das Gefühl, dass sie inzwischen mit dem Sui*zid spielt. Also nein anders: sie spielt uns gegenüber mit dem Sui*zid. Das ist ihr Joker geworden. Und manchmal denk ich mir, zwischen Ohnmacht, Hass und Wut: dann spring doch endlich vor den Zug, du blöde Kuh! Schlag doch die einzigen auch noch weg, die dich aufrichtig und bedingungslos lieben.
Sie war schon immer so, bei meiner Therapeutin habe ich es immer "emotionale Erpressung" genannt: wenn ich nicht tickte wie es ihr passte, wurde ich vor die Tür gesetzt oder ähnliches. Der Kopf hat das schon lange erkannt und begonnen zu verarbeiten. Aber mein Herz hinkt sehr nach, und unter diesen ganzen beschissenen Umständen ist es eh nur noch im Ausnahmezustand.
Am Montag war ich dann beim Zahnarzt. Weil ich nachts so krass beiße. Er schaute es sich an, den Kiefer, die Zähne, drückte und drehte, und meinte: "Ihre Seele leidet unbeschreiblich." Dann erzählte er mir davon, dass er bis vor einem halben Jahr erzkatholisch war, verheiratet, zwei Kinder, jetzt hat er mit irgendeinem religiösen Zeug irgendwas für sich entdeckt. Und naja irgendwann meinte er dann: "Wissen Sie, es gibt Leute, die haben irgendwann das Gefühl, sie sind falsch abgebogen. Die haben ständig das Gefühl, sie haben an der Kreuzung den falschen Weg gewählt. Aber die bleiben dann auf diesem Weg. Die trauen nicht ihrem Gefühl, richten sich irgendwie damit ein und dümpeln auf diesem Weg dahin." Dann hat er den Abdruck gemacht, und ich bin gegangen, zurück auf meinen Weg, der sich überhaupt nicht wie der meine anfühlt.
In der Arbeit heute wegen einer Kleinigkeit ausgeflippt. Versucht dem GF zu erklären, was mein Problem mit der Sache war. Er versteht nicht. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass er nicht versteht. Für mich sind das kleine Dinge, die dennoch eine Menge sagen. Und sie sprechen mich nicht an. Ich fühle mich weiterhin wie der Alien. Es gib Tage, da kann ich das runterdrücken. Und es gibt Tage wie heute, da kann ich es nicht. Und dann werde ich sehr sehr müde und muss auf dem Klo heulen. Es ist, als würde an den kleinen Dingen mein Geist zerbrechen, weil ich mit dem Großen schon überhaupt nicht klarkomme. Ich kann es nicht anders beschreiben.
N. habe ich einen Bruchteil meines Innenlebens sehen lassen. Zwar nur einen Bruchteil, aber mehr, als ich irgend jemandem sonst seit Monaten zeige. Aber nicht soviel, wie ich ihr früher gezeigt habe. Ich habe das Gefühl, mein Innenleben ist egal wo völlig unangebracht. Es passt nirgends hin. Und in mir ist nicht genügend Platz dafür.
Zu N. habe ich gesagt, dass ich immer, wenn ich einen Therapeuten suche, was ja schon öfters vorkam, und hier jetzt vor einigen Wochen wieder, und wenn ich erklären soll, am Telefon, was mein Anliegen ist... alles so unglaublich nichtig erscheint. So banal. Man schämt sich, dass man den Hörer in der Hand hat und um psychische Betreuung bittet. Sie sagte, ihr geht es genauso. Sie hat nun nach 8 Jahren Therapie demnächst die letzte Sitzung, und sagt, es geht ihr auch heute noch oft so, wenn sie bei der Therapeutin sitzt und ein Thema anspricht.
Ich kann nicht mehr. Alles in mir schreit Hilfe und Stop und Fuck und Nein. Und gleichzeitig komme ich mir deswegen dermaßen bescheuert vor, dass es noch schlimmer wird.
Morgen wird mein Vater 60, und es steht Weihnachten vor der Tür, und wenn ich nicht bei meiner bekloppten Mutter wohnen will, sehe ich jeden Tag meine Chefin. Ich könnt mich erschiessen. Verstehen Sies nicht falsch. Aber ich könnts, wenn ich könnte.
Ich hatte ein verlängertes Wochenende mit meiner längsten und besten Freundin N. aus Berlin. Wir sind ins "win*terliche in Bran*denburg" gefahren. Wirklich witzig war, dass sie vorher ernsthaft meinte, lass uns doch noch Äpfel und Mandarinen kaufen, ich weiß nicht obs da was gibt. Und ich musste immer an die Zeile aus dem Lied von Grebe denken: "Pack dir E*ssen ein, wir fahrn nach Bran*denburg". Winterlich wars da dann zwar nicht, aber Essen gab es. Über den Kaffee lässt sich streiten, oder tatsächlich auch nicht, aber Kaffeetrinken war ja auch nicht Zweck der Reise.
Tatsächlich weiß ich nicht, wie es mir ging, dort. Es war sehr schön mit ihr zu sein. Mal wieder mehr voneinander zu erfahren, sich zu erleben. Zu zweit. Sie hat sich so sehr in einen Schmetterling verwandelt in den letzten 8 Jahren, es ist wunderbar und erstaunlich und faszinierend. Und ich fühlte mich daneben wie ein total runtergewichstes Wrack. Klein, hässlich, dumm und ungebildet. Orientierungslos. Traurig. Kaputt. Und unendlich einsam. Früher konnten wir soviel lustige Dinge machen. Und ich war einfach nur nichtmal ich selbst auf dieser Reise, glaube ich. Unsicher und schüchtern. Ich erkenn mich nicht mehr. Es war, als würde mir durch sie meine ganze Widerlichkeit überdeutlich auf die Füße fallen. Mein abgrundtiefes Unglücklichsein mit dem Jetzt und mit Mir.
Meine Mutter hat furchtbare Mails geschrieben an dem Wochenende. Ich zitiere nur mal einwas daraus. Hintergrund war, das mein Bruder ihr mal nicht den Gefallen tun wollte, um den sie ihn bat, und sie tat so, als wäre das typisch für ihn. Und das ist es nicht. Wirklich. Und sie schwadronierte und gipfelte dann in:
"Ich möchte an dieser Stelle einmal sagen: ich hätte mich in all den vergangenen Jahren als Mutter nur ein einziges Mal so was von Unhilfsbereit gezeigt. Vielleicht würde ich heute auf mehr Hilfsbereitschaftlichkeit und Verständnis stoßen, wenn ich mir für euch den Arsch nicht so aufgerissen hätte.
Es sind harte Worte: verdient hat es keiner von euch. Man möge es nicht glauben, aber es ist so. Ich wenn in den vergangenen Monaten nur auf Menschen gekommen wäre, wie ihr beide, wäre ich nicht mehr da.
Fakt ist - das ich in keiner einzigen Form - was immer kommt - im leisesten auf euch beide Rücksicht nehme."
Mein Kopf weiß dass das nichts mit uns zu tun hat. Aber weh tut es trotzdem. Sehr. So sehr, dass ich es kaum spüren kann. Hinzu kommt das Gefühl, dass sie inzwischen mit dem Sui*zid spielt. Also nein anders: sie spielt uns gegenüber mit dem Sui*zid. Das ist ihr Joker geworden. Und manchmal denk ich mir, zwischen Ohnmacht, Hass und Wut: dann spring doch endlich vor den Zug, du blöde Kuh! Schlag doch die einzigen auch noch weg, die dich aufrichtig und bedingungslos lieben.
Sie war schon immer so, bei meiner Therapeutin habe ich es immer "emotionale Erpressung" genannt: wenn ich nicht tickte wie es ihr passte, wurde ich vor die Tür gesetzt oder ähnliches. Der Kopf hat das schon lange erkannt und begonnen zu verarbeiten. Aber mein Herz hinkt sehr nach, und unter diesen ganzen beschissenen Umständen ist es eh nur noch im Ausnahmezustand.
Am Montag war ich dann beim Zahnarzt. Weil ich nachts so krass beiße. Er schaute es sich an, den Kiefer, die Zähne, drückte und drehte, und meinte: "Ihre Seele leidet unbeschreiblich." Dann erzählte er mir davon, dass er bis vor einem halben Jahr erzkatholisch war, verheiratet, zwei Kinder, jetzt hat er mit irgendeinem religiösen Zeug irgendwas für sich entdeckt. Und naja irgendwann meinte er dann: "Wissen Sie, es gibt Leute, die haben irgendwann das Gefühl, sie sind falsch abgebogen. Die haben ständig das Gefühl, sie haben an der Kreuzung den falschen Weg gewählt. Aber die bleiben dann auf diesem Weg. Die trauen nicht ihrem Gefühl, richten sich irgendwie damit ein und dümpeln auf diesem Weg dahin." Dann hat er den Abdruck gemacht, und ich bin gegangen, zurück auf meinen Weg, der sich überhaupt nicht wie der meine anfühlt.
In der Arbeit heute wegen einer Kleinigkeit ausgeflippt. Versucht dem GF zu erklären, was mein Problem mit der Sache war. Er versteht nicht. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass er nicht versteht. Für mich sind das kleine Dinge, die dennoch eine Menge sagen. Und sie sprechen mich nicht an. Ich fühle mich weiterhin wie der Alien. Es gib Tage, da kann ich das runterdrücken. Und es gibt Tage wie heute, da kann ich es nicht. Und dann werde ich sehr sehr müde und muss auf dem Klo heulen. Es ist, als würde an den kleinen Dingen mein Geist zerbrechen, weil ich mit dem Großen schon überhaupt nicht klarkomme. Ich kann es nicht anders beschreiben.
N. habe ich einen Bruchteil meines Innenlebens sehen lassen. Zwar nur einen Bruchteil, aber mehr, als ich irgend jemandem sonst seit Monaten zeige. Aber nicht soviel, wie ich ihr früher gezeigt habe. Ich habe das Gefühl, mein Innenleben ist egal wo völlig unangebracht. Es passt nirgends hin. Und in mir ist nicht genügend Platz dafür.
Zu N. habe ich gesagt, dass ich immer, wenn ich einen Therapeuten suche, was ja schon öfters vorkam, und hier jetzt vor einigen Wochen wieder, und wenn ich erklären soll, am Telefon, was mein Anliegen ist... alles so unglaublich nichtig erscheint. So banal. Man schämt sich, dass man den Hörer in der Hand hat und um psychische Betreuung bittet. Sie sagte, ihr geht es genauso. Sie hat nun nach 8 Jahren Therapie demnächst die letzte Sitzung, und sagt, es geht ihr auch heute noch oft so, wenn sie bei der Therapeutin sitzt und ein Thema anspricht.
Ich kann nicht mehr. Alles in mir schreit Hilfe und Stop und Fuck und Nein. Und gleichzeitig komme ich mir deswegen dermaßen bescheuert vor, dass es noch schlimmer wird.
Morgen wird mein Vater 60, und es steht Weihnachten vor der Tür, und wenn ich nicht bei meiner bekloppten Mutter wohnen will, sehe ich jeden Tag meine Chefin. Ich könnt mich erschiessen. Verstehen Sies nicht falsch. Aber ich könnts, wenn ich könnte.
Mittwoch, 14. Dezember 2011
Etwas sehr schönes.
okavanga, 23:28h
Kann ich ja auch mal schreiben. Das war hier nämlich schon lange nicht mehr.
Heute Abend lief mir auf dem Weihnachtsmarkt eine alte Kommillitonin über den Weg, die schon länger hier wohnt. Wir sollen uns unbedingt mal treffen, sagt sie, und wir tauschen Nummern. Die Welt ist ein Dorf.
Aber dann kam das ganz... Wundersame:
Dann habe ich gemerkt, dass ich hier zwei Freunde habe. Dieses Paar wartet nur schon die ganze Zeit darauf, dass ich sie endlich annehme.
Bei dieser Erkenntnis, die sie mir heute quasi mit dem Holzhammer vermitteln mussten (für alles andere war ich blind und taub), habe ich mir über dem Glühweinbecher sehr das Weinen verkniffen, während sie meinen Arm freundschaftlich streichelt. Sie freuen sich auf mich, wenn ich endlich in ihr Leben komme.
Das ist.. wie ein heller, anheimelnder Herr*nhu*ter Stern in dunkler und kalter Winternacht. Und noch viel mehr. Für mich ist es in dieser Zeit wie ein Wunder.
Heute Abend lief mir auf dem Weihnachtsmarkt eine alte Kommillitonin über den Weg, die schon länger hier wohnt. Wir sollen uns unbedingt mal treffen, sagt sie, und wir tauschen Nummern. Die Welt ist ein Dorf.
Aber dann kam das ganz... Wundersame:
Dann habe ich gemerkt, dass ich hier zwei Freunde habe. Dieses Paar wartet nur schon die ganze Zeit darauf, dass ich sie endlich annehme.
Bei dieser Erkenntnis, die sie mir heute quasi mit dem Holzhammer vermitteln mussten (für alles andere war ich blind und taub), habe ich mir über dem Glühweinbecher sehr das Weinen verkniffen, während sie meinen Arm freundschaftlich streichelt. Sie freuen sich auf mich, wenn ich endlich in ihr Leben komme.
Das ist.. wie ein heller, anheimelnder Herr*nhu*ter Stern in dunkler und kalter Winternacht. Und noch viel mehr. Für mich ist es in dieser Zeit wie ein Wunder.
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