Dienstag, 31. Mai 2011
Telegramm an mich:

Papa hat sich bis heute nicht zu der Mail geäußert. Bin fast sprachlos. Enttäuscht. Bruder ist zögerlich, weiß nicht. Nach Aktionismus klingt das nicht. Aber immerhin. Einer der... mit da ist, so ein bisschen.

Arbeit immer verfahrener. Überlege zu kündigen aus diversen Gründen.

Fühle mich sehr alleingelassen. Im Job wie mit Mama.

Kieferknochenentzündung nach Mamut-Weisheitszahn-OP, aber Zahnarzt freut sich dass ich keine Dauerhaften Nervenschäden (am Kiefer...) davongetragen habe. Scheint wohl nicht so unwahrscheinlich gewesen zu sein. Ibu ist jetzt mein bester Freund.

Irgendwie alles ein bisschen im Ungleichgewicht. Alles zuviel. Geht mir nicht permanent scheisse, aber die Grundlast zieht heimlich still und leise immer mehr runter.

Freue mich sehr auf das Konzert und auf die Begleitung :-)

Und danach freue mich sehr auf Berlin.

Seelenheil ~ ... link (3 Kommentare)   ... comment





Dienstag, 24. Mai 2011
Es hört nicht auf...
und ich kann mich nicht entziehen. Dazu bin ich einfach zu sehr mittendrin. Ich paste jetzt eine Mail, die ich eben an meinen Vater und meinen Bruder gesendet habe, weil ich das jetzt alles nicht noch mal tippen kann... natürlich mit entsprechenden Anmerkungen und Zensierungen:

Hallo,

jetzt fang ich schon an wie Mama und sende euch Mails.. aber erstens schlaft ihr bestimmt schon, und zweitens muss ich das selbst erstmal sortieren, und das geht am besten wenn man schreibt.

Ich hatte eben einen interessanten Anruf von H.T. alias HT (Anmerkung: ein nickname aus seinen Chatzeiten). Ich kenne ihn von früher, als ich meine sehr intensive XXX (Anmerkung: ein Internetcafe, in dem ich vor meinem Abi und in meiner Hardcore-Drogenzeit Stammgast war)-Phase hatte. Wir haben uns oft gesehen, aber hatten nie wirklich viel miteinander zu tun. Er hat mir eine Fa*cebook-Nachricht gesendet, dass ich ihn bitte sofort anrufen soll.

Und dann hab ich das gemacht. Es ging um Mama. Ich wusste gar nicht, dass sie ihn kennt, und ich hatte seit damals, das ist sicher über 10 Jahre her, keinen Kontakt mehr mit ihm. Inzwischen betreibt er anscheinend einen Computerladen, und sie schlägt schon länger ab und zu bei ihm auf. Am Anfang wegen "normalen" technischen Problemen, und seit dem 4.1. diesen Jahres wegen "merkwürdiger" technischer Probleme. Am 4.1. kam sie zu ihm, weil sie behauptet hat, jemand hätte ihren USB Stick zerstört, da wären aber wichtige Daten drauf, und sie sollen sich das anschauen. Fakt ist, dass von dem Stick keine Daten mehr gelesen oder runtergeladen werden können, aber HT meint, dass der Stick auch einfach kaputt sein könnte. Seitdem schlägt sie öfters bei ihm auf, er kennt die ganze Geschichte, von A bis Z. In unserem Telefonat erwähnte er, dass sie nicht der erste Fall mit dieser Art von Psychose ist, die er kennt. Er hat einen Bekannten, der jahrelang Chrystal gezogen hat, und der sei auch total geschrottet gewesen. Ihm hat er damals über 3 Jahre lang hinweg da raus geholfen.

Und zwar so: er hat versucht, sich ein Stück weit auf diese Geschichte einzulassen, nach dem Motto: das was früher war, das weiß ich nicht, aber jetzt ist es vorbei, und hat Bekannte vom BKA involviert, die sich mit dem Typen getroffen haben, und ihm gesagt haben: also was früher war, das wissen wir nicht, aber derzeit werden Sie definitiv nicht überwacht. So auf diese Schiene. Er meint auch, es war unheimlich zeit- und energieraubend, aber nach 3 Jahren war er raus, trinkt nicht mal mehr Alkohol und ist so gut wie vollständig resozialisiert. Woher HT die Nerven und die richtigen Taten und Worte genommen hat, es ist mir ein Rätsel.

Jedenfalls meinte er, dass Mama heute, am Montag, bei ihm wieder im Laden war und mit ihm geredet hat. Sie will sich Überwachungstechnik kaufen, und hat sich durchrechnen lassen, wieviel das kosten würde. HT hat ihr bisher fast nie Geld für das genommen, was er getan hat. Also der ist kein Abzock-Assi. Das, was Mama wollte, liegt im 5 (!!!) stelligen Eurobereich. Er meint, er konnte sie erstmal davon abhalten, sie hätte zwar auch geschluckt und gemeint, 5-stellig sei jetzt schon hoch, aber er meint, sie hätte es vielleicht auch gekauft, wenn er das entsprechend hingebogen hätte. Zumindest sei sie definitiv bereit, hohe Summen dafür auszugeben (unter anderem für eine Videokamera mit Nachsichtfunktion, aber er meint, das ist halt wirklich scheisse teuer).

Daraufhin hat er WA (Anmerkung: Änderung eines nicknamens, aber er ist langjähriger Freund meiner Mutter und war Admin in dem Internetcafe, in dem ich Stammgast war) angerufen, denn HT wollte die Verantwortung nicht mehr alleine tragen, und er hatte keine Ahnung, wer überhaupt irgendwas von der Situation von Mama weiß. WA und er haben dann festgestellt, dass sie beide das gleiche wissen, und sich lange darüber unterhalten, und auch beschlossen, dass man auf jeden Fall irgend etwas tun MUSS. Er meinte, man kann sie jetzt vielleicht noch mit so ein paar Strohhalmen hinhalten, die ihr Hoffnung (auf Beweise?) geben, aber wenn die weg sind, weiß er nicht was sie tut, und er weiß auch nicht wie sie reagieren würde, wenn er ihr direkt sagen würde: ich glaube dir nicht, du bist krank. Das wird er ihr auch nicht sagen. Er hat, und das hätte ich ihm nie zugetraut, irgendwie ein gutes Händchen für solche Menschen. Vielleicht auch aufgrund seiner Erfahrung, denn das ist jetzt der nächste Brüller...

Ich sagte HT, dass sie bei der Therapeutenfotze ist, und er sagte: oh Gott. Er hat eine Bekannte, die mal bei der Therapeutenfotze war, und die hat ihr immer so Steinsäckchen mit nach Hause gegeben, nach dem Motto, die sollen die bösen negativen Energien bündeln und wegleiten, und so eine Scheisse. Irgendwann war das letzte, was die Bekannte tun konnte, dem HT im Chat "hilfe" zu schreiben. Sie wurde dann nach XXX (Anmerkung: ups... überlesen.. Bezirksklinik Psy*chiatrie) gebracht, und dort stellte sich heraus, dass ihr ein wichtiges Hormon für die Funktion der Schilddrüse fehlte, was ihre komplette Hirnfunktion zerschossen hat. Hätte Frau Therapeutenfotze ein ordentliches Blutbild gemacht, wäre es nie soweit gekommen. Denn das IST nun mal auch nur medikamentös behandelbar, und wie wir nun wissen, hält die Frau nichts davon, und HT meint auch, dass wir unbedingt Mama dort wegbekommen sollten. Ja. Ernsthaft. Ich halte Therapeutenfotze (Anmerkung: den Namen kriegt sie leider nicht mehr los) für saugefährlich, und ich überlege wirklich schwer, ob ich nicht tatsächlich gegen sie Anzeige o.ä. erstatte, Mama scheint da ja kein Einzelfall zu sein, S. (Anmerkung: ein Freund von mir, der hier wie gesagt in der Ps*ychi*atrie Er*langen arbeitet als angehender Fa*achar*zt) hat sich ja auch schon in die Richtung geäußert.

HT ist niemand, der uns mit der Info nun allein lässt. Wir haben ausgemacht, dass ich S. nach einem guten Arzt, für den Mama nicht nur eine Nummer oder eine Psychotante ist, frage. Einen, dem man das alles erklärt, und der sich mit ihr so auseinandersetzt, dass er ihr so in etwa in der Art wie HT damals dem Chrystal-Typen helfen konnte, hilft. Da würden wir dann zumindest alle an einem Strick ziehen.

Er meinte auch, er wird ihr definitiv nicht die teure Technik verkaufen. WA und er haben gemeint, dass sie ihr vielleicht für 500 oder 1000 Euro Webcams einbauen in den PC (den will sie morgen dort hinbringen, also am Dienstag), aber auch das findet er eigentlich schon zu teuer, vor allem weil er halt nicht weiß, ob ihr das in die richtige Richtung weiterhilft.

Tja. So wie es aussieht komme ich aus der Nummer nicht so schnell raus. HT meinte auch, er hält es für verkehrt, sie fallenzulassen und einfach nur zu sagen: du bist krank. Er meint, man müsse sich wirklich eine Art Strategie überlegen. Die wie gesagt Zeit und Nerven frisst, aber vielleicht zumindest den Weg zur Besserung verspricht.

Ich bin froh, dass wir solche Menschen im Umfeld haben. Sehr froh. Vielleicht kriegen wir ja doch noch was hin. Was mir jetzt echt geholfen hat: wir sind nicht allein. Ansich müssten wir doch alle zusammen echt etwas hinbekommen - aber dafür müssen wir halt wirklich alle Zeit und Nerven investieren, und an einem STrang ziehen.

Hauptproblem wird sein, sie von der Therapeutenfotze wegzubringen. Ich werde auch mit XXX (Anmerkung: ihr Arbeitgeber) telefonieren, wie es aussehen würde, wenn Mama wieder für längere Zeit ausfällt (wegen Einweisung). Ernsthaft. Wir können es nicht so laufen lassen. Wir können einfach nicht.

Macht euch mal Gedanken. Wie seht ihr das? Was haltet ihr von einem Plan? Wärt ihr dazu bereit? Uns muss klar sein, dass wenn wir uns da jetzt reinhängen, wir das eigentlich auch durchziehen müssen.

Scheisse, und morgen bin ich wieder genauso müde wie heute... lange Nächte sind das derzeit..

Liebe Grüße,
Oka






Montag, 23. Mai 2011
Hier und jetzt.
Heute ruft sie mich an. Ob ich ihre Mails erhalten habe. Und dass sie dringend von mir verlangt, dass ich mich entschuldige. Das werde ich nicht, sage ich ihr. Ein Freund ist bei mir, er kennt das ganze Thema nicht, er wusste bisher von gar nichts, und ich merke, wie ihn mein Telefonat irritiert, aber nicht auf die Art, bei der andere ihre Sachen packen.

Sie will ganz ruhig mit mir reden. Ich erwähne nur immer wieder, dass wir zwei Sichtweisen haben, die nicht vereinbar sind, und dass wir das so akzeptieren sollten. So wie ich ihre akzeptiere, wenn auch in keinster weise verstehe, warum sie meine nicht akzeptieren kann. Warum auch immer, sie kann es nicht, und irgendwann legt sie auch wieder auf.

Der Freund, ich nenne ihn... wie nenne ich ihn, er wird hier nun, da ich in der Frangnmedrobole bin, öfters Erwähnung finden. Ich nenne ihn Hiz. Hiz und ich reden lange danach darüber. Er ist der erste Mensch, tatsächlich der erste, mit dem ich sehr lange über das Thema reden kann, und ich merke, dass er unbefangen ist, und absolut unkonventionell in seiner Denke, und ich merke, dass er ein Freund ist, trotz der langen Zeit des Schweigens, die zwischen uns war, nicht aus zwischenmenschlichen Gründen, sondern weil jeder in seinem Leben vergraben war, bis wir uns hier wieder trafen.

Es ist ein tolles Gespräch mit ihm, und lässt mich mich leicht fühlen, ohne die Balast oder den Ernst der Lage zu ignorieren. Hätte ich gewusst, wie er damit umgeht, ich hätte ihm früher davon erzählt, aber vielleicht war es auch einfach der perfekte Zeitpunkt. Der Zeitpunkt, in dem er erlebt, was zu meinem Leben gehört.

Tja. So ist das nun. Und ich muss ja zu hier sagen. Und kann es vielleicht auch endlich.

Die Spieluhr in ihr ~ ... link (0 Kommentare)   ... comment





Sonntag, 22. Mai 2011
Ohne Titel ins nächste Kapitel.
Obgleich ich bei Frau Sturmfrau des öfteren ins Grübeln geriet bezüglich des Themas "Kinder, die sich von ihren Eltern abwenden", so hätte ich mir das für mich nicht vorstellen können. Also so unmittelbar. Ich stellte mir oft die Frage, was da schlimmes passiert sein muss, damit es soweit kommt. Vielleicht muss es gar nicht immer etwas "so schlimmes" sein. Vielleicht reicht es manchmal einfach.

Ich habe in diesem Jahr ca. 3 mal mit meiner Mutter telefoniert, und es ist jedes mal total eskaliert, was immer damit endet, dass sie auflegt. Weil - ich - ihr - nicht - glaube. Und sie nicht - sehen - kann - dass - ich - ihr - auf - meine - Art helfen will. Seit 1,5 Jahren kämpfe ich für sie, auch wenn sie es nicht merkt. Beschäftige mich mit dem Thema. Mach mich verrückt, reib mich auf. Weine, weil mir die "alte" Mama fehlt. Manchmal war es so krass, dass ich dachte, ich müsse den Verstand verlieren.

Am Mittwoch rief ich ihre Therapeutin an. Weil sie meinem Bruder gegenüber wieder Dinge sagt wie: "ich möchte selbstbestimmt sein, und wenn ich dann eine bestimmte Entscheidung treffe, macht euch keine Vorwürfe, ich hatte ein schönes Leben".

Hass und Ohnmacht durchfluten mich, wenn ich an das Telefonat denke und an das, was danach kam, so dass ich den rechten Einstieg gerade nicht finde.

Die Therapeutin glaubt ihr. Sie hält meine Mutter nicht für schizophren. Aus ihrer Sicht sind sie (die Therapeutin) und ich in verschiedenen Welten, sehen mit anderen Augen. Für sie sei das Universum etwas kostbares, in dem auch sein kann, was nicht in unser "normal" passt. Freunde der Kunst. Ich bin niemand, der sich prinzipiell dieser Thematik entzieht, aber in diesem Kontext bin in explodiert.

Ich brüllte sie an. Ob sie wisse was sie da tut. Und wenn sie doch meiner Mutter angeblich so toll hilft seit über einem Jahr, warum geht es ihr dann jetzt immer beschissener. Sie rast mit 180 auf eine Wand zu, sage ich der Therapeutin, und sie meint mit ihrem Betroffenheitsbumsertonfall (den sie das ganze Gespräch über nicht abgelegt hat), dass sie das auch mit großer Besorgnis sieht. "Das ist meine Mutter", schreie ich. Meine Mutter. "Und ich mache Sie mitverantwortlich, wenn Sie sich etwas antut, weil Sie mit ihrer Pseudotherapie eine Therapieform und Medikamente verweigern, die ihr helfen könnten. Die ihr jeweils in der Klinik geholfen haben. Wenn sie ruhiger wurde, aufgehört hat sich so reinzudrehen, reinzusteigern, als sie anfing wieder Englisch zu lernen, zu stricken, mit uns über das Leben zu reden."

Die Therapeutin möchte das Gespräch beenden. Aber ich nicht. Sie meint, sie habe meine Mutter während dieser Zeit nicht erlebt, also könne sie sich da ja nur meine Aussagen dazu anhören. Sie glaubt nicht an die Schulmedizin, und sie glaubt nicht an die Medikamente. Sie hat zwar eine Kassenzulassung (wie das????????) und auch einen Dr., aber den Dr. nur in irgendem Heilpraktikerscheiss. Ich frage sie, ob sie denn dann an den bei meiner Mutter angeblich implementierten Chip glaubt, über den meine Mutter ferngesteuert wird. Ob sie daran glaubt, dass das CIA hinter meiner Mutter her ist. Dass das alles eine Wahnsinnsverschwörung von Ärzten sei, deren Namen meine Mutter komischerweise nie nennt (weil sie keine Antwort hat)?

Sie bumst betroffen weiter und meint: natürlich glaube ich nicht jedes Detail. Aber Sie können ja Ihrer Mutter sagen, dass sie sich einen neuen Therapeuten sucht.

Ich bin ausgeflippt. Ernsthaft, brülle ich, Sie wissen genauso gut wie ich, dass meine Mutter eine erwachsene Frau ist, die natürlich sehr viel lieber zu Menschen rennt, die ihr sagen, sie glauben ihr. Wieviel bequemer ist das, als sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen zu müssen, man sei krank. Psychisch krank. Ich erzähle ihr, dass mein Verhältnis zu meiner Mutter beschissen ist, weil ich die Arschlochtochter bin, die ihr nicht glaubt und aus ihrer Sicht jede Hilfe verweigert. Ich bin außer mir, schlichtweg.

Warum tun Sie dann nichts, frage ich Sie, warum tun Sie dann nichts? Sie weiß auch nicht weiter, sagt die blöde Fotze. Und wenn ich doch einen Vorschlag hätte, dann kann ich ihr den gerne sagen. Ich erzähle ihr von der Idee meines Bruders und von mir, von einem Schlaflabor, in dem Herz und Hirnströme untersucht werden, evtl. mit anderen Strahlenmessgeräten im Raum, und was weiß ich was, Ursache - Wirkung, und so. Denn, so sage ich, wenn das alles möglich ist, aus Ihrer Sicht, dass meine Mutter mit Strahlen gefoltert wird, warum zum Teufel kann diese Strahlen keiner messen? Wenn Technik soweit ist, dass das heutzutage möglich ist, mit normalen Menschen, warum ist es nicht messbar, mit der ach so tollen Technik?

Ja, bumst sie wieder, das ist eine sehr gute Idee. Und wir reden über Hausarzt und was man anleiern müsste. Aber sie lehn sich da zurück und die Hände in den Schoss, überlässt alles mir. Ich müsste mit dem Hausarzt reden und mich kümmern und und und.. und sie kriegt einfach nur Kohle für ihre beschissene Nichthilfe in den Arsch geschoben. Gegen Ende des Gesprächs bin ich ruhiger, und sage auch, es tut mir leid dass ich Sie persönlich angreife, aber aus mir spricht die pure Verzweiflung. Betone aber weiterhin, dass ich die Therapieform für falsch halte und sie für verantwortungslos und grob fahrlässig.

Am Donnerstag Abend ruft mein Bruder an. Oka, sagt er, Mama wird dich anrufen. Sie war bei der (jetzt hätte ich fast den Namen geschrieben) Therapeutenfotze. Und die hat ihr gesagt, ich hätte ihr gedroht sie zu verklagen wegen Mitschuld, falls meine Mutter sich etwas antut.

Ich weiß nicht, wie oft sich der Puls derartig beschleunigen kann, ohne dass man umkippt. Aber anscheinend ist da noch Luft nach oben. Danke, sage ich, und er sagt: ich halte es für richtig, was du getan hast.

Kurz danach ruft Mama an. Ruhig. Gelassen. Gleichgültig, würde ich sagen. Was in mich gefahren sei. Wir kommen in diesem 5-Minuten Telefonat keinen Schritt nach vorne. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie unsere Art der Hilfe eben einfach nicht sehen kann, und dass ich verzweifelt bin. Sie behauptet, sie käme nicht mehr an uns ran. Und wirft mir vor, dass ich mich nie mit dem Thema beschäftigt habe und das auch nie wollte. Und sie sagt: dass ich mir bis jetzt nichts angetan habe, das liegt nicht an dir und deinem Bruder. Ihr wart nicht für mich da. Das liegt an der Therapeutin. Ich weine, und sage, wie kannst du mich einfach so fallen lassen, weil ich dir nicht glaube. Warum siehst du nicht, warum hörst du uns nicht zu. Du hörst uns überhaupt nicht mehr zu. Sie legt auf. Und ruft nochmal an. Und sagt, sie hätte sich eh nicht mehr gemeldet bei mir, wenn die Therapeutin ihr das erzählt hätte. Ich weine, und sage nochmal, wie kannst du mich einfach fallen lassen. Und sie legt auf.

Und vor mir legt ein Scherbenhaufen, ich schneide mir die Füße auf, sehe das Blut, sehe die Scherben, über die ich die ganze Zeit laufe, und frage mich, warum ich so dermaßen blute.

Ich rufe N. an. N. N. N. Und frage sie, warum bricht sie (Mama) nie den Kontakt mit meinem Bruder, obwohl er ihr auch nicht glaubt und daraus ebenfalls keinen Hehl macht. Warum geht sie mit ihm so anders um.

Und dann sagt sie etwas, so gewaltig, dass ich bis heute den Donner nachhallen höre, weil in mir ein Monsterstein plumps und eine Gehirnwindung klack gemacht hat. Es rastet immer noch ein, vibriert nach in seinem Aufprall.

"Oka. Das war schon immer so. Überleg mal, wie deine Beziehung zu ihr vorher war. Wie sie schon immer war. Hat sie deinen Bruder jemals vor die Tür gesetzt? Wollte sie ihn mit dem Windschutz totschlagen? Hat sie ihn jemals so verletzt wie dich? Hat sie ihn jemals fallengelassen?"

In. All. Der. Krankheit. Ihrer Krankheit. Habe ich alles vergessen. Alles. Und mit diesen Worten war alles wieder da, auf einen Schlag.

Dieses Alles lässt sich hier jetzt nicht kurz erklären. Aber es tut weh. Und mir wird klar, dass dies alles keine neue Situation ist. Sondern dass es eine ist, wie ich sie schon tausendfach hatte. Sobald ich nicht so funktioniere wie sie es möchte, sobald ich nicht so denke wie sie, sobald ich eine eigene Meinung habe... werde ich fallengelassen. Rausgeschmissen aus ihrem Leben. Damals hat sich das immer alles irgendwie einrenken können, obwohl auch da lange Monate des Schweigens waren (nach meinem Auszug dann, und auch danach). Aber man konnte irgendwann doch darüber reden.

Das geht mit der Krankheit nicht. Man kann nicht darüber reden. Und es reicht. Sie will ihren Weg gehen, ohne mich, wenn ich ihr nicht glaube. Sie soll ihn gehen. Ohne mich.

Ich wünschte, ich wäre bei N. gewesen. Es war eine harte Nacht. Puzzleteile fügen sich zusammen, auch was mich selbst angeht. Plötzlich hat das alles eine Dimension, die ich so nicht erahnt habe, weil ich immer ihre Krankheit im Vordergrund gesehen habe.

Am Freitag Abend telefoniere ich mit meinem Bruder. Er sagt, er versteht mich. Ich sage ihm, dass ich immer für ihn da bin, aber nicht mehr für sie. Sie hätte ihm gesagt, sie will mich aus ihrer Patientenverfügung nehmen. Ja, sage ich, das wäre jetzt meine Bitte gewesen. Bitte nehmt mich raus.

Freitag Nacht erhalte ich eine Mail von ihr. Endlos lang, in dem sie wieder all das schreibt, was sie schon die ganze Zeit erzählt. Und ich soll mir wenigstens die Mühe machen es zu lesen. Vielleicht sollte ich es mal hierher kopieren, damit es jemand liest.

Heute schreibt sie mir eine Mail:
Liebe Oka,

leider habe ich auf das Mail von gestern keine Antwort von dir bekommen. Dennoch möchte ich eines nachschicken: ich halte es für dringend erforderlich, dich bei Frau Dr. [x] zu entschuldigen. Solltest du das nicht tun, werde ich sowohl beim Rechtsanwalt als auch notariell
eine Aussage dazu machen.

Herzliche Grüße

Mama


Ich werde mich nicht entschuldigen. Und ihr auch nicht mehr antworten. Ich werde gar nix mehr.
Ich werde irgendwie Scherben aufkehren und versuchen, mich in mir mit ihr zu versöhnen. Mit unser ganzen verkorksten Historie. Ohne sie. Damit ich mit dieser ganzen Scheisse mal klarkomme. Am besten, bevor ich an ihrem Grab stehe. Und wenn noch einmal jemand zu mir sagt: versuch doch mal mit ihr zu reden, oder: immerhin lebt deine Mutter noch, dann muss ich leider in die Fresse hauen.







Donnerstag, 19. Mai 2011
Mutterseelenverlassen aber nicht allein.
Habe meinen Rechner geschrottet und bin deswegen kaum aktiv mobil online. Morgen kommt neuer Laptop.

Mutterverlassen. Ganz offen. Kämpfe sehr schwer. Die Tage mehr. Es ist die Hölle für mich, ich klagte ihre therapeutin an die ihr petzte. Jetzt das vorläufige Aus.

Ohne N. wäre ich ein Nichts. Ich liebe und vermisse sie.