Montag, 17. August 2026
Rasende Wut
Seit 11 Jahren lebe ich nach der goldenen Regel, Alkohol nur im Beisein anderer und nicht in schlechter psychischer Verfassung zu trinken. Seit über einer Woche breche ich diese Regel. Ich weiß, dass das scheiße ist, aber mir gehen grad die Bewältigungsstragien aus.

Hab heute mein Arbeitszeugnis von der PT2 Stelle bekommen. Nach 7,5 Monaten. Den männlichen Kollegen gefragt, ob er mir seins sendet. Die Chefin hat nun auch schwarz auf weiß einen eindeutigen bias für junge Männer. Sie selbst hat zwei Söhne. Ich habe keinen Penis, sondern Emotionen. Damit konnte sie nicht viel anfangen. Habe sie um ein Gespräch zum Zeugnis gebeten.

Nen richtigen Lauf hab ich da, dieses Jahr. Und das nach den letzten Jahren. Also ja echt, ich kann jetzt nicht mehr. Ständig kommt was neues drauf was organisiert, geklärt, besprochen, verarbeitet, entschieden werden soll. Neues, das mich mich selbst und diesen Weg hintefragen lässt. Ich weiß, dass ich dort einen mega Job gemacht hab. Und ich bin eine, die sonst immer an sich zweifelt, ihr Licht unter den Scheffel stellt, unsicher ist. Reicht das, was ich kann? Reiche ich? Die Patient:innen wollten von mir immer weiterbehandelt werden, auch wenn das nicht ging wenn sie in die nächste Stufe wechselten. Sie haben sich so krass bei mir bedankt. Ich hab so mega Entwicklungen mit manchem erlebt. Und ich hab echt keinen Bock mehr auf diese Unprofessionalität und Willkür von Führngskräften. Nur weil man nicht so tickt wie die. Nicht sein Maul hält. Nicht unemotional stupide vor sich hinarbeitet. Keinen Penis hat.

Fickt euch ey. Ich kann nur noch Rosé.

 
Heute habe ich mit einer Freundin telefoniert, die ich damals in der Klinik kennengelernt habe. Uns hat vor allem die Trauergruppe verbunden, sie war dort wegen des unheilbaren Krebs ihres Mannes, ich wegen der Katze und meiner Mutter. Ja, man hat uns dazu ermutigt, uns mit unserer Trauer zu beschäftigen, bevor diese Menschen sterben, weil es Dinge zu betrauern gibt, bevor sie gehen.

Diese Freundin ist um einiges älter als ich. Ihr Mann ist ca. 1,5 Monate nach meiner Mutter gestorben. Das fanden wir beide ganz erstaunlich. Aktuell ist sie in einer Reha. Das wusste ich bis gestern nich, auch das fand ich erstaunlich, dass ich parallel einen neuen Aufenthalt in der Klinik plane. Sie ist eine der wenigen Personen, die latente Suizidalität als Notausgang ohne aktiven Handlungsdrang verstehen kann. Diese passiven Ruhewünsche. Mit kaum jemand anderem kann ich so gut darüber sprechen. Überhaupt, ich fühle mich so verstanden bei ihr. Wir haben seit mehreren Monaten nicht mehr telefoniert, so gab es heute viel für den Austausch. Zu meiner Situation sagte sie, ohne dass ich diesen Aspekt vorher angesprochen hatte: "Wie ist das denn mit diesen ganzen Kürzungsgeschichten in der Psychotherapie? Das würde mich ja am meisten demotivieren." Das hat mich sehr berührt. Bei den meisten habe ich den Eindruck, dass ihnen nicht klar ist, was diese ganzen aktuellen politischen Entscheidungen für meine Zukunft bedeuten. Klar ist das viel größer als ich. Aber es betrifft eben auch meine Existenz, auf einem Weg, für den ich mich erst mit Mitte 30 entschieden habe, der lang ist und unfassbar teuer. Über 60.000 Euro werde ich am Ende dafür gezahlt haben. Mit dieser Frage habe ich mich so gesehen gefühlt. Es sind manchmal kleine Dinge, Fragen oder Aussagen die banal klingen. Aber sie machen so einen Unterschied. Ohne diese Menschen, es sind nicht viele, aber doch eine handvoll, und das ist sicher schon sehr privilegiert, ohne die wär ich komplett lost. Die halten mich hier.

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Gerade habe ich einen sehr netten Austausch mit jemandem aus meiner Ausbildungsgruppe. Ich denke, er und ich sind uns sehr ähnlich, auch wenn uns Jahre trennen. Aber ich erkenne mich in so vielem wieder. Und habe ihn gefragt, ob er da über ein bestimmtes Thema mal reden mag, wenn wir wieder am Institut sind, und er meinte, ob man nicht auch mal so Zeit verbringen kann, und ich weiß, dass er das wirklich nur im Sinne von Kontakt meint, ohne Hintergedanken. Ach, das ist auch ein spannendes Thema in unserer Gruppe. Wer sind wir? Nur Ausbildungskolleg:innen? Freund:innen? Wollen wir mehr Zeit miteinander verbringen als nur in den Ausbildungswochen? Das hat schon für reichlich Zunder gesorgt. Aber auch diese Konflikte, so spannend. Ach, am Ende ist diese Ausbildung einfach für mich toll, unabhängig von der Approbation. Aber dafür ist es echt ne crazy cash Hausnummer.

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Dann plötzlich: Geschrei auf der Straße. Männlich und weiblich, letzteres klang so alarmierend, dass ich beschloss einfach runterzugehen und zu kucken was da los ist, denn von meinem Fenster aus konnte ich das nicht genau sehen. Strammen Schrittes auf die Gruppe von 4 Männern und 1 Frau, die am Boden kauerte, zugesteuert. Laut gebrüllt: hey! Hey lasst sie! Hey was ist da los? Sie kucken irritiert. Mir wird bewusst, dass aus dem Haus gegenüber viele Köpfe ragen, weiter runter die Straße stehen weitere Menschen. Ich rufe die Polizei. Die Polizei sagt, sie ist bereits unterwegs. Wie gut, denke ich, dass lieber 3 Leute zuviel als 3 zuwenig die Polizei anrufen. Noch stehe ich da aber ziemlich alleine bei der Gruppe. Der Rosé, naja, vielleicht nicht so schlau, aber jetzt steh ich da nun mal. Einer aus der Gruppe löst sich, geht auf mich zu. Nicht ausweichen, denk ich mir. Steh da breitbeinig, in meiner viel zu kurzen Shorts und dem T-Shirt ohne BH drunter. Aber immerhin mit 1,80 m. Er kommt auf mich zu und breitet resigniert die Arme aus, erzählt was von: mein Bruder, seine Freundin, er betrunken, wollten sie nach Hause bringen, er will nicht, Sie soll nicht mit ihm nach Hause. Vom Streit selbst versteht kaum jemand der umstehenden etwas, da es eine türkisch-arabisch-Mischung ist. Alles in allem bin ich einfach erfreut, dass ich da hingegangen bin, dass da viele andere auch sind, dass viele nicht wegkucken, dass viele handeln und die Polizei rufen. Und naja vielleicht Glück gehabt, weil keine Aggression gegen mich, oder Messer. Aber alles in allem, und das ist leider oft ein Problem, aber ich mag es nicht ändern, gehe ich davon aus, dass man mir gegenüber wohlgesonnen ist. Absurd, mit meiner Geschichte. Und doch so ein Segen.

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Grad nochmal meinen Betreff gelesen und mich gefragt, ob nicht ein Teil von mir auf eine körperliche Auseinandersetzung gehofft hat.

Ich muss was mit dieser Wut, mit diesen Aggressionen machen.

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