Dienstag, 15. November 2011
Kann long stories irgendwie nicht mehr short cutten.
Den Arzt kenne ich erst seit letzter Woche, als ich eine Krankschreibung wegen meiner starken Erkältung benötigt habe. Es war mir heute einigermaßen peinlich, schon zu weinen anzufangen als er nur den Raum betrat.

Es ist immer ein Wagnis, sich zu öffnen, auch bei einem Arzt, jedenfalls empfinde ich es so. Ich habe Angst zurückgestoßen zu werden. Oder schnell weitergeleitet zu werden, "ah jaja, hm ich sehe, ja also und was soll ich da tun? ja hm ja also gehen Sie doch mal woanders hin".

Das wird vielleicht kein Arzt zu machen, und trotzdem war ich so erleichtert und froh, dass er so reagiert hat, wie er reagiert hat.

Es war ein langes Gespräch, über meine Arbeit bzw. die konkrete Situation, und über meine Mutter.

Zur Arbeit hat er in etwa genau das gesagt, was Frau Sturmfrau mir schrieb. Und er hat mich gefragt, was ich möchte. Er meinte, er würde machen was ich will, er könne mich krank schreiben, für mehrere Wochen, oder auch nicht. Aber empfehlen würde er mir, mich heute zu sortieren und auf jeden Fall das morgen anstehende Gespräch wahrzunehmen, vor allem da ich doch wisse, dass GF und Chefin in dieser konkreten Angelegenheit hinter mir stehen. Ich soll spazieren gehen, im Wald "scheiße" schreien. Druck ablassen. Und dann überlegen, was genau ich in diesem Gespräch sagen möchte.

Das ging natürlich erstmal um Situationslösung. Über weitergreifende Dinge haben wir nicht soviel gesprochen, vielleicht auch weil ich ihm gesagt habe, dass ich bereits mit einem The*rapieinstitut hier gesprochen habe und er somit weiß, dass ich bereits Hilfe suche. Vielleicht dachte er aber auch, dass ich das alleine schaffe. Er sog zwar zischend den Atem ein, als ich ihm erzählte, dass meine Chefin auch meine Stiefmutter ist, und fragte wie es dazu kam, aber er ging nicht weiter darauf ein, wie man das nun lösen könne. Er meinte, nur, dass ich es dort ja, wie lange auch immer, ja noch eine Zeit aushalten müsse, und im Zweifel solle ich mich entschuldigen, auch wenn ich mich nicht verstanden fühle, und dann überlegen, was ich möchte. Ist ja auch nicht sein Job das für mich zu lösen. Es tat schon gut, dass er zuhörte und ich ernst genommen wurde.

Zu meiner Mutter sagte er etwas, was mir noch nie kam. Klar, Einweisung, Medikamente, vor allem vor dem Hintergrund, dass sie über Di*gnitas spricht, anfängt zu trinken und Tabletten konsumiert. Er meinte, ich solle vorab mit dem Richter Kontakt aufnehmen, der die vorherigen Unterbringungen geregelt und die Betreuung geklärt hätte, und ihn um Rat fragen.

Er meinte auch, dass wir eine dauerhafte Betreuung einrichten sollten, die auch die Macht über die Krankenkassenkarte beinhaltet. Damit sie nicht eigenmächtig und ohne Rücksprache mit ihren Betreuern zu anderen Ärzten gehen kann, um von Depotspritzen auf Tabletten, die sie dann eh nicht nimmt, umsteigen zu können. Das war etwas, das mir noch nie gekommen ist. Dabei ist es so banal. Und es hat mir Mut gemacht.

Ich sagte ihm, wissen Sie, und dann ist da Weihnachten, und sie ist in der Geschlossenen. Fragen Sie nicht, wie viele Weihnachten ich im Krankenhaus verbracht habe. Bei meiner Schwester, bei Freunden. Und so skurril das zum Teil auch war, so sehr viel lustiger war es zum Teil auch als einfach auf dem Sofa unterm Weihnachtsbaum zu Hause.

Er hat mich für heute krankgeschrieben, und meinte, wenn es gar nicht geht, kommen Sie einfach wieder.

Mut. Ich brauche einfach mehr Mut. Für mich einzustehen und das, was ich für richtig halte, für mein Bauchgefühl.

Ich war zwei Stunden spazieren, und habe viel nachgedacht. Ich werde da morgen hingehen. Vor dem Gespräch habe ich keine Angst, weil ich weiß dass hier die hinter mir stehen, auf die es ankommt, und dass es nicht darum geht, mir eins reinzuwürgen, sondern demjenigen, der mich hinterhältig in die Pfanne hauen wollte.

Dass der J*A*V-Mann nicht dabei ist, soll mir erstmal egal sein. Angeblich wollen sie im Gespräch aus dem BR rausleiern, von wem das kommt. Ich bin da mal gespannt, und schaue einfach auch mal zu.

Ich werde nicht mehr versuchen, meiner Chefin zu sagen, dass es unsinnig ist wenn sie moderiert oder dass sie da einen aktiven Part übernimmt. Soll sie machen was sie will. Ich werde für mich einstehen, wie ich es für richtig halte.

Meiner Chefin habe ich eine Mail geschrieben, weil sie mich um eine Krankmeldung bat und fragte, wie ich mir die weitere Zusammenarbeit vorstelle. Ich antwortete ihr, dass es mir leid tut wegen heute morgen, und dass meine Nerven etwas am Ende sind. Ich sagte, dass ich morgen nicht die Coole mimen kann, weil mich die Situation sehr belastet, und ich möchte nicht dass etwas anderes von mir erwartet wird. Ich erklärte nochmals, dass für mein Empfinden die aktuelle Situation das wiederspiegelt, was ich seit 8 Monaten dort beobachte. Dass ich es nicht in Ordnung finde, dass sie lacht, wenn ich über so etwas mit ihr spreche und ich weine, weil ich das Gefühl habe sie will mir suggerieren ich wei ein dummes Kind. Und ich erklärte, dass ich gewiss nichts auf dem Silbertablett will, dass mir das meine knapp 5 Jahre in meiner alten Firma gezeigt haben. Ich weiß, dass es überall Probleme gibt.

Und ich sagte ihr, dass ich an mich selbst nicht den Anspruch habe, eine Unternehmenskultur so schnell zu beeinflussen, wie es notwendig wäre, damit ich mich wohlfühle. Und wenn jemand anderes diesen Anspruch an mich hat, dann ist der unrealistisch.

Ich versuchte ihr kurz zu erklären, was für mich Integration bedeutet, und was ich dafür von meinem Umfeld erwarte. Versuchte ihr zu erklären, dass es manchmal besser ist zu gehen, wenn man merkt, dass zwei Vorstellungen von Kultur, Werten, Zusammenarbeit zu weit divergieren.

Und dass ich es für unfair und ungerechtfertigt halte, mir Unzulänglichkeit zu unterstellen, wenn ich eines Tages für mich entscheide, dass diese Kultur es eben nicht für mich ist.

Für die Zusammenarbeit würde ich mir wünschen, dass wir das auf eine sachliche Ebene holen, aber das sollten wir persönlich besprechen.

Die Antwort fand ich persönlich sehr ernüchternd, aber ich weiß nicht, vielleicht liegt es auch an mir und meiner Wahrnehmung:

Liebe Oka,

Entschuldigung ist angenommen.

Ich wollte nicht, dass Du Dich fühlst wie ein kleines dummes Kind. Das denke ich nicht einmal. Ich glaube ich war etwas ratlos, weil ich nicht wusste, wie ich Dich auf eine sachliche und eine andere Schiene bringe. Ich fand es irgendwie absurd - vielleicht auch nicht das richtige Wort.

Habe gerade versucht Dich zu erreichen - es aber nicht geschafft. Ich gehe jetzt zum Sport und bin erst gegen 21:00 - 21:30 Uhr zu Hause. Aber ich wollte Dir noch ein paar Zeilen schreiben - in der Hoffnung, dass Du heute normal schlafen kannst.

Mir ist die enorme psychische Belastung wegen Deiner Mutter bewusst, allerdings stecke ich da persönlich nicht so tief drin wie Du sondern habe etwas Abstand. Ich kann gut nachvollziehen, dass diese Situation dünnhäutig macht. Und wenn dieser hinterhältige und fiese persönliche Angriff (der mit der <Unternehmensname-Kultur nichts zu tun hat) dazu kommt, ist das oft zuviel für die verbleibende Kraft, um damit sachlich und professionell umzugehen. - Trotzdem müssen wir es versuchen, sonst bieten wir zuviel Angriffsfläche für den Gegner. Und ich bin nicht bereit diesen Vorfall unter den Teppich zu kehren! - Auch wenn Dich das vielleicht nicht so interessiert - auch ich habe so einige persönliche Angriffe beim <Firmenname> und anderen Firmen erlebt, habe mich mit Kündigungsgedanken getragen und habe mich dem gestellt und diese Sachen für mich ausgefochten. Daran bin ich gewachsen. - Du musst für Dich entscheiden, wie Dein Weg ist und ihn gehen. Aber ich würde mir wünschen, dass Du das Handwerkszeug im Rucksack hast, um mit persönlichen Angriffen cool und professionell umzugehen. Denn ich denke diese Situationen wirst Du auch in anderen Unternehmen und im Bereich Personal oder privat immer mal wieder haben.

Alles andere morgen. Ich wünsche Dir eine gute und erholsame Nacht :-)

Liebe Grüße
<Chefinname>


Es mag jetzt wirklich albern klingen. Zum einen fühle ich mich nach wie vor unverstanden im Kulturkontext, auch habe ich nicht das Gefühl, dass das einer gewissen Reflexion dessen was ich gesagt habe entspricht. Der Umgang mit Angriffen - das ist keine Frage, ja, das muss ich lernen. Aber wie gesagt - und da fühle ich mich unverstanden - es geht mir nicht nur um diese eine sehr greifbare Situation.

Und zum anderen hätte auch ich eine Entschuldigung erwartet.

Seelenheil ~ ... link (11 Kommentare)   ... comment



Psyched out.
Langsam glaub ich den Verstand zu verlieren.

Heute morgen die Mitfahrer abgeholt, Richtung Arbeit gefahren. Irgendwann liegt eine tote Katze auf der Straße, und ich fange sofort an unkontrolliert loszuheulen. Mitfahrer bestürzt, ich peinlich berührt.

In die Arbeit, zur Chefin. Gesagt, ich kann das gerade alles nicht mehr. Zuviel. Ich habe nicht das Gefühl das sie versteht. Ich sage, dass ich einfach nicht reinpasse. Dass ich vor allem vor dem familiären Hintergrund ein freundliches Arbeitsumfeld brauche. Eine gute Unternehmenskultur. Sie sagt, wir könnten den BR so zerpflücken, aber du kannst einfach nicht cool bleiben.

Ich heule und und fühle mich angegriffen, sage, dass ich von mir selbst nicht erwarten kann in ein solches Umfeld einzufügen, anzupassen. Dass ich das als Verrat an mir selbst empfinde. Dass ich nicht mehr ordentlich schlafe. Immer mehr abnehme obwohl ich esse. Dass mich das Umfeld krank macht.

Ich sage, dass es für mich mit der Klärung der einen Situation nicht getan ist, nenne ihr Beispiele, die ich seit ich da bin beobachtet habe. Und allein schon, wie überhaupt dieser Einstieg ins Unternehmen gelaufen ist (mit der plötzlichen Vertragscancelung, etc).

Sie versteht mich nicht. Sagt, ich würde erwarten, alles auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Meint, dass es überall Probleme gibt. Jaja, das weiß ich alles, sage ich, aber das Minimum, das ich persönlich mir in einer Firma erwarte, ist hier nicht gegeben. Ich gehe nicht davon aus, dass man mir den Arsch nachträgt. Ich weiß, dass es immer Probleme gibt.

Das Gefühl habe ich nicht, sagt sie, und ich sage: ähm, doch!

Sie lacht, mal wieder. Es klingt für mich belächelnd, herablassend, wie: man du dummes Kind.

Und ich sage einfach nur: weißt du, genau das ist es, da stehst du dann als Führungskraft vor mir, und lachst während ich heule. Nein Danke.

Und gehe.

Sie sagte schon zu Eingang des Gesprächs, dass sie das gestrige Telefonat nicht als Gespräch zwischen Führungskraft und MA wertet, denn sonst...

Ich weiß nicht, was sonst. Ich sagte: ja, vielleicht ist es wirklich genau das, was ich brauche, eine Kündigung. Sie hat das glaub ich nicht verstanden, ich glaub sie dachte, ich mein das ironisch. Meinte ich aber nicht.

Alleine scheine ich diese Entscheidung gerade nicht hinzubekommen, ich hab das Gefühl keine klaren Gedanken mehr diesbezüglich fassen zu können, in diesen ganzen Verwirrungen und Fallstricken aus: was bedeutet das für meinen Lebenslauf. Kann ich woanders in diesem Berufsfeld arbeiten mit so relativ wenig Berufserfahren. Wohin soll ich. Wohin will ich. Was bedeutet die aktuelle Situation für meine Familie. Für die Beziehung zwischen mir und meinem Vater. Bin ich psychisch krank, und wenn ja wie sehr. Hab ich einen Schuss. Bin ich labil. Schwach. Unfähig. Was ist los mit mir.

Ich geh jetzt erstmal zum Arzt.

Seelenheil ~ ... link (7 Kommentare)   ... comment