Mittwoch, 4. November 2015
Wenn der Vorhang fällt.
Am Samstag war ich auf einer Geburtstagsfeier, für die der Gastgeber ein winziges süßes Café angemietet hatte. Ich war Solist unter Duetten. Schräg, aber auszuhalten.

Irgendwann lief über die Boxen ein französisches Lied. "Was ist das?" fragte ich jemanden, der neben mir stand. Schulterzucken. "Shazamme es doch bitte für mich... es erinnert mich an etwas.. ich kenne es.. ja, ich kenn es, aus einem Film, genau! Ein schöner Film, aber irgendwie auch melancholisch!" Shazam spuckte keinen Treffer aus.

Gestern ist mir dann eingefallen, woher ich das Lied kenne. Ich habe es auf meiner Festplatte, unter einigen anderen französischen Liedern, die ich für uns auf einem USB-Stick zusammengestellt hatte für unseren Frankreichurlaub Ende Juni.

Was es wohl über mich und mein Erleben aussagt, dass ich diese, meine Erfahrung, rückblickend wie einen Film erlebe?

Es war ein schöner Film. Und ja, melancholisch, das war er auch.

~ Noir Désir - Le Vent Nous Portera <-- click für deutsche Übersetzung


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Dienstag, 27. Oktober 2015
Dachte ich bis zum Nachmittag noch, das Verstörendste am heutigen Tag ist die Taube, dich sich zum Sterben auf die Erde neben mein Fahrrad gelegt hat.

Dann hatte ich einen Termin bei dem Neuen. Jetzt muss ich einen neuen Neuen suchen, er lehnt eine Therapie mit mir ab. Das, was er gesagt hat, erschüttert mich aber nachhaltig und so im Kern, dass ich fast geschockt bin, dass er mich mit diesen Worten hat gehen lassen. Er war echt gut. Hat mich messerscharf erkannt. Leider. Denn die Konsequenz daraus ist in diesem Fall wenig erbaulich. Selten habe ich mich so sehr entlarvt gefühlt, und so wenig ermutigt.

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Montag, 26. Oktober 2015
Die diesjährigen Filmtage entlassen mich mit einem warmen Gefühl in die Winterzeit.

Was soll ich sagen. Es geht mir gut.

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Sonntag, 18. Oktober 2015
Seit Mittwoch in Berlin. N. und mein Patenkind besuchen, außerdem Hochzeit L.

Mit L.'s Hochzeit habe ich mich heute völlig überfordert. In der Kirche schlucke ich noch tapfer. Der 1. Korinther geht immer wieder gut an die Nieren und ist für mich aktuell einfach schwer zu ertragen.
Im Anschluss daran beim Sektempfang probiere ich das Schlucken mit reichlich Sekt zu unterstützen. Läuft. Aber beim Bustransfer zur Feierlocation gibt es kein Halten mehr. Um mich rum nur Paare. Alle reden über Beziehungen, Ehe Kinder. Keiner ist alleine da. Alle sind zu zweit (oder mehr). Auch die evangelische Lesbe hat ihre Freundin am Start.

Ich sitze als einzige allein auf einem Zweiersitz und tue mir unfassbar leid. Stumme Träne laufen über meine Wangen. Tagelang zurückgehalten, unterdrückt, weggeredet. Sei tapfer. Heul nicht. Du musst stark sein. Deine Tränen belasten andere. Reiss dich zusammen. Freu dich für L.

Ja, ich freue mich für L. Aber ich würde mich auch gerne für mich freuen. Die Hochzeit hält mir schmerzhaft den Spiegel vor. Wieder versagt. Wieder nicht geschafft. Bleibste belang- und wertlos für diese Gesellschaft. Keine Ehe. Keine Kinder. Loser. Allein.

So sehr ich mich zwingen möchte zu bleiben - ich schaffe es nicht. Das i-Tüpfelchen ist ein Organisator vor Ort, den ich nach der Toilette frage. Er will mir den Weg weisen und läuft vor mir her. Irgendwann sage ich: "ach, da drüben, wunderbar, danke!" Er dreht sich völlig erstaunt zu mir um und sagt: "oh, also Sie hatte ich ja jetzt schon wieder ganz vergessen". Das würde ich auch gerne, mich vergessen. Stattdessen flenne ich auf dem Klo Sturzbäche.

Und so gebe ich mit verquollenen Augen meinen Umschlag zum Gabentisch, hole meine Jacke an der Garderobe, und laufe nach Hause zu N. durch das herbstliche Berlin. Sehr langsam. 2 Stunden lang. Mit leichtem Bedauern beim Gedanken an den Sansibar-Champagner, der da im Foyer stand, und an das vermutlich exzellente Essen. Voller Scham. Warum habe ich mich nicht im Griff?

Angst davor bei N. anzukommen, weil ich auch hier in den letzten Tagen den Eindruck hatte, dass mein Leben belanglos ist, weil es sich nicht um Kinder und Familie dreht, und N. eher Angst hat zu erfahren dass es mir richtig scheiße geht.

Ich tue ihr Unrecht. Sie holt mich aus dem Dreck und wir haben einen sehr schönen Abend in ihrer Küche. Während ich mich heulend schneuze, strahlt mein kleines Patenkind mich an. 1,5 Jahre ist er nun alt. Selten habe ich so ein schönes Kind gesehen. Ich kann einfach nur zurückstrahlen. Er ist so ein freundlicher und offener Junge, und unglaublich süß.

Eigentlich geht es mir auch gar nicht richtig scheiße, ganz allgemein. Heute ist wirklich ein rabenschwarzer Tag, aber generell bin ich zuversichtlich für meine Neuorientierung, tue interessante Dinge und erfreue mich am Herbst. Für das heute reichte meine Kraft nicht. Ich bin noch nicht soweit. Und habe Angst ich bin dazu verdammt allein zu bleiben.

Und ich spüre, wie meine Wut Tag für Tag wächst, weil er auf die Art und Weise schlussgemacht hat, auf die er es getan hat. So hässlich, dass es mir schwer fällt unsere Zeit nicht in Frage zu stellen.

Die nächtlichen Träume bleiben. z.B. der von vorgestern, als ich ihn im Traum schlagen wollte, weil er mich schon länger mit einer seiner Kolleginnen aus R. betrogen hat (hat er tatsächlich nicht, oder jedenfalls nicht dass ich wüsste, kanns mir nicht vorstellen). Aber die Schläge kamen nicht bei ihm an. Ich traf ihn zwar, aber die Schläge hatten keinerlei Wirkung. Verpufften. Er fand es eher noch amüsant.

Vielleicht frage ich ihn demnächst, über was er eigentlich noch sprechen wollte. Er hatte zwei Tage nach diesem hässlichen Telefonat (ja, Telefonat) geschrieben, dass er gerne zu mir kommen würde um zu reden, und wenn ich das nicht wollen würde, zumindst nochmal am Telefon. Aber ich antwortete, dass ich das nach diesem Telefonat nicht möchte, vielleicht wenn etwas Zeit ins Land gegangen ist. Seitdem hat er sich nicht mehr gemeldet, und ich mich auch nicht, weil ich nicht wüsste, was ich sagen soll. Das Telefonat hat mich echt sprachlos gemacht. Außerdem glaube ich, dass er gemerkt hat dass er seinem eigenen Anspruch an ein "gutes" Schlussmachen nicht gerecht wurde und nachjustieren wollte. Aber das ist sein Problem.

Dafür will meine Wut langsam einen Weg. Und ich habe nicht vor, das weiterhin allein mit mir im Traum auszumachen.

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Dienstag, 13. Oktober 2015
Gehen (lassen).
Es gibt gute Tage, und es gibt weniger gute. An den guten Tagen schlendern mein Herz und ich gemütlich vor uns hin, kucken links, kucken rechts. Schauen den Bäumen beim Loslassen zu, wie bunte Blätter durch die Luft segeln. Atmen den Herbst, in der ihm eigenen Vergänglichkeit so wunderbar lebendig, tief in uns ein. Lassen die Dinge laufen, laufen mit den Dingen. An weniger guten Tagen stolpere ich mit meinem Herz umher wie mit einem Hinkebein. Ziehe es nach, durch Nebel und feuchtes Laub. Es bleibt hängen, kommt aus dem Takt. Kommt nicht hinterher. Hält mich auf.

Manchmal denke ich, vielleicht ist das bei mir wie bei einem Menschen mit körperlicher Behinderung. Jemand dem z.B. ein Bein fehlt kann noch so viele Rehas besuchen, es wird ihm nicht wieder nachwachsen. Er kann entweder daran verzweifeln – oder lernen damit umzugehen. Vielleicht bekommt er eine Prothese. Aber sehr wahrscheinlich wird er nie so schnell Marathon laufen wie jemand mit zwei gesunden Beinen. Oder vielleicht wird er nie Marathon laufen, sondern nur Kurzstrecken. Aber – er kann sich fortbewegen, er kann lernen damit umzugehen, er wird sich zurecht finden. Oder jemand der im Rollstuhl sitzt: er wird nie mit zwei gesunden Beinen rennen, aber er kann vorwärtskommen, Sport machen, zum Ziel gelangen. Im Leben stehen ohne funktionierende Beine.

Vielleicht habe ich eine emotionale Behinderung. Egal wie viele Therapien ich noch mache, diese emotionale Behinderung wird einfach nicht wegwachsen. Ich kann entweder daran verzweifeln – oder lernen damit umzugehen. Vielleicht werde ich nie den emotionalen Marathon laufen, auch wenn ich mir das noch so sehr wünsche. Vielleicht bleibe ich Sprinter. Aber ich kann mich verlieben, ich kann Zuneigung entwickeln, und immerhin auch emotionale Bindungen zu Freunden. Und ich kann lernen mit mir alleine zufrieden zu sein. Im Leben stehen ohne funktionierende Partnerschaft.

Ich wollte nie so werden wie meine Mutter, und schaue jetzt doch sehr nachdenklich den Bäumen beim Loslassen zu.

~ Pachanga Boys - Time

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