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Sonntag, 25. Dezember 2011
Last christmas...
okavanga, 05:28h
Ich wünschte, ich könnte hier nun ganz klare und detaillierte Erinnerungen an dieses Weihnachten hinschreiben. Deswegen laufe ich auch vorhin um kurz nach 3 von meinem Bruder zu meinem Vater. Um klar zu werden, um den Alkohol abzubauen. Aber mit jedem Schritt wird das Gehirn nebliger, und die Gedanken glitschen durch meinen Kopf, sie sind nicht mehr wirklich greifbar.
Wir waren in dieser Kirche, die aussah, wie eine Bilderbuchkirche in einem Bilderbuchbayern. Klein, ländlich, sehr hübsch mit wunderschönen Gemälden, einer fantastischen Orgel, einem goldenen Kronleuchter und einem weißen Herrnhuter Stern. Diese für uns neue Kirche in einem für uns neuen Dorf, das erste Weihnachten seit 20 Jahren nicht in der altbekannten Wohnung, nicht in der altbekannten Gemeinde, weil meine Mutter vor knapp einem Jahr umgezogen ist. Ich versuche alles nicht an mich ranzulassen, während Mama bei "Stille Nacht, Heilige Nacht" und "Oh du Fröhliche" weint.
Danach wird es ein bisschen entspannter, nachdem sie in der Küche wieder weint und meint: lass uns einfach einen schönen Abend haben.
Und dieser Abend, für mich ist er nichts anderes als ein Abschied. Ich mag gar nicht so sehr ins Detail gehen, weil ich nicht will, dass ich am Ende hier wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama beschreibe. Andererseits will ich es nichts lieber als irgend etwas anderes festhalten.
Ich erkläre ihr irgendwann, wie es mir geht, vor allem mit der Arbeit, und wie meine Psyche kaputtis ist, und frage sie, ob sie sich daran erinnert, wie sie damals, als ich das erste mal in meinem Leben eine Depression hatte, zu mir sagte: "Es reicht jetzt. Du versprichst mir jetzt, dass du morgen zum Psychiater gehst, dir Antidepressiva verschreiben lässt und eine Therapeutin suchst." Und dass es das Richtigste überhaupt war, was sie sagen konnte. Nein, sagt sie, daran erinnert sie sich nicht, dass sie aber schon immer aufgeschlossen war gegenüber therapeutischer Hilfe.
Stumm schüttel ich schon da den Kopf, also nur so leise in mir drin. Und sie weint und sagt, sie hatte ja keine Ahnung, wie schlimm es ist, und ich versuche ihr zu erklären, dass es jetzt nicht optimal, aber kein Weltuntergang ist, dass der Vorteil nun ja ist, dass ich einigermaßen weiß wie ich damit umgehen soll, und ich weiß, dass ich Hilfe brauche, und dass ich diese Hilfe bereits suche. Und sie weint: "Und dann komm ich da mit meiner Scheiße noch dazu." Ich sage: alles im grünen Bereich. Ja, es belastet mich, aber das ist halt so, und immerhin sei ja noch alles ok, in der Arbeit merke keiner was, und meine Wohnung sieht auch top aus. "Ja, meine auch noch. Noch." Sagt sie. Und ich bin hellhörig, und sie weint weiter, aber egal wieviel ich frage, sie hört an dieser Stelle auf, etwas dazu zu sagen. Ich fühle mich schuldig, sage: scheiße, ich hätte dir das nicht erzählen sollen! Und sie sagt: doch! Und jetzt frage ich mich, ob sie glaubt, sie würde eine Ballast von mir nehmen, wenn sie weg ist. Wieviel größer ist für mich die Ballast eines Suizids, frage ich mich. Und sie nimmt mir das Versprechen ab, dass ich mein Leben änder. Dass ich mir ein Leben suche, in dem ich keinen verspannten Kiefer habe. Ein Leben, in dem ich mich richtig fühle.
Wir sehen viele leere Pfandbierflaschen. Und viel Nachschub im Autokofferraum. Sehen einen Menschen, der ein schönes letztes Weihnachten mit seinen Kindern haben will. Dass es das letzte sein soll, erfahre ich erst von meinem Bruder auf der Rückfahrt. Denn während ich mich anziehe für die Rückfahrt, spricht sie leise mit meinem Bruder, eindringlich, und sie weint, und ich kenne diesen Blick, und ich verstehe nicht um was es geht, ahne es aber, bis er es mir sagt. Bis dahin war der Abend wunderschön. Sie zieht es durch, glaube ich, das rationalisierte Verabschieden vom Leben. In ebenjener bereits beschriebener Wohnung mit beschriebener Deko und beschriebendem Duft und mit der bayerischen Weihnacht auf Ant*enne Ba*yern. Und mit den zwei zuckersüßen Katzen. Und dieser Mama. Dieser meiner Mama. Sie erzählt so witzige Anekdoten aus unseren Leben, aus unserem gemeinsamen Leben. Von meinem Bruder, von mir. Erzählt gestenreich, nein sie spielt es uns vor, uns stehen teilweise die Tränen vor Lachen in den Augen, und fragen uns danach: "Wie kann das sein?? Da scheint es ihr doch so gut zu gehen, in solchen Momenten?"
"Es wird kein nächstes Jahr geben", meint sie zu meinem Bruder. Kein nächstes Weihnachten. Denn sei es nicht besser auch Tiere einzuschläfern, die leiden, wenn es keine Chance auf Heilung gibt. Mein Bruder vereinbarte mit ihr, dass wir zu dritt darüber reden, am 2. Weihnachtsfeiertag.
Aber das ist schwer erklärbar. Wie sehr man so etwas spürt, als Kind. Und wie man sieht, dass sie das auf rationaler Ebene seit Wochen vorbereitet.
Du weißt, sage ich meinem Bruder später, dass das bedeutet, dass wir spätestens bei diesem Gespräch die Polizei und den Notarzt rufen müssen. Und ja, er weiß es, und allein die Vorstellung ist abartig. Und wir fragen uns, ob es nicht wirklich besser ist, einen Menschen von seinem Leiden zu erlösen, anstatt ihn für den Rest seines Lebens zu psychiatrischer und medikamentöser Behandlung zu zwingen, denn wollen wird er es nicht. Wogegen die winzige Hoffnung steht, dass das wiederum die einzige minimale Chance ist, dass sich doch noch etwas ändert. Aber diese Chance ist wie gesagt minimal. Und für mich persönlich läge aus ihrer Sicht der Suizid bei einem aufgezwungenen Leben in der Psychiatrie vermutlich genauso nahe. "Wie mans macht macht mans falsch."
Wir, also mein Bruder und ich, trinken bei meinem Bruder zu Hause Sekt, spielen mit seiner Katze, reden über Mama, und dann viel über Arbeit. Und hören Musik, wie dieses eine. Bis spät in die Nacht. Und fragen uns, ob wir doch bei ihr hätten übernachten sollen.
Es war ein sehr tränenreiches Weihnachten, für uns alle. Mein schönstes Geschenk ist ein Brotkorb. Sie überreicht ihn mir uneingepackt. Er hat eine Herzform und einen roten Boden. Das Holz ist hell. "Den habe ich damals geflochten. Bei meinem ersten Aufenthalt in der Psychia*trie. Ich wollte ihn dir schon die ganze Zeit schenken, und eigentlich noch eine persönliche Widmung hinten draufschreiben. Das hat mir Spaß gemacht, das Korbflechten." Die Widmung holt sie nach. Der Korb ist das furchtbar traurigste schönste Weihnachtsgeschenk, das sie mir jemals gemacht hat.
Als ich nun hier bei meinem Vater die Tür aufsperre, frage ich mich, ob das wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama war.
Wir waren in dieser Kirche, die aussah, wie eine Bilderbuchkirche in einem Bilderbuchbayern. Klein, ländlich, sehr hübsch mit wunderschönen Gemälden, einer fantastischen Orgel, einem goldenen Kronleuchter und einem weißen Herrnhuter Stern. Diese für uns neue Kirche in einem für uns neuen Dorf, das erste Weihnachten seit 20 Jahren nicht in der altbekannten Wohnung, nicht in der altbekannten Gemeinde, weil meine Mutter vor knapp einem Jahr umgezogen ist. Ich versuche alles nicht an mich ranzulassen, während Mama bei "Stille Nacht, Heilige Nacht" und "Oh du Fröhliche" weint.
Danach wird es ein bisschen entspannter, nachdem sie in der Küche wieder weint und meint: lass uns einfach einen schönen Abend haben.
Und dieser Abend, für mich ist er nichts anderes als ein Abschied. Ich mag gar nicht so sehr ins Detail gehen, weil ich nicht will, dass ich am Ende hier wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama beschreibe. Andererseits will ich es nichts lieber als irgend etwas anderes festhalten.
Ich erkläre ihr irgendwann, wie es mir geht, vor allem mit der Arbeit, und wie meine Psyche kaputtis ist, und frage sie, ob sie sich daran erinnert, wie sie damals, als ich das erste mal in meinem Leben eine Depression hatte, zu mir sagte: "Es reicht jetzt. Du versprichst mir jetzt, dass du morgen zum Psychiater gehst, dir Antidepressiva verschreiben lässt und eine Therapeutin suchst." Und dass es das Richtigste überhaupt war, was sie sagen konnte. Nein, sagt sie, daran erinnert sie sich nicht, dass sie aber schon immer aufgeschlossen war gegenüber therapeutischer Hilfe.
Stumm schüttel ich schon da den Kopf, also nur so leise in mir drin. Und sie weint und sagt, sie hatte ja keine Ahnung, wie schlimm es ist, und ich versuche ihr zu erklären, dass es jetzt nicht optimal, aber kein Weltuntergang ist, dass der Vorteil nun ja ist, dass ich einigermaßen weiß wie ich damit umgehen soll, und ich weiß, dass ich Hilfe brauche, und dass ich diese Hilfe bereits suche. Und sie weint: "Und dann komm ich da mit meiner Scheiße noch dazu." Ich sage: alles im grünen Bereich. Ja, es belastet mich, aber das ist halt so, und immerhin sei ja noch alles ok, in der Arbeit merke keiner was, und meine Wohnung sieht auch top aus. "Ja, meine auch noch. Noch." Sagt sie. Und ich bin hellhörig, und sie weint weiter, aber egal wieviel ich frage, sie hört an dieser Stelle auf, etwas dazu zu sagen. Ich fühle mich schuldig, sage: scheiße, ich hätte dir das nicht erzählen sollen! Und sie sagt: doch! Und jetzt frage ich mich, ob sie glaubt, sie würde eine Ballast von mir nehmen, wenn sie weg ist. Wieviel größer ist für mich die Ballast eines Suizids, frage ich mich. Und sie nimmt mir das Versprechen ab, dass ich mein Leben änder. Dass ich mir ein Leben suche, in dem ich keinen verspannten Kiefer habe. Ein Leben, in dem ich mich richtig fühle.
Wir sehen viele leere Pfandbierflaschen. Und viel Nachschub im Autokofferraum. Sehen einen Menschen, der ein schönes letztes Weihnachten mit seinen Kindern haben will. Dass es das letzte sein soll, erfahre ich erst von meinem Bruder auf der Rückfahrt. Denn während ich mich anziehe für die Rückfahrt, spricht sie leise mit meinem Bruder, eindringlich, und sie weint, und ich kenne diesen Blick, und ich verstehe nicht um was es geht, ahne es aber, bis er es mir sagt. Bis dahin war der Abend wunderschön. Sie zieht es durch, glaube ich, das rationalisierte Verabschieden vom Leben. In ebenjener bereits beschriebener Wohnung mit beschriebener Deko und beschriebendem Duft und mit der bayerischen Weihnacht auf Ant*enne Ba*yern. Und mit den zwei zuckersüßen Katzen. Und dieser Mama. Dieser meiner Mama. Sie erzählt so witzige Anekdoten aus unseren Leben, aus unserem gemeinsamen Leben. Von meinem Bruder, von mir. Erzählt gestenreich, nein sie spielt es uns vor, uns stehen teilweise die Tränen vor Lachen in den Augen, und fragen uns danach: "Wie kann das sein?? Da scheint es ihr doch so gut zu gehen, in solchen Momenten?"
"Es wird kein nächstes Jahr geben", meint sie zu meinem Bruder. Kein nächstes Weihnachten. Denn sei es nicht besser auch Tiere einzuschläfern, die leiden, wenn es keine Chance auf Heilung gibt. Mein Bruder vereinbarte mit ihr, dass wir zu dritt darüber reden, am 2. Weihnachtsfeiertag.
Aber das ist schwer erklärbar. Wie sehr man so etwas spürt, als Kind. Und wie man sieht, dass sie das auf rationaler Ebene seit Wochen vorbereitet.
Du weißt, sage ich meinem Bruder später, dass das bedeutet, dass wir spätestens bei diesem Gespräch die Polizei und den Notarzt rufen müssen. Und ja, er weiß es, und allein die Vorstellung ist abartig. Und wir fragen uns, ob es nicht wirklich besser ist, einen Menschen von seinem Leiden zu erlösen, anstatt ihn für den Rest seines Lebens zu psychiatrischer und medikamentöser Behandlung zu zwingen, denn wollen wird er es nicht. Wogegen die winzige Hoffnung steht, dass das wiederum die einzige minimale Chance ist, dass sich doch noch etwas ändert. Aber diese Chance ist wie gesagt minimal. Und für mich persönlich läge aus ihrer Sicht der Suizid bei einem aufgezwungenen Leben in der Psychiatrie vermutlich genauso nahe. "Wie mans macht macht mans falsch."
Wir, also mein Bruder und ich, trinken bei meinem Bruder zu Hause Sekt, spielen mit seiner Katze, reden über Mama, und dann viel über Arbeit. Und hören Musik, wie dieses eine. Bis spät in die Nacht. Und fragen uns, ob wir doch bei ihr hätten übernachten sollen.
Es war ein sehr tränenreiches Weihnachten, für uns alle. Mein schönstes Geschenk ist ein Brotkorb. Sie überreicht ihn mir uneingepackt. Er hat eine Herzform und einen roten Boden. Das Holz ist hell. "Den habe ich damals geflochten. Bei meinem ersten Aufenthalt in der Psychia*trie. Ich wollte ihn dir schon die ganze Zeit schenken, und eigentlich noch eine persönliche Widmung hinten draufschreiben. Das hat mir Spaß gemacht, das Korbflechten." Die Widmung holt sie nach. Der Korb ist das furchtbar traurigste schönste Weihnachtsgeschenk, das sie mir jemals gemacht hat.
Als ich nun hier bei meinem Vater die Tür aufsperre, frage ich mich, ob das wirklich das letzte Weihnachten mit meiner Mama war.
Mittwoch, 21. Dezember 2011
okavanga, 22:00h
Sie können jetzt aufhören hier zu lesen. Das wird gerade alles nicht besser, und die Beiträge immer länger und chaotischer und jammeriger, und ich schäm mich schon ob meines Gejammers mit dem ich mich und Sie besudel. Es ekelt mich vor mir selbst. Ich schreib trotzdem weiter, weil es hier hin gehört und ich keine andere Stelle hab, an die ich es packen kann. Ach naja doch, das Alternativ-Blog, aber da gehört das nicht hin.
Ich hatte ein verlängertes Wochenende mit meiner längsten und besten Freundin N. aus Berlin. Wir sind ins "win*terliche in Bran*denburg" gefahren. Wirklich witzig war, dass sie vorher ernsthaft meinte, lass uns doch noch Äpfel und Mandarinen kaufen, ich weiß nicht obs da was gibt. Und ich musste immer an die Zeile aus dem Lied von Grebe denken: "Pack dir E*ssen ein, wir fahrn nach Bran*denburg". Winterlich wars da dann zwar nicht, aber Essen gab es. Über den Kaffee lässt sich streiten, oder tatsächlich auch nicht, aber Kaffeetrinken war ja auch nicht Zweck der Reise.
Tatsächlich weiß ich nicht, wie es mir ging, dort. Es war sehr schön mit ihr zu sein. Mal wieder mehr voneinander zu erfahren, sich zu erleben. Zu zweit. Sie hat sich so sehr in einen Schmetterling verwandelt in den letzten 8 Jahren, es ist wunderbar und erstaunlich und faszinierend. Und ich fühlte mich daneben wie ein total runtergewichstes Wrack. Klein, hässlich, dumm und ungebildet. Orientierungslos. Traurig. Kaputt. Und unendlich einsam. Früher konnten wir soviel lustige Dinge machen. Und ich war einfach nur nichtmal ich selbst auf dieser Reise, glaube ich. Unsicher und schüchtern. Ich erkenn mich nicht mehr. Es war, als würde mir durch sie meine ganze Widerlichkeit überdeutlich auf die Füße fallen. Mein abgrundtiefes Unglücklichsein mit dem Jetzt und mit Mir.
Meine Mutter hat furchtbare Mails geschrieben an dem Wochenende. Ich zitiere nur mal einwas daraus. Hintergrund war, das mein Bruder ihr mal nicht den Gefallen tun wollte, um den sie ihn bat, und sie tat so, als wäre das typisch für ihn. Und das ist es nicht. Wirklich. Und sie schwadronierte und gipfelte dann in:
"Ich möchte an dieser Stelle einmal sagen: ich hätte mich in all den vergangenen Jahren als Mutter nur ein einziges Mal so was von Unhilfsbereit gezeigt. Vielleicht würde ich heute auf mehr Hilfsbereitschaftlichkeit und Verständnis stoßen, wenn ich mir für euch den Arsch nicht so aufgerissen hätte.
Es sind harte Worte: verdient hat es keiner von euch. Man möge es nicht glauben, aber es ist so. Ich wenn in den vergangenen Monaten nur auf Menschen gekommen wäre, wie ihr beide, wäre ich nicht mehr da.
Fakt ist - das ich in keiner einzigen Form - was immer kommt - im leisesten auf euch beide Rücksicht nehme."
Mein Kopf weiß dass das nichts mit uns zu tun hat. Aber weh tut es trotzdem. Sehr. So sehr, dass ich es kaum spüren kann. Hinzu kommt das Gefühl, dass sie inzwischen mit dem Sui*zid spielt. Also nein anders: sie spielt uns gegenüber mit dem Sui*zid. Das ist ihr Joker geworden. Und manchmal denk ich mir, zwischen Ohnmacht, Hass und Wut: dann spring doch endlich vor den Zug, du blöde Kuh! Schlag doch die einzigen auch noch weg, die dich aufrichtig und bedingungslos lieben.
Sie war schon immer so, bei meiner Therapeutin habe ich es immer "emotionale Erpressung" genannt: wenn ich nicht tickte wie es ihr passte, wurde ich vor die Tür gesetzt oder ähnliches. Der Kopf hat das schon lange erkannt und begonnen zu verarbeiten. Aber mein Herz hinkt sehr nach, und unter diesen ganzen beschissenen Umständen ist es eh nur noch im Ausnahmezustand.
Am Montag war ich dann beim Zahnarzt. Weil ich nachts so krass beiße. Er schaute es sich an, den Kiefer, die Zähne, drückte und drehte, und meinte: "Ihre Seele leidet unbeschreiblich." Dann erzählte er mir davon, dass er bis vor einem halben Jahr erzkatholisch war, verheiratet, zwei Kinder, jetzt hat er mit irgendeinem religiösen Zeug irgendwas für sich entdeckt. Und naja irgendwann meinte er dann: "Wissen Sie, es gibt Leute, die haben irgendwann das Gefühl, sie sind falsch abgebogen. Die haben ständig das Gefühl, sie haben an der Kreuzung den falschen Weg gewählt. Aber die bleiben dann auf diesem Weg. Die trauen nicht ihrem Gefühl, richten sich irgendwie damit ein und dümpeln auf diesem Weg dahin." Dann hat er den Abdruck gemacht, und ich bin gegangen, zurück auf meinen Weg, der sich überhaupt nicht wie der meine anfühlt.
In der Arbeit heute wegen einer Kleinigkeit ausgeflippt. Versucht dem GF zu erklären, was mein Problem mit der Sache war. Er versteht nicht. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass er nicht versteht. Für mich sind das kleine Dinge, die dennoch eine Menge sagen. Und sie sprechen mich nicht an. Ich fühle mich weiterhin wie der Alien. Es gib Tage, da kann ich das runterdrücken. Und es gibt Tage wie heute, da kann ich es nicht. Und dann werde ich sehr sehr müde und muss auf dem Klo heulen. Es ist, als würde an den kleinen Dingen mein Geist zerbrechen, weil ich mit dem Großen schon überhaupt nicht klarkomme. Ich kann es nicht anders beschreiben.
N. habe ich einen Bruchteil meines Innenlebens sehen lassen. Zwar nur einen Bruchteil, aber mehr, als ich irgend jemandem sonst seit Monaten zeige. Aber nicht soviel, wie ich ihr früher gezeigt habe. Ich habe das Gefühl, mein Innenleben ist egal wo völlig unangebracht. Es passt nirgends hin. Und in mir ist nicht genügend Platz dafür.
Zu N. habe ich gesagt, dass ich immer, wenn ich einen Therapeuten suche, was ja schon öfters vorkam, und hier jetzt vor einigen Wochen wieder, und wenn ich erklären soll, am Telefon, was mein Anliegen ist... alles so unglaublich nichtig erscheint. So banal. Man schämt sich, dass man den Hörer in der Hand hat und um psychische Betreuung bittet. Sie sagte, ihr geht es genauso. Sie hat nun nach 8 Jahren Therapie demnächst die letzte Sitzung, und sagt, es geht ihr auch heute noch oft so, wenn sie bei der Therapeutin sitzt und ein Thema anspricht.
Ich kann nicht mehr. Alles in mir schreit Hilfe und Stop und Fuck und Nein. Und gleichzeitig komme ich mir deswegen dermaßen bescheuert vor, dass es noch schlimmer wird.
Morgen wird mein Vater 60, und es steht Weihnachten vor der Tür, und wenn ich nicht bei meiner bekloppten Mutter wohnen will, sehe ich jeden Tag meine Chefin. Ich könnt mich erschiessen. Verstehen Sies nicht falsch. Aber ich könnts, wenn ich könnte.
Ich hatte ein verlängertes Wochenende mit meiner längsten und besten Freundin N. aus Berlin. Wir sind ins "win*terliche in Bran*denburg" gefahren. Wirklich witzig war, dass sie vorher ernsthaft meinte, lass uns doch noch Äpfel und Mandarinen kaufen, ich weiß nicht obs da was gibt. Und ich musste immer an die Zeile aus dem Lied von Grebe denken: "Pack dir E*ssen ein, wir fahrn nach Bran*denburg". Winterlich wars da dann zwar nicht, aber Essen gab es. Über den Kaffee lässt sich streiten, oder tatsächlich auch nicht, aber Kaffeetrinken war ja auch nicht Zweck der Reise.
Tatsächlich weiß ich nicht, wie es mir ging, dort. Es war sehr schön mit ihr zu sein. Mal wieder mehr voneinander zu erfahren, sich zu erleben. Zu zweit. Sie hat sich so sehr in einen Schmetterling verwandelt in den letzten 8 Jahren, es ist wunderbar und erstaunlich und faszinierend. Und ich fühlte mich daneben wie ein total runtergewichstes Wrack. Klein, hässlich, dumm und ungebildet. Orientierungslos. Traurig. Kaputt. Und unendlich einsam. Früher konnten wir soviel lustige Dinge machen. Und ich war einfach nur nichtmal ich selbst auf dieser Reise, glaube ich. Unsicher und schüchtern. Ich erkenn mich nicht mehr. Es war, als würde mir durch sie meine ganze Widerlichkeit überdeutlich auf die Füße fallen. Mein abgrundtiefes Unglücklichsein mit dem Jetzt und mit Mir.
Meine Mutter hat furchtbare Mails geschrieben an dem Wochenende. Ich zitiere nur mal einwas daraus. Hintergrund war, das mein Bruder ihr mal nicht den Gefallen tun wollte, um den sie ihn bat, und sie tat so, als wäre das typisch für ihn. Und das ist es nicht. Wirklich. Und sie schwadronierte und gipfelte dann in:
"Ich möchte an dieser Stelle einmal sagen: ich hätte mich in all den vergangenen Jahren als Mutter nur ein einziges Mal so was von Unhilfsbereit gezeigt. Vielleicht würde ich heute auf mehr Hilfsbereitschaftlichkeit und Verständnis stoßen, wenn ich mir für euch den Arsch nicht so aufgerissen hätte.
Es sind harte Worte: verdient hat es keiner von euch. Man möge es nicht glauben, aber es ist so. Ich wenn in den vergangenen Monaten nur auf Menschen gekommen wäre, wie ihr beide, wäre ich nicht mehr da.
Fakt ist - das ich in keiner einzigen Form - was immer kommt - im leisesten auf euch beide Rücksicht nehme."
Mein Kopf weiß dass das nichts mit uns zu tun hat. Aber weh tut es trotzdem. Sehr. So sehr, dass ich es kaum spüren kann. Hinzu kommt das Gefühl, dass sie inzwischen mit dem Sui*zid spielt. Also nein anders: sie spielt uns gegenüber mit dem Sui*zid. Das ist ihr Joker geworden. Und manchmal denk ich mir, zwischen Ohnmacht, Hass und Wut: dann spring doch endlich vor den Zug, du blöde Kuh! Schlag doch die einzigen auch noch weg, die dich aufrichtig und bedingungslos lieben.
Sie war schon immer so, bei meiner Therapeutin habe ich es immer "emotionale Erpressung" genannt: wenn ich nicht tickte wie es ihr passte, wurde ich vor die Tür gesetzt oder ähnliches. Der Kopf hat das schon lange erkannt und begonnen zu verarbeiten. Aber mein Herz hinkt sehr nach, und unter diesen ganzen beschissenen Umständen ist es eh nur noch im Ausnahmezustand.
Am Montag war ich dann beim Zahnarzt. Weil ich nachts so krass beiße. Er schaute es sich an, den Kiefer, die Zähne, drückte und drehte, und meinte: "Ihre Seele leidet unbeschreiblich." Dann erzählte er mir davon, dass er bis vor einem halben Jahr erzkatholisch war, verheiratet, zwei Kinder, jetzt hat er mit irgendeinem religiösen Zeug irgendwas für sich entdeckt. Und naja irgendwann meinte er dann: "Wissen Sie, es gibt Leute, die haben irgendwann das Gefühl, sie sind falsch abgebogen. Die haben ständig das Gefühl, sie haben an der Kreuzung den falschen Weg gewählt. Aber die bleiben dann auf diesem Weg. Die trauen nicht ihrem Gefühl, richten sich irgendwie damit ein und dümpeln auf diesem Weg dahin." Dann hat er den Abdruck gemacht, und ich bin gegangen, zurück auf meinen Weg, der sich überhaupt nicht wie der meine anfühlt.
In der Arbeit heute wegen einer Kleinigkeit ausgeflippt. Versucht dem GF zu erklären, was mein Problem mit der Sache war. Er versteht nicht. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass er nicht versteht. Für mich sind das kleine Dinge, die dennoch eine Menge sagen. Und sie sprechen mich nicht an. Ich fühle mich weiterhin wie der Alien. Es gib Tage, da kann ich das runterdrücken. Und es gibt Tage wie heute, da kann ich es nicht. Und dann werde ich sehr sehr müde und muss auf dem Klo heulen. Es ist, als würde an den kleinen Dingen mein Geist zerbrechen, weil ich mit dem Großen schon überhaupt nicht klarkomme. Ich kann es nicht anders beschreiben.
N. habe ich einen Bruchteil meines Innenlebens sehen lassen. Zwar nur einen Bruchteil, aber mehr, als ich irgend jemandem sonst seit Monaten zeige. Aber nicht soviel, wie ich ihr früher gezeigt habe. Ich habe das Gefühl, mein Innenleben ist egal wo völlig unangebracht. Es passt nirgends hin. Und in mir ist nicht genügend Platz dafür.
Zu N. habe ich gesagt, dass ich immer, wenn ich einen Therapeuten suche, was ja schon öfters vorkam, und hier jetzt vor einigen Wochen wieder, und wenn ich erklären soll, am Telefon, was mein Anliegen ist... alles so unglaublich nichtig erscheint. So banal. Man schämt sich, dass man den Hörer in der Hand hat und um psychische Betreuung bittet. Sie sagte, ihr geht es genauso. Sie hat nun nach 8 Jahren Therapie demnächst die letzte Sitzung, und sagt, es geht ihr auch heute noch oft so, wenn sie bei der Therapeutin sitzt und ein Thema anspricht.
Ich kann nicht mehr. Alles in mir schreit Hilfe und Stop und Fuck und Nein. Und gleichzeitig komme ich mir deswegen dermaßen bescheuert vor, dass es noch schlimmer wird.
Morgen wird mein Vater 60, und es steht Weihnachten vor der Tür, und wenn ich nicht bei meiner bekloppten Mutter wohnen will, sehe ich jeden Tag meine Chefin. Ich könnt mich erschiessen. Verstehen Sies nicht falsch. Aber ich könnts, wenn ich könnte.
Mittwoch, 14. Dezember 2011
Etwas sehr schönes.
okavanga, 23:28h
Kann ich ja auch mal schreiben. Das war hier nämlich schon lange nicht mehr.
Heute Abend lief mir auf dem Weihnachtsmarkt eine alte Kommillitonin über den Weg, die schon länger hier wohnt. Wir sollen uns unbedingt mal treffen, sagt sie, und wir tauschen Nummern. Die Welt ist ein Dorf.
Aber dann kam das ganz... Wundersame:
Dann habe ich gemerkt, dass ich hier zwei Freunde habe. Dieses Paar wartet nur schon die ganze Zeit darauf, dass ich sie endlich annehme.
Bei dieser Erkenntnis, die sie mir heute quasi mit dem Holzhammer vermitteln mussten (für alles andere war ich blind und taub), habe ich mir über dem Glühweinbecher sehr das Weinen verkniffen, während sie meinen Arm freundschaftlich streichelt. Sie freuen sich auf mich, wenn ich endlich in ihr Leben komme.
Das ist.. wie ein heller, anheimelnder Herr*nhu*ter Stern in dunkler und kalter Winternacht. Und noch viel mehr. Für mich ist es in dieser Zeit wie ein Wunder.
Heute Abend lief mir auf dem Weihnachtsmarkt eine alte Kommillitonin über den Weg, die schon länger hier wohnt. Wir sollen uns unbedingt mal treffen, sagt sie, und wir tauschen Nummern. Die Welt ist ein Dorf.
Aber dann kam das ganz... Wundersame:
Dann habe ich gemerkt, dass ich hier zwei Freunde habe. Dieses Paar wartet nur schon die ganze Zeit darauf, dass ich sie endlich annehme.
Bei dieser Erkenntnis, die sie mir heute quasi mit dem Holzhammer vermitteln mussten (für alles andere war ich blind und taub), habe ich mir über dem Glühweinbecher sehr das Weinen verkniffen, während sie meinen Arm freundschaftlich streichelt. Sie freuen sich auf mich, wenn ich endlich in ihr Leben komme.
Das ist.. wie ein heller, anheimelnder Herr*nhu*ter Stern in dunkler und kalter Winternacht. Und noch viel mehr. Für mich ist es in dieser Zeit wie ein Wunder.
Mittwoch, 14. Dezember 2011
Kontakte finden.
okavanga, 00:01h
Habe heute endlich mein Thema in diesem Forum gepostet. Es ist kein dubioses, sondern eines, dass sich mit Schi*zoph*renie beschäftigt. Und habe total Angst, dass die Leute alle schreiben, ich sei ja blöd, natürlich gibt es Mi*nd-Co*ntrol. Ich habe Angst davor, dass ich zu blind bin um zu sehen. Aber ich KANN das alles einfach nicht glauben.
Bin sehr gespannt, was Leute schreiben. Vielleicht geht ja irgendwas vorwärts. Bin dem Menschen, der mich dadrauf gebracht hat, sehr dankbar. Ich hatte ihn über Go*ogle und irgendwelche Beiträge in anderen Foren gefunden, als Betroffener, der inzwischen zur Krankheitseinsicht kam, und den hab ich dann einfach mal angeschrieben.
Phu. So. Ja. Dem A*p*K hier hab ich ja auch nochmal geschrieben. Aber deren Antwort finde ich dermaßen bescheuert, dass ich eigentlich sprachlos bin:
es tut mir leid Ihnen keine befriedigende Antwort geben zu können. Ihre Mutter braucht sicherlich die medizinische Hilfe eines Facharztes, wie Neurologe oder Psychiater. Wahrscheinlich wäre auch ein Klinikaufenthalt (Psychiatrie) angebracht.
BIG SURPRISE.
Allerdings können Sie gegen den Willen Ihrer Mutter keine Maßnahmen ergreifen, die sie ablehnt, außer bei Eigengefährdung oder Fremdgefährdung.
EVEN BIGGER SURPRISE.
Falls Ihre Mutter in (XY) lebt könnten Sie mit dem ApK-(XY) Kontakt
aufnehmen:
kontakt@*****
Auch bei folgenden Adressen können Sie sich Rat holen:
Soz*ialpsychi*atrische Die*nste:
(Beratung und Begleitung von Menschen mit psychischen Problemen und in
seelischen Krisen)
St*adtmissi*on,
Arb*eiterwoh*lfahrt,
Car*itas,
Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich alles Gute!
Mit freundlichen Grüßen
Die Adressen und zu den Einrichtungen habe ich jetzt rausgelöscht für hier.
Ich mein: WHAT THE FUCK DOES THE A*P*K* DO????????? Der Verein für Ang*ehörige ps*ychisch Kran*ker????????????
Sorry. Mir hauts da nur noch die Fragezeichen raus.
Bin sehr gespannt, was Leute schreiben. Vielleicht geht ja irgendwas vorwärts. Bin dem Menschen, der mich dadrauf gebracht hat, sehr dankbar. Ich hatte ihn über Go*ogle und irgendwelche Beiträge in anderen Foren gefunden, als Betroffener, der inzwischen zur Krankheitseinsicht kam, und den hab ich dann einfach mal angeschrieben.
Phu. So. Ja. Dem A*p*K hier hab ich ja auch nochmal geschrieben. Aber deren Antwort finde ich dermaßen bescheuert, dass ich eigentlich sprachlos bin:
es tut mir leid Ihnen keine befriedigende Antwort geben zu können. Ihre Mutter braucht sicherlich die medizinische Hilfe eines Facharztes, wie Neurologe oder Psychiater. Wahrscheinlich wäre auch ein Klinikaufenthalt (Psychiatrie) angebracht.
BIG SURPRISE.
Allerdings können Sie gegen den Willen Ihrer Mutter keine Maßnahmen ergreifen, die sie ablehnt, außer bei Eigengefährdung oder Fremdgefährdung.
EVEN BIGGER SURPRISE.
Falls Ihre Mutter in (XY) lebt könnten Sie mit dem ApK-(XY) Kontakt
aufnehmen:
kontakt@*****
Auch bei folgenden Adressen können Sie sich Rat holen:
Soz*ialpsychi*atrische Die*nste:
(Beratung und Begleitung von Menschen mit psychischen Problemen und in
seelischen Krisen)
St*adtmissi*on,
Arb*eiterwoh*lfahrt,
Car*itas,
Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich alles Gute!
Mit freundlichen Grüßen
Die Adressen und zu den Einrichtungen habe ich jetzt rausgelöscht für hier.
Ich mein: WHAT THE FUCK DOES THE A*P*K* DO????????? Der Verein für Ang*ehörige ps*ychisch Kran*ker????????????
Sorry. Mir hauts da nur noch die Fragezeichen raus.
Samstag, 10. Dezember 2011
Wer, wie ist die Mama von Oka eigentlich?
okavanga, 01:39h
Ich frage mich oft, was für ein Bild von meiner Mutter Sie wohl vor Augen haben, wenn Sie hier all diese Dinge lesen. Wie stellen Sie sich meine Mutter vor? Ihre Wohnung? Wie kleidet sie sich? Ist sie kurz vor der Verwahrlosung? Pflegt sie sich noch? Hat sie ihre Wohnung im Griff? Liegen da überall Bierflaschen? Sieht man ihr und dem Umfeld Hysterie, Lebensmüdigkeit und Leiden an?
Nein. Nein, und jedes mal, wenn ich bei ihr bin, vor allem heute, passt das, was ich sehe, mit dem was ich weiß, absolut nicht zu einander. Es steht in so einer krassen Diskrepanz, dass mein Gehirn das nicht packt. Ich werde nun etwas schildern, was für mich unendlich intim ist, und vielleicht stelle ich es noch offline. Aber schreiben muss ich es auf jeden Fall, ich muss festhalten, dass es auch diese Mama noch gibt, irgendwo, irgendwie, und sei es nur für uns.
Sie wusste nicht, dass ich mitkomme, sie dachte, nur mein Bruder und seine Freundin kommen sie besuchen, nachträglich Geburtstag feiern. Wir hatten ihr ihr Parfum besorgt, das hat sie sich gewünscht, eins von Di*or. Sie hat lange nach einem neuen Parfum suchen müssen, nachdem ihr altes von Ve*rsace schon seit Jahren nicht mehr verkauft wird. Jetzt hat sie seit einiger Zeit Di*or. Mama wird für mich aber immer Versa*ce sein, und es macht mich sehr traurig, dass ich das nie werde riechen können, wenn ich sie selbst nicht mehr riechen kann.
Als sie mich hinter meinem Bruder und seiner Freundin entdeckt, mit Blumen und Geschenktüte in meinen Händen, öffnet sich ihr Gesicht und wird erleuchtet von einem wunderschönen Strahlen. "Dass du da bist!" Das ist das schönste Geschenk, sagt sie, nimmt mich in den Arm, küsst mich. Ihre Haut ist immer noch so weich wie ein Babypopo und hat kaum Falten. Und das bei einer Kettenraucherin. Und sie duftet, nach Niv*ea-Creme. Und nach Mama. Ihre Haare sind am Ansatz etwas grau, aber ansonsten tönt sie wohl immer noch in einem hellen braun. Sie sagt es immer wieder: "ich freue mich so wahnsinnig, dass du da bist! Hab mich ja schon gefreut, dass dein Bruder und V. kommen, und jetzt das! So eine schöne Überraschung!" Sie ist richtig aus dem Häuschen. Sie freut sich nicht oft, wie Sie sich denken können. Umso mehr treibt es einem die Tränen in die Augen.
Wir betreten die Wohnung. Es riecht, wie es seit vielen Jahren bei uns zu Hause in der Vorweihnachtszeit riecht. Nach einem Duftöl, Mama-Weihnachts-Duftöl in der blauen Keramikduftlampe. Schön warm ist es, und aufgeräumt, der Boden sauber, alles ordentlich. Im Wohnzimmer hat sie den Tisch schön gedeckt, mit dem Geschirr für besondere Anlässe, ein weißes mit schlichtem schmalem blauem Streifen am Rand, und schönen Blumenservietten. Wir haben Pizza mitgebracht.
Nur viele Kerzen auf dem Esstisch erhellen den Raum, und ein Adventskranz mit roten Kerzen, von denen zwei brennen. Auf einer kleinen Anrichte steht ein selbstgebasteltes Gesteck einer Nachbarin mit kleinen Teelichtern. Es hängen selbstgebastelte Weihnachtssterne in blau und gold an einem Bücherregal. Auf dem Fensterbrett steht die rote Lichterpyramide. Die Stimmung ist so heimelig und so unglaublich vertraut, dass ich meine innerlich zu zerreissen.
Mein Bruder ist ein kleiner Kobold, und wir haben ein so lustiges Essen wir schon lange nicht mehr. Reden über alles - nur nicht über ihre Beschwerden. Und es scheint auch, als gehe es ihr gar nicht schlecht. Aber ich sehe eh nie all das, was sie beschreibt. Sie sitzt am Tisch, als wäre alles so normal wie es nur geht.
Auch das Badezimmer sah früher oft chaotischer aus als heute. Mit früher meine ich, als wir noch 3 Personen im Haushalt waren. Ja, das eine Regal ist etwas unordentlich, aber ansonsten - also bei mir ist mehr Staub. Die Katzen alle gesund und munter.
Die Lebensmüdigkeit steckt in dieser Wohnung nur in ihrer Besitzerin.
In diese vermeintliche Idylle - nichts anderes kann es sein- hinein sagt sie zu mir, als wir gemeinsam in der Küche rauchen (mein Bruder und V. sind Nichtraucher): "Ich hab da jetzt mal so drüber nachgedacht, und ich finde, wir sollten an Weihnachten mal über alles reden, was wir alle zusammen so erlebt haben."
KLONG. GONG. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, in mir ist aber eine fette Notiz gemacht.
Sie plaudert weiter. "Du hast ja echt die größten Kapriolen geschlagen. Auf den Kana*linsel*n damals, oder als ich bei dir in Lon*don war". An was sie sich alles erinnert, an so krasse Details, die ich selbst nur sehr schwer in meiner Erinnerung finde, und vermutlich überhaupt nicht mehr gefunden hätte, wenn sie sie nicht erwähnt hätte.
Es macht Angst. All das. Das Reden darüber, wie wir unser Weihnachten gestalten wollen. Ob wir wieder Fondue essen wollen. Was wir uns wünschen. Wann mein Bruder den Weihnachtsbaum besorgen soll. Und dann solche Sätze wie, wir sollten über alles reden was wir zusammen erlebt haben.
Der Arzt sagte zu uns heute Abend im Gespräch: "Wir werden nie wissen, ob und wann es passiert. Aber wir müssen jederzeit damit rechnen. Jedes mal, wenn eure Mutti aus der Tür geht, oder ihr bei ihr, kann es sein, dass es das letzte mal ist, dass wir sie gesehen haben." Das sind Kracher, ich weiß nicht wie ich erklären soll wie wahnsinnig die sind. Was sie auslösen. Was somit jede einzelne Sekunde mit ihr bedeutet. Und jede Sekunde ohne sie. Was ein Telefonanruf bedeutet. Oder wenn er ausbleibt.
Beim Essen sagt sie nochmal: "Es ist so schön, ich freue mich so sehr, dass du extra deswegen heute gekommen bist!"
Und ich fühle mich wie das größte, falscheste Arschloch auf dieser Welt. Denn ich weiß, dass ich nicht gekommen wäre, wenn der Arzttermin, von dem sie natürlich nichts weiß, nicht gewesen wäre. Ich schlucke hart, versuche an Gummistiefel oder irgendwas zu denken, und fühle mich so dermaßen wie eine Arschlochtochter, ich schäme mich in Grund und Boden.
Als wir gehen steht sie im Flur, in ihrer süßen dunkelgrünen Hose und ihrem warmen Fleecepulli. Sie sagt können wir das nicht öfters machen? Ich freue mich immer so sehr, wenn mal jemand vorbei kommt!
Es bricht mir das Herz, so etwas. Mein Gehirn versucht derweil krampfhaft zu erfassen, dass dieser Mensch der ist, der sein Leben nicht mehr leben will. Dass dieser Mensch die Hölle spürt, tagtäglich. Dass dieser Mensch, wenn man ihn mit nichts anderem beschäftigt, nur ein Thema kennt: Mi*nd Con*trol und Verschwörungstheorien. Und dass dieser Kampf so aussichtslos scheint. Wäre heute ein Richter, Polizist oder Notarzt gekommen, er hätte uns ausgelacht. Und wir hätten einen selten wunderschönen Abend mit unserer Mutter verschenkt.
Verstehen Sie irgendwas von dem? Ich nämlich nicht. Ich verstehe die Welt nicht. Ich kann es schlichtweg weder begreifen noch erfassen noch erspüren. Dass all meine Worte hier nicht im Ansatz das vermitteln, was ich empfinde, damit habe ich mich abgefunden. Aber inzwischen fehlen mir selbst die Gedanken und Gefühle um das ganze zu erfassen. "Das macht doch alles keinen Sinn."
Sylvester. Ich dachte immer, meine größte Angst ist, es allein verbringen zu müssen. Diese Angst wurde abgelöst.
Eines ihres Lieblingslieder, und auch eines meiner. Es erinnert mich sehr. Und ist sehr sie. Genau wie Lady Gaga. Ironischerweise.
Ich ... naja, das muss ich ja hier jetzt nicht sagen. Das weiß jeder, auch wenn ich es nicht sage. Nur ihr, ihr sage ich es sehr oft zur Zeit.
~ Katie Melua - Nine million bicyles
Nein. Nein, und jedes mal, wenn ich bei ihr bin, vor allem heute, passt das, was ich sehe, mit dem was ich weiß, absolut nicht zu einander. Es steht in so einer krassen Diskrepanz, dass mein Gehirn das nicht packt. Ich werde nun etwas schildern, was für mich unendlich intim ist, und vielleicht stelle ich es noch offline. Aber schreiben muss ich es auf jeden Fall, ich muss festhalten, dass es auch diese Mama noch gibt, irgendwo, irgendwie, und sei es nur für uns.
Sie wusste nicht, dass ich mitkomme, sie dachte, nur mein Bruder und seine Freundin kommen sie besuchen, nachträglich Geburtstag feiern. Wir hatten ihr ihr Parfum besorgt, das hat sie sich gewünscht, eins von Di*or. Sie hat lange nach einem neuen Parfum suchen müssen, nachdem ihr altes von Ve*rsace schon seit Jahren nicht mehr verkauft wird. Jetzt hat sie seit einiger Zeit Di*or. Mama wird für mich aber immer Versa*ce sein, und es macht mich sehr traurig, dass ich das nie werde riechen können, wenn ich sie selbst nicht mehr riechen kann.
Als sie mich hinter meinem Bruder und seiner Freundin entdeckt, mit Blumen und Geschenktüte in meinen Händen, öffnet sich ihr Gesicht und wird erleuchtet von einem wunderschönen Strahlen. "Dass du da bist!" Das ist das schönste Geschenk, sagt sie, nimmt mich in den Arm, küsst mich. Ihre Haut ist immer noch so weich wie ein Babypopo und hat kaum Falten. Und das bei einer Kettenraucherin. Und sie duftet, nach Niv*ea-Creme. Und nach Mama. Ihre Haare sind am Ansatz etwas grau, aber ansonsten tönt sie wohl immer noch in einem hellen braun. Sie sagt es immer wieder: "ich freue mich so wahnsinnig, dass du da bist! Hab mich ja schon gefreut, dass dein Bruder und V. kommen, und jetzt das! So eine schöne Überraschung!" Sie ist richtig aus dem Häuschen. Sie freut sich nicht oft, wie Sie sich denken können. Umso mehr treibt es einem die Tränen in die Augen.
Wir betreten die Wohnung. Es riecht, wie es seit vielen Jahren bei uns zu Hause in der Vorweihnachtszeit riecht. Nach einem Duftöl, Mama-Weihnachts-Duftöl in der blauen Keramikduftlampe. Schön warm ist es, und aufgeräumt, der Boden sauber, alles ordentlich. Im Wohnzimmer hat sie den Tisch schön gedeckt, mit dem Geschirr für besondere Anlässe, ein weißes mit schlichtem schmalem blauem Streifen am Rand, und schönen Blumenservietten. Wir haben Pizza mitgebracht.
Nur viele Kerzen auf dem Esstisch erhellen den Raum, und ein Adventskranz mit roten Kerzen, von denen zwei brennen. Auf einer kleinen Anrichte steht ein selbstgebasteltes Gesteck einer Nachbarin mit kleinen Teelichtern. Es hängen selbstgebastelte Weihnachtssterne in blau und gold an einem Bücherregal. Auf dem Fensterbrett steht die rote Lichterpyramide. Die Stimmung ist so heimelig und so unglaublich vertraut, dass ich meine innerlich zu zerreissen.
Mein Bruder ist ein kleiner Kobold, und wir haben ein so lustiges Essen wir schon lange nicht mehr. Reden über alles - nur nicht über ihre Beschwerden. Und es scheint auch, als gehe es ihr gar nicht schlecht. Aber ich sehe eh nie all das, was sie beschreibt. Sie sitzt am Tisch, als wäre alles so normal wie es nur geht.
Auch das Badezimmer sah früher oft chaotischer aus als heute. Mit früher meine ich, als wir noch 3 Personen im Haushalt waren. Ja, das eine Regal ist etwas unordentlich, aber ansonsten - also bei mir ist mehr Staub. Die Katzen alle gesund und munter.
Die Lebensmüdigkeit steckt in dieser Wohnung nur in ihrer Besitzerin.
In diese vermeintliche Idylle - nichts anderes kann es sein- hinein sagt sie zu mir, als wir gemeinsam in der Küche rauchen (mein Bruder und V. sind Nichtraucher): "Ich hab da jetzt mal so drüber nachgedacht, und ich finde, wir sollten an Weihnachten mal über alles reden, was wir alle zusammen so erlebt haben."
KLONG. GONG. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, in mir ist aber eine fette Notiz gemacht.
Sie plaudert weiter. "Du hast ja echt die größten Kapriolen geschlagen. Auf den Kana*linsel*n damals, oder als ich bei dir in Lon*don war". An was sie sich alles erinnert, an so krasse Details, die ich selbst nur sehr schwer in meiner Erinnerung finde, und vermutlich überhaupt nicht mehr gefunden hätte, wenn sie sie nicht erwähnt hätte.
Es macht Angst. All das. Das Reden darüber, wie wir unser Weihnachten gestalten wollen. Ob wir wieder Fondue essen wollen. Was wir uns wünschen. Wann mein Bruder den Weihnachtsbaum besorgen soll. Und dann solche Sätze wie, wir sollten über alles reden was wir zusammen erlebt haben.
Der Arzt sagte zu uns heute Abend im Gespräch: "Wir werden nie wissen, ob und wann es passiert. Aber wir müssen jederzeit damit rechnen. Jedes mal, wenn eure Mutti aus der Tür geht, oder ihr bei ihr, kann es sein, dass es das letzte mal ist, dass wir sie gesehen haben." Das sind Kracher, ich weiß nicht wie ich erklären soll wie wahnsinnig die sind. Was sie auslösen. Was somit jede einzelne Sekunde mit ihr bedeutet. Und jede Sekunde ohne sie. Was ein Telefonanruf bedeutet. Oder wenn er ausbleibt.
Beim Essen sagt sie nochmal: "Es ist so schön, ich freue mich so sehr, dass du extra deswegen heute gekommen bist!"
Und ich fühle mich wie das größte, falscheste Arschloch auf dieser Welt. Denn ich weiß, dass ich nicht gekommen wäre, wenn der Arzttermin, von dem sie natürlich nichts weiß, nicht gewesen wäre. Ich schlucke hart, versuche an Gummistiefel oder irgendwas zu denken, und fühle mich so dermaßen wie eine Arschlochtochter, ich schäme mich in Grund und Boden.
Als wir gehen steht sie im Flur, in ihrer süßen dunkelgrünen Hose und ihrem warmen Fleecepulli. Sie sagt können wir das nicht öfters machen? Ich freue mich immer so sehr, wenn mal jemand vorbei kommt!
Es bricht mir das Herz, so etwas. Mein Gehirn versucht derweil krampfhaft zu erfassen, dass dieser Mensch der ist, der sein Leben nicht mehr leben will. Dass dieser Mensch die Hölle spürt, tagtäglich. Dass dieser Mensch, wenn man ihn mit nichts anderem beschäftigt, nur ein Thema kennt: Mi*nd Con*trol und Verschwörungstheorien. Und dass dieser Kampf so aussichtslos scheint. Wäre heute ein Richter, Polizist oder Notarzt gekommen, er hätte uns ausgelacht. Und wir hätten einen selten wunderschönen Abend mit unserer Mutter verschenkt.
Verstehen Sie irgendwas von dem? Ich nämlich nicht. Ich verstehe die Welt nicht. Ich kann es schlichtweg weder begreifen noch erfassen noch erspüren. Dass all meine Worte hier nicht im Ansatz das vermitteln, was ich empfinde, damit habe ich mich abgefunden. Aber inzwischen fehlen mir selbst die Gedanken und Gefühle um das ganze zu erfassen. "Das macht doch alles keinen Sinn."
Sylvester. Ich dachte immer, meine größte Angst ist, es allein verbringen zu müssen. Diese Angst wurde abgelöst.
Eines ihres Lieblingslieder, und auch eines meiner. Es erinnert mich sehr. Und ist sehr sie. Genau wie Lady Gaga. Ironischerweise.
Ich ... naja, das muss ich ja hier jetzt nicht sagen. Das weiß jeder, auch wenn ich es nicht sage. Nur ihr, ihr sage ich es sehr oft zur Zeit.
~ Katie Melua - Nine million bicyles
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