Sonntag, 2. Februar 2014
In einem unerwarteten Moment und auf einem Kanal, mit dem ich nicht gerechnet habe, kommt dann eine Nachricht. Ihr Inhalt bewirkt, dass es mir für ein Augenblinzeln lang leichter meine Entscheidung nicht zu bereuen.

Heute Morgen schreibt er in einer weiteren, dass er mir gleich die Kette zurückgeben möchte, die ich ihm geschenkt habe. Das trifft mich sehr, es verletzt mich wenn Menschen die ich mag mir Geschenke zurückgeben. Auch wenn ich es in diesem Fall ein Stück weit nachvollziehen kann.

Als er klingelt schmelze ich gerade Butter und Zartbitterschokolade für einen Kuchen. "Magst du länger bleiben?" frage ich ihn in der Tür. "Mach erst mal zu. Ich will dich einfach nur in den Arm nehmen." Und das tun wir dann, uns in den Arm nehmen. Sehr sehr lange. Ich heule in seine nach Rauch stinkende widerliche Bomberjacke die ich so sehr verabscheue und denke mir, dass das jetzt das letzte mal sein wird, und finde diesen Gedanken unerträglich. Er atmet tief meinen Geruch am Hals ein, streichelt meinen Rücken. Es wirkt verzweifelt, wie wir da stehen, und je länger wir uns halten, desto weniger verstehe ich, warum wir den Kontakt eigentlich so brutal und unwiderruflich abschneiden wollen.

Ich spreche meine Gedanken nicht aus, denn etwas in mir erinnert sich, warum das so sein muss, auch wenn .. ich es eigentlich für mich selbst nicht verstehe. Ich verstehe es für ihn. Aber ich bin froh, dass er meine lange Mail anscheinend verstanden hat und mich im Abschied nicht wieder zur Hassfigur machen muss, sondern die Situation akzeptieren kann wie sie ist. Zwei Menschen, bei denen mal wieder die Zuneigung zueinander allein nicht reicht um beieinander sein zu können.

"Willst du noch über etwas sprechen?" "Es gibt nichts zu reden", meint er weinend, und es ist so ironisch, dass er mir dann mein Englisch-Wörterbuch zurückgibt, dass ich ihm für Thailand geliehen hatte. Als könnten wir damit Worte finden, denke ich mir in einem kurzen Moment. "Du wirst mir sehr fehlen, und pass wenigstens ein bisschen auf dich auf." Tränen laufen über mein Gesicht, aber es ist mir egal. Ich gebe ihm seine Duschgels, seine Zahnbürste und sein Gras, das bei mir in der Küchenschublade deponiert war.

"Meinst du wirklich, dass wir nie wieder befreundet sein können? Also nie nie wieder? Nicht mal in 5 Jahren?" Er antwortet nicht, hält mich wieder so unglaublich und wunderbar fest und atmet mich ein.

Als wir uns ein letztes mal loslassen, Tschüss sagen und die Tür zwischen uns bringen, fällt all die Hoffnung zurück, die ich in den vergangenen Jahren in ihn gesetzt habe und die sich jetzt in Rauch auflösen sollte, wenn mein Herz nur noch verstehen würde, dass es diesmal wirklich soweit ist.

Vielleicht hat es deswegen so lange gedauert, bis ich die ganze Tiefe meiner Gefühle zu ihm mir selbst gegenüber zulassen und akzeptieren und auch aussprechen konnte. Weil ich wusste, was es bedeuten wird.

Ich blätter durchs Wörterbuch, ein Bild von ihm, das ich sehr mag, fällt heraus. Ich gehe zurück zum Herd und heule in die Schokolade, streichel den kleinen Stinkbär und in mir zuckt der kleine Stachel Hoffnung mit einem Gedankenfetzen an einen Sommer mit graugrünblauen Glitzeraugen, andhim und dem Duft von Sonnencreme. Holzhammer Gegenwart fegt die Gedanken fort und hinterlässt graue Rauchschwaden. Das Jahr startet mit mehr Asche, als ich derzeit aushalten kann.

Erst als der Kuchen im Ofen ist fällt mir auf, dass er die Kette behalten hat.


~Philipp Poisel - Eiserner Steg (piano)


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Samstag, 1. Februar 2014
Mails abrufen. Das ist wie Russisches Roulette, nur mit voller Trommel, also ganz anders. Keine Antwort, eine bösartige, oder eine liebevolle. Jeder Schuss ein Treffer. Und so halte ich jedes mal die Luft an und habe Angst vor einer und keiner neuen Mail, und dass nun wirklich alles so ist, wie wir es entschieden haben.

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Freitag, 31. Januar 2014
Durch die Nacht.
Wenn sie schon keine Rassekatze ist. Dacht ich mir. Frag ich die Katze, ob sie sich vorstellen kann doch wohl wenigstens eine Reisekatze zu sein. Schaut sie mich skeptisch an. "Mit Rucksack und so", erkläre ich ihr.

Blinzelt sie müde und bettet ihr Haupt auf ihre Pfoten. Ich glaub, das war ein Nein.

Zieh ich mit Wein und Weinen weiter auf dem Sofa durch die Nacht und meinen Träumen hinterher. Bis nach Genua und noch viel weiter. Wo die Katze am Absatz des Stiefels zur gestiefelten Katze wird.


~ Philipp Poisel - Durch die Nacht

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Mittwoch, 29. Januar 2014
Am Arsch.


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Dienstag, 28. Januar 2014
Ertappe mich dabei, dass ich meine Geburtstagsfeier wieder absagen will. Weil ich nicht weiß was ich feiern soll. Weil ich mich schäme für das, was ich bin, und für das, was ich lebe, und für das, was ich nicht lebe, und weil mein Leben tatsächlich sehr ... so ist, wie ich es nie leben wollte. Es erscheint mir von Tag zu Tag weniger lebenswert. Und für diese Gedanken schäme ich mich dann noch mehr. Denke mir, dass ich früher vielleicht verpeilter, unruhiger und unklarer war. Mehr getrunken, mehr geraucht und mehr gezogen habe. Vielleicht genauso viel nachgedacht, aber nicht so viel von mir selbst verstanden habe. Aber ich war öfters unterwegs. Bin mehr gereist. Habe viel gesehen, viele Menschen getroffen und viel erlebt. War unkonventioneller, mutiger, wilder, intensiver. Ich hatte das Gefühl, ich lebe. Mit Höhen und Tiefen, aber nicht ganz so verzweifelt wie heute. Und da gab es wenigstens ein Himmelhochjauchzend dazwischen. Jetzt ist alles überlagert oder unterlegt von Skepsis und Kummer. Sie wummern wie eine Baseline über den Subwoofer, immerwährend, subtil aber deep. Und wenn man die Höhen rausnimmt, bleibt nur noch der alles hinfortfegende Bass. Der alte Schlamm ist nach oben gespült und hat sich dort über mich gelegt. In mir, unentdeckt, als ein zu erahnender Schatten, war er mir lieber.

Die Leute sagen, es ist toll, allein zu sein, man muss das können (wer kann das denn überhaupt?) und sich selbst lieben lernen (wer tut das denn überhaupt?), und in Therapie zu sein, und alte Scheisse aufzuarbeiten. Ach ja, ist das so? Mir ging es besser als die Scheisse zumindest auch von sehr vielen - und seien sie manchmal auch vorgegaukelt oder erdrogt gewesen - lustigen und wilden und intensiven Situationen unterbrochen wurde. Jetzt habe ich ständig nur Angst, überhaput nur einen Schritt in irgendeine Richtung zu tun. Seit ich mich selbst suche, weiß ich leider, dass ich mich nicht finde. Vorher wusste ich nicht, dass ich mich nicht habe.

Nein, ich weiß nicht was ich feiern soll. Absolut überhaupt gar nicht.

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Sonntag, 26. Januar 2014
<Platzhalter für die (tatsächlich öde) Geschichte, als ich F. vom Flughafen abholte>

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Hurra - es ist wieder so weit! Ich heule in mein Essen. Fast schon hätte ich diese ach so lieb gewonnene Gewohnheit vergessen. Hierbei festzustellende Verbesserung: das Heulen ist nur von kurzer Dauer. Mensch das ist doch super, nicht wahr.

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Sonntag, 19. Januar 2014
Ich hasse.
Schon wieder mal. Oder immer noch. Und es stellen sich ewig die gleichen Fragen: wo ist dieser intensive Hass denn sonst die ganze Zeit? Ist er ständig da, und ich unterdrücke, überspiele, übertünche ihn nur, lasse ihm keinen Raum? Oder bin ich in der anderen Zeit wirklich zufrieden, ausgeglichen, versöhnlich, freundlich und höflich auch mir selbst gegenüber? Oder spiele ich die ganze Zeit nur Theater?

Es kotzt mich so vieles an. Meine Familie, LeSchwe, die Arbeit. Ich mich, denn vielleicht liegt das ja alles nur an mir, bin ich inkompatibel, asozial, nicht anpassungsfähig, habe zu hohe Erwartungen, zu falsche Vorstellungen, die falschen Ideale. Und dann dieses geisteskranke System, ich dem ich einfach nicht den Platz finde, an dem ich nicht das Gefühl habe mich permanent von denen ausnutzen und über den Tisch ziehen zu lassen, die dann mit ihrer Millionen nach Hause gehen, weil ich so fleißig und artig war.

Ich kann es nicht mehr hören. Dieses Alphamännchengetue, das Profilierungsgehabe, dieses Rumgebalze, dieses Brustgeschlage und Tarzangeschreie. Im fetten Strahl könnte ich über die Tische kotzen und den ganzen verlogenen Fratzen ins Gesicht. "Oh darf ich kurz? Da klebt was auf Ihrer Stirn.." Ein zehntel des überzogenen Egos dieser psychopathischen Alphaarschlöcher würde mir schon reichen, nein sogar verdammt gut tun. Woher nehmen die die ganze Luft für ihre Arien?

Hasse ich das alles so sehr, weil es mir verdeutlicht, wie klein ich mich selbst fühle? Wie wenig Bedeutung ich mir in diesem Universum selbst beimesse?

Wie gern wär ich selbst einfach mal Bitch. So ein eiskaltes Alphaweibchen, hinter mir nur eine Schneise der Verwüstung, ein Land der Leichen. Lasse andere aalglatt ablaufen und ziehe Bahnen in meinem Geldpool. Aber das bin ich eben nicht. Und eigentlich möchte ich das auch gar nicht sein.

Warum sind die nicht alle Bulemiker, frage ich mich, die müssen sich doch selbst so dermaßen zum Kotzen finden. Stattdessen bin ich die Saudoofe, die das alles gegen sich selbst richtet, und das dann alles so zum Kotzen findet, dass sie selbst Bulemikerin wäre, wenn sie denn Kotzen nicht so ekelhaft und Essen nicht so göttlich fände. Schleppe die negative Energie, die diese ganzen Wichser ungefragt in meiner Anwesenheit verschleudern, mit nach Hause und ärger mich damit rum, finde kein Ende, finde keinen Abstand.

Und so bleibt die ewige Frage nach dem "wohin". Wohin mit dieser Aggression? Wohin mit mir?

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Samstag, 18. Januar 2014
Von F. haben wir nichts mehr gehört. Und irgendwie spüre ich ihn gerade nicht mehr. Nach wie vor fehlt er mir dennoch ganz unglaublich.

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Sonntag, 5. Januar 2014
Distance makes the heart grow fonder.
Im Flughafen ist es erstaunlich ruhig, nur an dem angepeilten Schalter staut sich eine kleine Menschentraube. Vielleicht liegt es am 1. Januar, vielleicht auch an der Uhrzeit. Vielleicht träumen wir aber auch nur. Dass wir hier jetzt echt zusammen stehen hätten wir vor zwei Wochen auch nicht gedacht. "Fliegen Sie mit?" "Nein", antworte ich der netten Lady am Check-in mit einem wehmütigen Lächeln. Sie nickt. "Das nächste mal dann zusammen?" flüstert F. in mein Ohr. Ich lächeln weiter. "Mal sehen, hm?"

Es ist komisch ihn nun für 3 Wochen zu verabschieden. "Distance makes the heart grow fonder", hat mir in meinem Praktikum in England mal ein Kollege gesagt. Damals war ich schwer verliebt. Und mir war schon immer klar - in England wie in Afrika wie sonst wo auf der Welt - dass es immer für denjenigen, der geht, leichter ist, denn er zieht in ein Abenteuer. F. hat sich fast in die Hose gemacht in den Tagen vor dem Abflug. Sein erster Urlaub seit vielen vielen Schuldenjahren, den er nicht auf Balkonien verbringt. Und dann auch noch raus aus Europa. Da liegt ein 38-Jähriger Mann in meinem Arm, der sich fürchtet vor drei Wochen Traumurlaub. "Ich will nicht weg! Ich will in deiner Nähe bleiben!"

Ich wäre gerne mitgeflogen, auch spontan. Am Freitag vor Weihnachten bin ich noch Flüge durchgegangen. Arbeitstechnisch aber ausgerechnet in diesem Januar nicht möglich. Vielleicht hätte ich es erflehen können. Aber mein Pflichtbewusstsein hat gesiegt. Jetzt ärger ich mich.

"Ich habe mich in den letzten Jahren daran gewöhnt dich nicht zu haben", hat F. mir vor Weihnachten gesagt, als ich mit selbstgebackenen Lebkuchen und einem "Du fehlst mir" vor seiner Tür stand. Mir selbst wurde allerdings klar, dass er mich mehr hatte als jeder andere. Es war wohl nicht der verheiratete Mann, der mich im Sommer 2013 so berauscht hat. Er war es nicht, dem ich den Rücken gestärkt habe, und auf seine Seite habe ich mich nie geschlagen. Es war nicht sein Duft, den ich vermisst habe, als er nicht mehr da war. Und der Parade-Remix von Eulberg ist eben einfach nicht sein und mein Track gewesen, sondern F.'s und meiner, und jetzt weiß ich auch, warum mich diese Aussage vom verheirateten Mann so gestört hat. Manchmal bin ich ganz schön schwer von Begriff - aber wer will so etwas auch schon zulassen, mit "so einem"? Dagegen war der verheiratete Mann rational betrachtet einfach sehr viel sinnvoller.

F. ist mir vor Freude über die Lebkuchen um den Hals gefallen. Und er sagte: "Hey, das ist die erste Karte, die ich von dir kriege. Die bekommt einen Ehrenplatz!" Es ist süß, weil es klingt, als würde er davon ausgehen, dass noch mehr Karten folgen, irgendwann. Und weil es ihm wichtig ist.

Nachts liege ich neben ihm, und wie er mich anfasst und hält, das ist einfach so wundervoll, und mein Herz klopft bis zum Hals, und ich bin froh, dass er da ist.

Am nächsten Tag bin ich zu meinem Friseur in N. Der war ziemlich arschig, wohl weil er enttäuscht war, dass ich diesmal nicht zum traditionellen Schäuffele essen mit ihm bleiben konnte, sondern direkt weiter in die Heimat musste (und wollte!) um in den Geburstsag meines Vaters reinzufeiern mit einem ganz fantastischen Dinner. Dazu gibt es auch eine Geschichte, aber die erzähle ich vielleicht ein ander mal, so wie es überhaupt viel zu erzählen gäbe, aber es lässt sich nicht so recht raustippen.

Der Friseur war also arschig und angepisst und kommentierte die Lebkuchen, die ich ihm brachte, mit: "bei der Verpackung hättest du dir aber auch mehr Mühe geben können." Und als er einen probierte: "die hattest du aber zu lang im Ofen, oder?"

Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar. Der Satz geistert mir seither oft im Kopf rum.

Da gibt es Menschen wie F., die aussehen wie Assis, die aber rundum herzerwärmend und aufrichtig sind, wenn man nicht gerade mit ihnen in Clinch geht. Und dann gibt es Menschen wie den Friseur, die wirklich herzerwärmend aussehen, wunderhübsch und sexy, die witzig und intelligent sind, die aber immer mehrere Dinge parallel am Laufen haben und sich wie ich nun beim Friseur merke oft nicht nur in einer Hinsicht völlig assi verhalten.

Es ist das erste mal seit ich F. kenne, dass ich Angst habe ihn zu verlieren. Und das nicht erst, seit er weg ist. Schon vor meinem Besuch bei ihm vor Weihnachten habe ich mit einer Kollegin darüber gesprochen. Ich hoffe, er kommt (heil) zurück. Viel hält ihn in Deutschland nicht. Und auf der anderen Seite habe ich riesen Schiss davor was ist, wenn er zurückkommt. Mein kleiner Assi mit den graublaugrünen Glitzeraugen und dem Duft nach Sonnencreme.

~ Sugababes - Too lost in you


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