Samstag, 28. April 2012
One day.
"Here I go again the blame
The guilt, the pain, the hurt, the shame
The founding fathers of our plane
That's stuck in heavy clouds of rain."
~ Wankelmut - One day






Das Bett hält mich bis 11 Uhr fest, obwohl ich mir auf 8 den Wecker gestellt habe. Eigentlich will ich in die Heimat, Mama besuchen. Aber es fällt mir schwer, immer wieder. Das Telefon klingelt, es ist mein Bruder. Er meint, ich soll doch mit Mama zu ihm und seiner Freundin kommen, wir können auf der Terrasse sitzen und Kuchen essen, bei dem tollen Wetter. Dann kommt Mama auch mal wieder raus. Mama ist nicht überschwenglich begeistert, sie sagt, heute ist es wieder ganz schlimm, aber sie freut sich dass ich komme und sie mich endlich wieder sieht. Mich selbst versieht der Vorschlag meines Bruders mit einer ordentlichen Portion Motivation und gute Laune. Also ab auf die Autobahn.

Bei ihr tolle ich mit den Katzen im Garten, während sie sich zitternd und zuckend fertig macht für unsere kleine Exkursion. Aus dem Tiefkühlfach holt sie Streuselkuchen mit Pflaumen, den hat ihr mal die Nachbarin gebacken.

Mein Bruder ist neulich mit seiner Freundin zusammengezogen, gemeinsam in eine neue Wohnung. Die Wohnung ist wunderschön, lichtdurchflutet und mit toll geschnittenen Räumen. Am meisten mag ich das helle Wohnzimmer, das direkt auf die Terrasse und zum kleinen Garten führt. Die Katze meines Bruders wirbelt um uns rum, der kleine Stinker. Ich bin so froh meinen Bruder zu sehen, und seine Freundin V. Bei den beiden fühle ich mich immer wohl.

Mein Bruder buddelt im Garten, V. kocht Kaffe und steckt den Kuchen in den Backofen. Mama sucht einen Schattenplatz und raucht. Ab und zu legt sie sich auf das Sofa im Wohnzimmer. "Das entschärft die Situation", sagt sie. Von Momenten wie diesem Nachmittag und speziellen Szenen macht mein Gehirn Schnappschüsse, völlig unbewusst, aber sie sind da und brennen sich in die Hirnhaut. Wir alle nehmen Abschied, die ganze Zeit, und das ganz automatisch, schon seit Monaten, wenn nicht Jahren, und wer weiß, für wie lange noch. Manchmal bin ich froh, dass ich diese Möglichkeit überhaupt habe, so quälend sie manchmal (nein - meistens) ist.

Auf dem Rückweg möchte Mama einen Zwischenstop beim Dis*counter machen. Ich muss auch noch Futter besorgen. Während wir uns einen Wagen holen, entdecke ich meine Tante H. väterlicherseits. Als ich auf sie zugehe merke ich, dass ihre Augen sehr verweint sind. "Wie geht es Oma?", frage ich besorgt. "Da komme ich gerade her. Ich hab die ganze Strecke hier her geweint". Meine Oma ist gerade auf Reha. Sie hatte aus dem nichts mehrere Schlaganfällge, war drei Wochen im Krankenhaus und ist nun in der 3. Reha-Woche. Papa klang das letzte mal optimistisch.

Doch als ich nun H. vor mir sehe, wird mir klar, dass der Optimismus schwindet. "Sie lag im Bett, ein Bein draußen, die Windel auf dem Fußboden. Sie war von oben bis unten mit Kot vollgeschmiert." Ich bin entsetzt. "Als die Schwestern und ich uns gefragt haben, warum denn ihre Unterlippe so dick ist, haben wir festgestellt, dass da auch Kot drin war, innen, unter der Unterlippe." In ihren Augen sammeln sich Tränen. Mama kann nicht mehr stehen, und geht schon mal in den Dis*counter. "Was ist eigentlich mit deiner Mutter?", fragt H. In der Familie wissen alle, dass es ihr schlecht geht, aber keiner weiß die Diagnose. Jetzt schon. Nun ist es an H. entsetzt zu sein.

Wir reden weiter, über unsere Mütter, über Mama und Oma, dabei geht H. langsam Richtung Eingang. Irgendwann stehen wir vor den Backwaren. "Ich weiß gar nicht, was ich hier gerade soll", sagt sie, "Mir ist gerade alles so egal." Wie auf Automatik steuert sie eine Packung Buttercroissants an und schmeißt sie in den Wagen. "Geh zu deiner Mutter", sagt sie. Ich umarme sie fest.

Auf der Autobahn. Ich fahre nach Hause. Höre Kla*ngkarr*ussel und Hel*denklang, Musik, die ich zur Zeit sehr mag. Ich liebe es im Sonnenuntergang durch das Frankenland zu fahren. Es ist zauberhaft. Die sanften Hügel, im Hintergrund einige Bergchen. Grüne Wiesen, Bäume mit grünen Blätterknospen, dazwischen immer wieder Nadelwälder. Die Sonne küsst diese Landschaft und taucht sie in ein bleiches Gold.

Zu Hause rufe ich Mama an und sage ihr, dass ich gut angekommen bin. Sie erzählt mir etwas über eine Ste*rbehilf*eorganisation in der Schweiz, das mich sprachlos und rasend vor Wut macht. Das passt nicht hier her, vielleicht passt es morgen, oder übermorgen, oder überübermorgen..

Mama hat mir heute nachträglich zum Geburtstag eine Uhr geschenkt. Und den signierten Korb. "Für Oka. Alles alles Liebe, Glück, Gesundheit, Freude, Freunde, Zufriedenheit. Deine Mama".


 
Hach Oka, ich drück Dich ganz fest.
Daß mit Deiner Oma ist sehr traurig, vor allem, wenn das mit der Betreuung nicht so gut klappt.
Ich wünsche Dir noch viele schöne Momente mit Deiner Mutter und daß Du bei Kräften bleibst.

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@sid: bei der Sache mit Oma bin ich mit mir und der Welt völlig im reinen. Sie hatte eine schwere Ehe mit meinem Opa, aber nach dessen Tod vor über 20 Jahren wirklich noch einmal eine sehr glückliche Zeit mit sich und ihrer gesamten Familie. Meine andere Oma hat zu gleichem Alter das gleiche Schicksal ereilt. Ich hoffe nun einfach nur, dass es schnell geht. Sie sagte: "Die andere da drüben, die haben sie abgeschoben. In ein Pflegeheim." Das macht meine Tante fertig. Ich verstehe das sehr gut. Oma soll auch in ein Pflegeheim.Es ist grauenhaft. Aber wer sollte die notwendige Pflege sonst schultern? Es ist immer grauenhaft, wenn es um Mütter geht. Aber Oma hatte ein gutes Leben, sie ist alt genug, und sie hat einen felsenfesten Glauben. Darauf baue ich, und daran glaube ich. Ihr Glaube wird ihr helfen. Er hilft uns allen. Das ist alles in Ordnung, so es denn nun wirklich schnell geht.

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so es denn nun wirklich schnell geht
Das wünsch ich Euch.

Die Großmutter von einem Exfreund wollte nimmer, und es zog sich noch 3 lange Jahre im Pflegebett dahin, bis sie endlich doch konnte.
Eine andere wollte unter keinen Umständen in ein Heim, deswegen mußte die ganze Familie herhalten und neben Job und eigenem Leben abwechselnd im Schichtbetrieb dort hin. Die Einzelheiten erspar ich Dir, die kann man sich ausmalen.

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@sid: danke! das ist halt echt eine scheiße wenn sich das noch so hinzieht. Aber ich bilde mir ein, bei meinem letzten Besuch in ihren Augen die pure Resignation gesehen zu haben. Und das lässt mich hoffen, dass sie sich einfach holen lässt. Da baue ich halt echt auf ihren Glauben, auch wenn das brutal naiv klingt.

Ja, diese Einzelheiten sind echt lieber nicht zu erwähnen. Es ist die Hölle, denk ich mir. Und in meiner Familie einfach nicht machbar. Ich liebe meine Familie von ganzem Herzen, und will nicht, dass sie sich das aufbürden. Sie würden "versagen", weil man da nur versagen kann. Keiner könnte das wuppen. Und ich will nicht, dass sie das erfahren und dann wirklich auch noch denken, sie hätten versagt.

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Jemand kann.
Ich will mal die Lücke schließen, zwischen dem ätzenden Telefonat und dem heutigen Tag. Weil es für mich wichtig ist. Weil ich gemerkt habe: jemand kann, und wenn es nur für das eine mal war, aber es hat mir unglaublich geholfen.

Nach dem Telefonat hat Mama mir also so eine saudoofe Mail geschrieben, im Sinne von, dass ich nie wieder anrufen soll. Ich habe ihr dann geantwortet:

Mama, du haust mir immer dermaßen eins in die Fresse, und ich weiß nicht warum. Ich sag dir 1000 mal, dass wir die Diskussionen lassen sollen, aber du hörst nie auf. Ich liebe dich und will die Zeit, die wir noch haben (denn du betonst ja regelmäßig dein absehbares Ableben) schön mit dir verbringen. Aber ich hab das Gefühl, das willst du gar nicht. Du tust mir weh. Und ich liebe dich trotzdem, auch wenn ich ständig schreien und heulen könnte. Bitte hör endlich auf damit. Ich glaube nicht, dass du einen Kontaktbruch willst. Also bitte!!!"

Ich hoffe jetzt, dass sie nie nach Textfragmenten aus Mails sucht. Denn immerhin hat sie auch einen Forum-Eintrag von mir gefunden und meinen Bruder angesprochen, ob wir das waren, wir haben verneint und den Beitrag löschen lassen. Das ist auch der Grund, warum ich kein extra Blog anlege zu dem Thema, und warum ich nach wie vor manche Worte zensiere, auch wenn es mir unglaublich helfen würde zu wissen, dass vielleicht andere Betroffene so ein Blog finden und man in einen Austausch kommt.

Nun also, ich schrieb ihr das. Und es kam nichts mehr zurück. Ich hatte das schon abgeschrieben (irgendwann meldet sie sich immer wieder, die Verzweiflung machts möglich...).

Am letzten Samstag war ich in Man*nheim und habe Wohnungen angeschaut. Eigentlich wollte ich abends feiern gehen, hatte das auch fett auf dem Fratzenbuch angekündigt, und dann doch den Schwanz eingezogen, weil ich völlig platt war: morgens um 6 losgefahren, 5 Wohnungen angeschaut bis abends um 18.30 Uhr, dazwischen Klavierengel besucht, und so weiter.

Unter anderem war ich auch bei F. Mit ihm war ich dann abends auch eine Currywurst essen, nachdem ich mit allen Besichtigungen durch war. Nach dem Essen wanderte alles Blut in den Magen, und ich wollte nur noch in ein Zuhause. F. bot mir sein Zuhause an, und ich nahm dankbar an.

Bei F. kuckten wir eine komische Doku auf Vo*x über die Abgründe in Menschen, keine Ahnung, war Gänsehaut-mäßig, und wir hörten Musik. F. ist ja auch so ein schwieriges Thema, weil er so verliebt in mich war, aber soweit ich ihm und meinem Gefühl Glauben schenken kann, haben wir das geklärt.

Da saß ich also bei F. Kurz davor ins Bett zu gehen. Um 23.30 Uhr klingelt mein Handy. Es ist Mama. Ich habe Angst dass sie mal wieder mit mir darüber diskutieren will, dass sie, wie gerade bei der Vo*x Doku gezeigt, bei dem Terrortypen in No*rwegen Para*noi*de Schiz*ophre*nie diagnostiziert haben, und dass sie ja wohl nicht so sei. Trotzdem gehe ich ans Telefon, einem Impuls folgend.

Mama weint. Sie weint fast nie. Also echt jetzt. Sie weint fast nie, und wenn dann immer nur kurz. Aber diesmal schluchzt sie, als gäbe es kein morgen. "Ich hab deine Mail abgerufen, gerade, und da kommt soviel rüber". Dass es so ne Mail braucht finde ich wunderlich, und ich frage mich auch, was an der denn so anders war als an so vielen Mails davor, aber nun ist es eben so, dass diese Mail sie tief berührt hat.

Ich spreche eine Stunde mit ihr. F. sitzt neben mir, und nimmt mich irgendwann während des Gesprächs einfach nur in den Arm. Mama weiß nicht dass ich dort bin und dass jemand hört was ich sage, und vielleicht auch das, was sie sagt. Es ist mir auch egal, denn endlich liege ich einfach nur bei jemandem im Arm, der einmal hautnah mitbekommt, wie solche Telefonate über den Tod laufen. Über das Sterbenwollen. Über Verlust. Über Angst. Über Kummer, Verzweiflung, Schmerz und Liebe. Und er hält mich einfach nur. Er hält mich und hält mich und hält mich.

Nach dem Telefonat frage ich ihn: "Warum ausgerechnet DU? Du, der mich so für eine böse Hexe hält, der sich so von mir verletzt gefühlt hat. Warum kannst ausgerechnet DU das tun, was mir hilft?". Er fragt einfach nur: "Weißt du eigentlich, wie stark du bist?" Nein sage ich, das weiß ich nicht, und es fühlt sich auch überhaupt nicht so an, sondern vielmehr so, als würde ich daran zerbrechen.

Ich rede mit ihm sehr sehr sehr lange in jener Nacht. Über alles, was in mir ist. Kotze es einfach raus. Weine, wie ich selten weine. Und er: hört zu.

Vielleicht liegt es daran, dass er selbst seine Mutter im Herbst 2010 verloren hat. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Fakt ist. Jemand kann. Und jemand versteht. Und damit gibt er mir etwas, von dem ich das Gefühl habe, ich kann es nie zurückgeben. Es ist unglaublich, was er mir da gegeben hat. Soviel Kraft. Soviel Glaube. Einfach SO VIEL. Er. Ein Druffi. Der nix aus seinem Leben macht. Es ist mir ein absolutes Rätsel.

Aber genau deswegen war das heute möglich.

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Beim Lesen wollt ich Dir so viel noch sagen und jetzt bin ich sprachlos.
Vllt gehts morgen dann : ) - aber gut, daß jemand da war. Und gut, daß auch mal wer andrer gesagt hat, wie stark Du bist. Uns glaubst Du ja nicht ; ))



Du kannst das Blog aus der G**-Such-Maschinerie rausnehmen lassen. Dann gibts zwar keine lustigen Suchanfragen mehr, aber das Finden ist auch um einiges schwerere. Denk mal drüber nach.
Mußte aber auch kurz schlucken, als meine Mutter die Woche nach der Feuerzeremonie zu mir gesagt hat "dann schreib das mal alles in Dein Tagebuch".

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@sid: es ist nicht so, dass ich euch das nicht glaube. ich glaube einfach selbst nicht daran, da kann das sagen wer will. es war nur unglaublich heilsam, eine so akute situation zu erleben, während jemand dabei war und dabei zu merken, dass derjenige nicht wegläuft, oder aus dem zimmer geht, oder betreten auf den boden schaut. sondern dass er einfach nur in den arm nimmt. vielleicht wäre das bei allen so, wenn ich mich das öfters trauen würde. ich traue mich aber nicht, bzw. sind ja diese krassen gefühle auch nicht immer da, und wenn sie gerade nicht akut da sind, weiß ich auch nicht wie ich sie erklären soll. da komme ich mir bei erklärungsversuchen immer total bescheuert vor, als würde ich "so tun als ob das alles schrecklich" wäre, und es fühlt sich total banal und blöd an. naja. so irgendwie.

danke für den tipp! wow, ich glaub da wär mir das herz in die hose gerutscht wenn meine mutter sowas gesagt hätte. hast du da kurz hinterfragt? oder es einfach so stehen gelassen?

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Dieses wortlose Festhalten. Es ist ein guter Gedanke, dass in dem schweren Moment jemand für Dich da war.

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@oka
Das weiß ich eh - deswegen war extra ein Smiley dahinter.
Ich finde es auch gut, daß mal wirklich jemand zum Anfassen und Festhalten da war. Das hat eine andre Qualität. Hab ich heute auch erlebt, war allerdings nicht so intensiv wie bei Dir, weil es auch um was andres ging, aber trotzdem heilsam. Und da wurde mir bloß ein Ohr geliehen ; )

Ich hab kurz geschluckt und so getan, als wüßte ich nicht recht worum es ging bzw. wirklich um eine offline Sache und hab das Thema gewechselt ; )
Kann nämlich sein, daß sie das wirklich offline gemeint hat - sie weiß, daß im Kalender kryptische Notizen stehen.

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