Mittwoch, 5. Juni 2019
WmDedgT 06/19: hier gibts nich so ne Fuckboys, bitte gehen Sie weiter.
Unregelmäßig wie gehabt: hier die Juniausgabe zu Frau Brüllens Frage: was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Uhhh aus dem Bett zu kommen schein im ersten Moment kaum möglich. Montag und Dienstag auf einem Praxisseminar der Uni gewesen. Das war toll, und wir waren alle so gierig auf Austausch dass es viele inspirierende Gespräche gab, teilweise eben auch lang in den Abend hinein. Aber hilft nichts, heute ist wieder Arbeit in der alten Welt angesagt. Das beschwingte Gefühl, das ich aus diesen beiden Tagen mitgenommen habe, hilft mir letztendlich sogar ohne snoozen aus dem Bett.

Im Bad vergeht die Zeit ohne dass ich es merke, denn ich lausche wie gebannt den Beiträgen im Radio. Unaufgeregt und informativ. Dass ich zu spät dran bin merke ich immer dann, wenn ich um 7.57 Uhr das Wort zum Tag höre. Diese Beiträge empfinde ich oft als interessante Gedankenanstöße. Der heutige Beitrag befasst sich mit den Rufen der Jugend in Richtung alte Politik. Die Gedanken daran lassen mich auch auf dem Fahrrad nicht los.

Es ist ein bisschen wie bei dem Sondermaschinenbauer, bei dem ich vor einigen Jahren mal auf Abwegen war. Die Alteingesessenen haben es sich auf ihren Posten bequem gemacht. Oft mit Scheuklappen. Veränderung? Nein nein, das haben wir schon immer so gemacht. Das ist alternativlos. Was weißt denn du Grünschnabel schon. Überlass das mal uns Alten. Dass das Unternehmen währenddessen aufgrund der antiquierten Haltung nicht nur im Kontext Mitarbeiterführung, -entwicklung und -bindung immer größere Probleme hat Nachwuchs zu finden und zu halten – Nebensache. Dass diese Köpfe dann fehlen um dem Wettbewerb und den Herausforderungen der Zeit zu begegnen – unerkannt. Und so schipperte dieses Unternehmen sehr sehr langsam und träge, aber ziemlich zielstrebig weg von seiner Marktführerposition in Richtung Betriebsunfähigkeit. Immer arbeitsunfähiger wurden leider auch die noch angestellten MitarbeiterInnen, weil sie sich aufrieben an den Fehlern im System. Wenig hilfreich ist dann Reaktanz auf beiden Seiten. Nötig wären gegenseitige Wertschätzung, ein offenes aufeinander Zugehen und befruchtendes Miteinander.

Tiefenentspannt komme ich im Büro an, voller Vorfreude auf die KollegInnen. Bei so wenig Stunden kommen tatsächlich wieder Spaß an der Arbeit und Elan auf. Mein Chef ist heute ausnahmsweise mal an meinem Standort, deswegen wollen wir unseren Team Jour Fixe gemeinsam vor Ort durchführen und die Kollegin online dazuholen. Chef verspätet sich aufgrund einer Diskussion mit dem Geschäftsführer (nicht Haga, der andere). Die Kollegin ist eine der wenigen Menschen in meinem direkten Umfeld, mit der ich über diese Themen wie oben beschrieben wild philosophieren kann. Viele wollen ja die Themen Klimaschutz, Flüchtlingspolitik, Wahlergebnisse & Co. gar nicht mehr hören, ist unbequem, am Ende müsste man den eigenen Lifestyle und weiteres überdenken. Ich bin auch keine unbedingte Nachhaltigkeitsqueen, halte mich auch nicht für die gebildetste Bürgerin des Landes. Halte es aber für wichtiger denn je, dass wir uns interessieren und informieren. Die Kollegin und ich landen jedenfalls irgendwie und irgendwann, so ganz genau kann ich das auch nicht mehr rekonstruieren, bei Erich Fromm, als der Chef dazustößt.

Der Tag geht so dahin. E. ist im Büro, und die D., und der D., gemeinsam essen wir irgendwann Mittag. Dazwischen Mails, Telefonate, Entscheidungen, Freigaben. Um 14.15 streiche ich die Segel und radel ausnahmsweise an einem Mittwoch in die neue Welt, um dort die Stunden von gestern nachzuholen. Im Büro dort ist es wie im Dampfbad. Mein Kleid (neu! Erster Ausführtag, und von allen Seiten Komplimente, hach) klebt an mir. 3 Stunden halte ich durch, dann kapituliere ich und mache mich auf den Weg zum Kietz-Kleinod. Der Körper fordert Nachschub in Form von Eistee für die ausgeschwitzte Flüssigkeit.

Zu Hause erstmal ausgiebige Katzenbespaßung. Dann umziehen und noch eine Runde lesen in der Sonne am Kanal. Neben mir sitzen zwei junge Frauen von maximal Anfang 20. Ich will sie nicht belauschen, aber es lässt sich nicht vermeiden. Zu Beginn erläutert die eine der anderen, wie das bei ihr ist mit dem Liebeskummer, nämlich: sie kann sich meistens erklären wie es zu der Trennung kam und konzentriert sich dann darauf ihre Schlüsse daraus zu ziehen und vorwärts zu sehen. Und leider kann sie der anderen (die anscheinend von Liebeskummer geplagt ist) nicht sagen, wielang der Liebeskummer dauern wird. Sie selbst möchte eh auch einen echt guten Sommer. „Ich bin so sick von all den boys. Ich hab da grad keinen Bock mehr drauf. Ich will einen geilen Sommer. Ohne Männer. Auch keinen Sex. Kein so nen Fuckboy. Weißte früher [sic!] da ist man n Eis essen gegangen, und hat sich kennengelernt. Jetzt rufen die an und sagen so: ey komm vorbei, wir machen in der WG Bierpong-Party. Dann gehste dreimal zu deren Bierpong-Party, hast Sex, und das wars.“ Auf so ne Fuckboys hätte ich auch keine Lust.

Im Anschluss Maultaschensuppe, Brot, Johannisbeerschorle. Zwischendrin mit LeSchwe schreiben. Um 20 Uhr fällt mir ein, dass ich ja von heute bis Freitag die Abendschicht fürs Katzensitten bei einer Bekannten habe. Also nochmal ab aufs Rad, durch den wunderbaren Sommerabend, in einen fast benachbarten Kietz. Die Katze freut sich, vor allem dass ich sie raus auf den Balkon lasse. Während die Katze draußen alles gründlich inspiziert, schaue ich mir die Instagram-Bilder eines Hotels an. Auf einem Bild ist ein Mann, der so tiefblaue Augen hat wie der Meister. Ein kleiner Stich ins Herz. Ich schaue zum ebenso blauen Himmel hoch, die Mauersegler jagen über die Dächer, mit ihrem unvergleichlichen Gekirze. Was hättest du schon alles erlebt, in diesem Sommer? Ich hätte so Lust dir Bilder zu senden. Der Sommer war immer unsere Jahreszeit, Sonne, Hitze, Wasser, nackte Haut, Schweiß. Ich bin so zufrieden in mir momentan. Mit mir. Fühle mich ruhig und verbunden. Das hätte ich gerne mit dir geteilt.

Um 21.15 Uhr radel ich wieder zurück, ein älteres Dominik Eulberg Set im Ohr. Die Blauracke (obwohl Apus Apus derzeit passender wäre 😊) Ich liebe dieses Set, insbesondere wie er den Track „Without You“ von John Talabot abgemischt hat (ca. Min 33:33 bis Min 36:40)

Daheim nochmal Bespaßung der eigenen Katze. Blumen gießen. Alkoholfreies Bier auf dem Balkon und diesen Eintrag tippen.

Das war ein sehr guter Tag. Manchmal glaube ich, dass ich zu sehr versuche wiederzugeben was alles passiert ist und dadurch das Gefühl verloren geht, das ich bzw. das mich durch den Tag getragen hat. Es war ein schönes Gefühl. Aufgehoben, federleicht, fröhlich und zuversichtlich. Gute Nacht.

~ Dominik Eulberg - Oh Blauracke, Was Trägst Du Nur Für Eine Hübsche Jacke Podcast


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