Dienstag, 25. März 2014
Stilles Staunen
Am Wochenende war ich zum Hospitieren bei einer Reittherapeutin eingeladen. Die Dame lernte ich vor einigen Wochen auf einer Jobmesse kennen. Dort hatte ich selbst Standdienst und in der Pause stromerte ich durch die Gänge und das eine führte zum anderen.. wie das eben manchmal so ist.

Erst finde ich den Betrieb nicht. Nicht weil er so klein ist (was er zum Glück ist. Hier gilt es nicht möglichs viele Patienten abzufertigen, sondern Zeit und Empathie mitzubringen), sondern weil er so idyllisch liegt, dass man ihn zwischen all den Weinanbauflächen und Obstbäumen kaum sehen kann.

Ich bin unglaublich aufgeregt wie ich da in meinem Auto sitze. Ist ja nicht so mein Ding, die Konfrontation mit einem Bündel an typsichen Oka-Ängsten. Neue Situation, neue Menschen, Unsicherheit. Schiss. Aber ich bin stolz, dass ich mich in die Situation wage.

Und: es tut so gut den Samstag mal um 9 Uhr an der frischen Luft zu starten, und dann auch bis 15:30 Uhr an der Luft zu bleiben. Regen hin oder her. Wir gehen mit geistig Behinderten spazieren (also sie reiten, wir laufen nebenher), longieren weitere Behinderte, und eigentlich fällt mir schon gar nicht mehr auf dass sie anders sind, der MS-Patient mit Sohn fällt heute aus, und am Ende kommen zwei kleine Knirpse, davon ein 5-jähriges Mädchen mit Posttraumatischer Belastungsstörung, das mitten in einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalten-OP (oder so ähnlich, bitte nageln Sie mich nicht fest - es sind unendlich viele neue Begriffe und Eindrücke an diesem Tag) aufwachte, weil der Anästhesist nicht ausreichend narkotisiert hatte.

Der Geruch nach Dung und Pferdehaaren. Der Regen auf dem frischen Grün. Das weiche Pferdefell. Weinreben und in Blüte stehende Obstbäume. Kleine Hände, die die meine greifen wollen. Kleine Geschöpfe, die langsam Vertrauen fassen und ihre Wangen an die weiche Pferdekruppe schmiegen. Die lachen und babbeln, und neugierig sind, und mutig und klug. Und Pferde, die sich ganz sensibel einfühlen und den unterschiedlichen Reitern anpassen. Ich bin völlig fasziniert. Und entschleunigt. Zwar auch angestrengt. Aber geerdet. Da.

Die Therapeutin sucht noch Helfer für die Gruppe psychisch Kranker. 10 Termine. Sie findet, ich habe mich gut gemacht, sowohl im Umgang mit den Menschen, als auch mit den Pferden, und kann sich vorstellen, dass ich weiterhin komme. Ob ich Berührungsängsgte mit psychisch Kranken hätte. Nein, sage ich, und frage, welche Krankheiten die Menschen denn hätten. Chronische Schizophrenie. Ich werde nachdenklich und lasse mit Zeit mit einer Antwort. Nein, sage ich, das ist kein Problem, und ich erzähle ihr von meiner Mutter. Auch sie wird nachdenklich. "Das hat natürlich 2 Seiten. Wenn du selbst dich mit dem Thema auseinandergesetzt, und es vielleicht sogar selbst in einer Therapie bearbeitet hast, du selbst also nicht instabil bist, dann könnte das eine echte Chance sein. Ansonsten birgt es natürlich ein Risiko." Ich berichte ihr von meiner Therapie, und dass sie abgeschlossen ist. Davon, dass ich eine für mich gute Distanz zu meiner Mutter gefunden habe. Sie erzählt mir von der psychischen Erkrankung in ihrer Familie, und von ihrer Therapie.

Am Ende einigen wir uns darauf, dass ich darüber schlafe und mich melde. Und schon im Auto weiß ich, dass ich mich melden werde und das versuchen möchte. Alles in mir weiß, dass es wichtig und richtig ist. Sollte es wider jeglicher Erwartung (ich möchte dem kleinen Arschloch in mir einfach mal den Fuckfinger zeigen, der Drecksack soll mich in Ruhe lassen. Der, der mich immer daran hindern will, dass ich mir endlich nen Palast aus Gold baue) nach hinten losgehen, kann ich es auch immer noch sein lassen.

Abends war ich bei Freunden zum Spieleabend. Nach ein zwei drei Sekt und ein zwei drei Schnapps falle ich zu hause in komatösen Schlaf. Obwohl nein, komatös ist er nicht.

Ich träume als würde ich viele Leben leben. Durcheinander, bunt und intensiv. Der einzige, der bis heute hängengeblieben ist, ist der von LeSchwe. Im Traum begegnen wir uns zufällig in einer großen hellen Shoppinghalle. Ich hasse Shoppinghallen eigentlich, aber diese ist nett, ruhig, gedämpft und nicht so viel Bling Blin, und wenig Leute. Wir umarmen uns und lachen und reden. Und nach einer halben Stunde sage ich ihr: du, jetzt hab ich echt ne halbe Stunde lang gebraucht um mich daran zu erinnern, dass wir eigentlich böse miteinander sind.

Am Sonntag habe ich einen Kater. Mit der Katze auf dem Schoß.

Ich bin gespannt auf alles weitere im Leben. Jeden Tag wieder, auch wenn mich die Arbeit richtig richtig ankotzt. Und ich oft wütend bin und mit mir selbst kämpfe und viel Selbstkontrolle brauche um nicht zu explodieren... bei all den Arschlöchern, den selbstgerechten, den Empörkömmlingen und Pimmelmackern...

Aber hey... schauen Sie mal, die Magnolienblüten da drüben! Und da, wie das Licht sich in den Regentropfen auf den Weinblättern bricht. Und wie sehr sich die Authistin über das Flugzeug am Himmel freut, ihre einzige Gesichtsregung in einer Stunde. Der lustige Spieleabend mit Menschen, die ich mag, und die mich mögen. Die Wolken, die über den Obstbäumen Gebirge spielen. Und der kleine Stinkbär, der mich immer freudig maunzend begrüßt und seine winzige feuchte Nase an meiner reiben will.

Die wirklich wichtigen Dinge. Die sind wunderschön. So klein sie auch sein mögen, manchmal auch versteckt, und oft gefährdet, empfindlich, schutzbedürftig. Schwer zu sehen unter all dem Alltagsrotz. Manchmal mag ich mich ihnen gar nicht öffnen, mag ich ihre Schönheit nicht erkennen, wenn meine Seele mal wieder in dunklem Teer zu ersticken droht. Als müsste ich mir selbst beweisen, dass das Leben einfach scheiße ist. So wird das aber nix mit dem Palast aus Gold. Deswegen mache ich mich jetzt - egal wie schwer es ist - daran die Pimmelmacker auszusperren, und mehr kleine Wunder, das Schöne, Zarte, Feine, Reine reinzulassen.

Eine gute Woche Ihnen allen.



~ Digitalism - Just Gazin'






Dienstag, 28. Januar 2014
Identitätskrisen im Hause O.
Ob auch die Katze bald von einer Identitätskrise erfasst wird? Nenne sie öfters "Mäuschen" oder "Kleiner Hase". Oder "Kleine Möhre".






Donnerstag, 16. Januar 2014
Muttifreuden.
Anfang der Woche wurde ich überwältigt von Muttergefühlen und habe der Katze für 88 Euro Kram bestellt. Ja - wie schwerbeschäftigte Eltern versuche ich mich freizukaufen von meinem schlechten Gewissen. Heute vor den Augen der Katze freudestrahlend die ganzen Herrlichkeiten ausgepackt. Ein bisschen geweint vor Glück. Ein Katzenfummelbrett. Ein Rascheltunnel! Ein Katzenbettchen, und ein echtes Schaffell! Ein Kratzbrett. Und: knistrige Knisterbällchen!!! Ganz verzückt noch ein bisschen geweint vor Glück.

Erwartungsvoll die Katze angegrinst wie auf 3 E. Und die Katze? Interessiert sich einfach nur weiterhin für ihren ollen Wollfaden.

Bestimmt twittert sie heimlich, dass "die Alte" total peinliche Sachen gekauft hat.

Drecksgören.






Dienstag, 14. Januar 2014
Platzhalter.
Am Wochenende habe ich mit LeSchwe gebrochen. Ich bin wütend, enttäuscht und erleichtert zugleich. Manchmal leise Zweifel, die aber auch wieder gehen. Mehr kann ich dazu gerade noch nicht sagen, muss ich aber demnächst. Sonst bereu ich das mal. Erinnern Sie mich dran.






Sonntag, 12. Januar 2014
Welcome to reality.
Und dann schreibt er eine Mail, in der er mich (neben sehr vielen herzerwärmenden Worten) ohne weitere Erklärung bittet seinen Kumpel anzurufen, damit der ihm noch mal 300 Euro auf sein Konto überweist. Er hat ihm zwar auch eine Mail geschrieben, ist sich aber nicht sicher, ob er die auch liest.

Scheint dringend zu sein. Der hat doch jetzt wohl nicht ernsthaft innerhalb von 10 Tagen in Thailand seine 1.500 Euro ausgegeben, frage ich mich fassungslos, und rufe den Kumpel an, der genauso entsetzt und ratlos (und ich meine, auch völlig zurecht verärgert) ist.

Und ich denk mir nur: come on, Oka! ... kleine Träumerin...!






Mittwoch, 11. Dezember 2013
Da willste glauben und dann.. vergisste, dass de glauben wolltest. Der Dezember hat sich in diesem Jahr als ein saublödes Arschloch entpuppt, in vielerlei Hinsicht. Jetzt reichts. Piss off.

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Dienstag, 22. Oktober 2013
Surreal.
Surreale Momente, Gespräche und Gedanken, die mich bewegen, mir nachhaltig im Kopf rumspuken und nahe gehen, und es mag sicher merkwürdig sein, beide im gleichen Post zu erwähnen, aber vielleicht sollte ich auch mal wirklich aufhören darüber nachzudenken, was andere so alles merkwürdig finden könnten. Konventionell können die anderen. Meine Stärke ist es wohl nicht, und das muss ich auch einfach mal akzeptieren.

Das eine ist: es ist wirklich sehr surreal tagtäglich eine Stelle zu passieren, an der jemand gewaltsam sein Leben verloren hat. Früher war das meine Haus- und Hofhaltestelle, auch heute keine 500 Meter von meinem zu Hause. Aber seit ich den Firmenwagen habe, benutze ich kaum mehr die Straßenbahn, und innerstädtisch laufe ich oder fahre Rad. Zugegeben bin ich durch diese kleine Anlage schon früher nicht gern gelaufen, aber richtige Angst hatte ich nicht.

Es war nun seit diesem Vorfall schon sehr merkwürdig, täglich mit dem Auto unter dieser Brücke durchzufahren und aus einiger Entfernung die Kerzen zu sehen. Es macht mich nachdenklich, ängstlich, traurig. Jeden Tag aufs neue frage ich mich Dinge, die ich hier jetzt nicht fragen will.

Heute habe ich das Auto in die Werkstatt geben müssen, Abholung morgen. Also nahm ich die Bahn nach Hause, bis zu eben jener Haltestelle. Und es ist sehr surreal diese Schriften und Kerzen zu sehen, und zu sehen, wie alle - in der Bahn Sitzende wie Aussteigende - ihren Kopf hin zu dieser Stelle drehen. Es ist nicht so, dass es ein Grauen ist, aber es ist schon etwas sehr Greifendes, das einen dann aber doch nicht erreicht, weil es eben so... surreal ist.


Das andere ist: es ist wirklich surreal mit meiner Frauenärztin und auch mit N. über Fruchtbarkeit zu sprechen. Über die Schallmauer 35. Über Kryokonservierung von Vorkerneizellen. Darüber, dass Samenspende ja immer noch geht ("in Dänemark ist das ganz einfach", O-Ton Ärztin). Darüber, dass ich das nicht kategorisch ausschließe. Dass ich mir vieles vorstellen kann. Dass ich mir vorstellen kann auch ohne Partner ein Kind zu kriegen. Nicht jetzt. Nicht heute. Ich habe noch keinen Alarm, halte es aber für notwendig, dass ich mich ganz bewusst auseinandersetze. Damit ich nicht plötzlich mit 50 anfange zu realisieren, was ich früher hätte überdenken müssen.

Ist es jetzt soweit?, denke ich mir. Bin ich tatsächlich 33 und rede über Kinder? Wann ist das passiert? Ich fühle mich noch nicht so. Und doch ist es da. Es. Die Gedanken. Zarte Gefühle. Ängste. Bedenken. Zweifel.

Wir können uns Optionen schaffen, heutzutage. Wir haben in manchen Dingen eine manchmal mir geradezu unbegreifliche Freiheit. Ich bin froh, dass ich im heute lebe. Wir sind [Ergänzung: im Alltag!] nicht mehr angewiesen auf das andere Geschlecht [Ja klar - für Samen spenden (Mann) und empfangen (Frau) schon.] Natürlich möchte ich einem Kind nicht bewusst den Vater vorenthalten, mein Wunsch wäre es aus einer belastbaren Beziehung heraus schwanger zu werden - aber kann nicht auch ein anderer Freund männliche Bezugsperson sein? Und wieso sollte ich kein Kind haben dürfen, nur weil ich keinen Mann habe? Ich muss nicht mehr die klassische Beziehung leben mit Ehe und Monogamie. Wir sind frei! Wenn wir es wollen, und wenn wir die finden, die genauso denken. Auch ist ein Vater kein Garant für Glückseligkeit - auch nicht für das Kind. Es gibt sicher das ein oder andere Kind, dem es womöglich besser ergangen wäre, wenn es ohne Vater aufgewachsen wäre.. Aber da lehne ich mich aus Fenstern, die vielleicht auch ein Stockwerk zu hoch für mich sind.

So sind sie, diese Dinge.
Sie passieren, einfach so, auch wenn wir uns nicht bereit fühlen. Sie fragen nicht danach. Sie sind einfach. Sie schleichen sich leise rein und setzen sich fest, und manchmal beanspruchen sie dabei unglaublich viel Platz. Da zwickt es dann, sind wir doch nicht vorbereitet. Wollen doch gar keinen Raum schaffen. Und dann quetscht sich das da so rein. Unpraktisch. Ungefragt, manchmal auch völlig unerwünscht. Aber wichtig ist, dass wir den Dingen Raum geben, wenn sie so hartnäckig - wenngleich oft sehr sehr leise - anklopfen. Hinsehen. Nicht wegschauen. Hinhören. Nicht wegdrücken. Vielleicht gehen sie dann auch ganz von alleine wieder. Oder finden ihren Platz in uns.






Mittwoch, 17. Juli 2013
Mitte Juli.
Das erste mal seit langem - wenn auch nur kurz - das absolut intensive Gefühl gehabt, hier, in diesem Blog, zu Hause zu sein. Worte fallen mir trotzdem nicht ein, bzw. sind es zu viele um sie zu tippen.

In der Kürze: bisher keine Chemie. Es klingt glaub ich immer so, als würde ich mich ständig vollstopfen, dabei ist das echt nur drei-, viermal im Jahr. Alles fordert mich heraus. Die Arbeit. Die Männer. Mein Therapeut. Ich mich selbst. Bin wie auf Dauerdroge. Mit Schlafstörungen. Rausch. Sommer. Gräser. Wasser. Bier. Winziger Wientrip mit sehr vielen Gedanken an Amy. Smashing Pumpkins. Katinka. Mama. Blumen. Musik Musik Musik, und immer wieder Musik. So wundervolle Musik. Badetage. Sonne im Gesicht. Blaugraugrüne Glitzeraugen. Wärme auf Herz und Haut. F. und B. Auf und ab. Freud und Leid. Dann und wann. Hier und jetzt. Adieu.

Lieblinge des Monats: andhim. Unfuckingfassbar!
~Hausch
~The Wizard Of Us




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Mittwoch, 26. Juni 2013
Jemand sagte mir mal als ich 21 oder 22 war: "Du bist so eine schöne Frau. Wenn du irgendwann einmal begreifst und spürst, wie schön du bist, dann wirst du einen Raum betreten und alle darin in deinen Bann ziehen."

Dabei hat er mich nie angebaggert, er wollte immer meine Mama kennenlernen.

Dieser jemand ist gestorben, viel zu jung. Ich war heute sehr sprachlos. Und die ganze Heimat sicher auch. Tschüss H., es war mir ein Fest dich kennengelernt zu haben. Du hast sicher sehr viele bleibende Eindrücke in ganz vielen Herzen hinterlassen. Danke dafür.






Montag, 24. Juni 2013
Von Spagat und Filly Pferdchen
Ich bin 33. Ich habe Zeit. Viel Zeit. Aber nicht soviel wie ich möchte. Eigentlich habe ich zum Beispiel gar keine Zeit zu arbeiten, denn ich muss noch so viele Dinge tun und sehen, und Verrücktheiten ausleben, und Menschen kennenlernen. Und dabei dann doch irgendwie auch heiraten und Kinder kriegen und konventionell leben. Aber ich weiß gar nicht, wie diese Leben und Dinge und Wünsche so miteinander und gleichzeitig harmonieren könnten. Deswegen tue ich wohl immer noch das eher (für mein Alter) unkonventionellere, und lebe eben wie ich lebe.

Wie an diesem Wochenende. Als ich in der Freitag Nacht um 0:45 Uhr müde mein Licht löschen will, klingelt es an der Tür. Durch die Gegensprechanlage lausche ich den leicht angeschlagenen Tönen von P. Er und B. seien da, und sie fänden es eine suuuuuuuuper Idee, wenn ich jetzt gleich noch einen mit ihnen trinken gehe. Denn ich soll doch B. auch endlich mal kennenlernen. Und überhaupt..

Ich schweige verwirrt. B. meldet sich zu Wort: die laue schöne Sommernacht könne ich doch bitte mit ihnen verbringen, und außerdem er will jetzt diese Frau kennenlernen von der P. behauptet, dass es eine super Idee sei bei ihr nachts um kurz vor 1 Uhr zu klingeln. Ich leier mir ein "Häääää?" aus der Kehle, und lasse die zwei dann erst einmal in meine Wohnung hoch.

In Leibchen und Panties kredenze ich den zwei angetrunkenen Nachtwandlern Rotwein und kucke hochgradig verwirrt vom einen zum andern, wie sie da auf meinem Sofa sitzen und mich, zwei Eulen gleich, anblinzeln.

P. habe ich an einem meiner letzten Wochenenden vor meinem Wegzug kennengelernt. Er hat ewig rumgeeiert, bis wir uns vor einigen Wochen wieder getroffen haben, seitdem haben wir regen Kontakt, von dem ich aber nicht genau weiß, wie ich ihn einstufen soll. Flirten wir? Lernen wir uns einfach kennen? Oder freunden wir uns an? Jedenfalls fand ich seinen Kommentar neulich darüber, dass Leute die länger ohne feste Beziehung sind, in Therapie gehören, nicht nur überflüssig, sondern schlichtweg dumm, und das passt so gar nicht zu ihm - oder zu dem Bild, das ich bisher von ihm hatte, das aber immer mehr bröckelt.

Ich gebe mir einen Ruck und schließe mich den beiden für einen Nachtflug durch meinen Kietz an. B. und ich sind subito auf einer Wellenlänge. Wir rauschen durch die Nacht, er riecht so unglaublich gut, wir begegnen lustigen Menschen mit einer Kamera auf dem Kopf, die mit Bildern im 10-Sekunden-Takt ihre Nacht dokumentieren, um am nächsten Morgen noch zu wissen wen sie getroffen und was sie getan haben. "Veröffentlichung völlig ausgeschlossen, Ehrenwort."

Die Wellenlänge zwischen B. und mir lässt P. nicht ganz kalt und er haut wirklich spitze Kommentare raus, bis ich die Schnauze irgendwann voll habe, und mit B., der so gut riecht, die Kneipe verlasse. Ich bin angenervt von Fragen wie "soll ich euch alleine lassen", und andere blöde Kommentare, die mich als leichtes Mädchen hinstellen. Auch, weil ich dachte, dass eigentlich P. und ich eine Art "Date" haben. Und ich frage mich still: du Arschloch, was soll das denn? B. und ich gehen also, wir wollen uns nur kurz verabschieden. Wir reden und reden, und dann.. küssen wir uns kurz, und er möchte meine Nummer. Ich gebe sie ihm und gehe nach Hause.

Denke an P.'s spitze Kommentare und daran, wie sie und die anderen gesammelten Kommentarwerke aus dieser Woche mich verletzen. Überlege, warum B. und ich uns aber dann doch küssen, und warum ich das Gefühl habe, dass der etwas in mir losgetreten hat, das ich nicht möchte. Denke mir, scheiße du kannst den nicht mehr sehen. Top 1 Regel.

Gehe ins Bad, putze Zähne, sinniere auf dem Klositz, mache eine Katzenwäsche, schaue mir im Spiegel tief in die Augen, und bin traurig --- oder eher nachdenklich --- weil ich bin wie ich bin und weil mich trifft was andere sagen, weil ich mich von diesen Kommentaren so runterziehen lasse und denke daran, wie LeSchwe mich beim Abendessen in den Arm genommen hat, weil ich so geweint habe über die Woche und das, was sie in mir in Bewegung gebracht hat.

Hau mich in die Koje und fange an im Blog zu tippen. Weil ich mich gefangen fühle. In mir, in meiner Haut, in meinem Leben, weil ich enttäuscht und desillusioniert bin.

Da klingelt es an der Tür. Ich denke, es ist P., der sich für seine blöden Kommentare entschuldigen will, und trippel zur Sprechanlage. Es ist B.

Tick... Tack... Tick...

Der P. sei nirgendwo. Er findet ihn nicht mehr. Er sei jetzt im H***stolz gewesen, und im Bl*u, und im Rh*d*s, und er sei einfach nicht zu finden.

Tack... Tick... Tack...

Ich will nicht, dass B. bei mir schläft.

"Scheiße, kann ich bitte hochkommen?" Ich bin wütend. Weil B. da steht, und nicht P., weil ich mich nach wie vor verletzt fühle, und nun auch noch verarscht. Ich drücke den Türöffner. Als B. vor mir steht, hauts mir nur die Frage raus, ob das alles ein abgekartetes Spiel sei. Er kuckt mich an als hätte ich gefragt, warum er nicht ständig einen Dildo in der Handtasche spazieren trägt.

Ich rufe P. an. Mailbox. Gifte eine Nachricht, dass ich jetzt B. schon beherbergen werde, das aber eine ziemlich beschissene Aktion finde, und dass er mich mal kreuzweise kann.

Ich habs echt versucht. Aber ich bin eben ich. Und so gefangen wie ich in mir bin, so frei bin ich doch, und so sehr bin ich eben nun mal ---- ohne wenn und aber --- ich. B. und ich reden, und irgendwann ruft P. zurück, und B. erzählt ihm eine komische Story, und letztendlich.. bleibt B. da.

Am nächsten Morgen fragt er mich als erstes, ob er mir Frühstück machen soll. Er verblüfft mich mit dieser Frage nicht das erste mal. Er hinterlässt Eindruck, ob ich will oder nicht --- und ich will nicht. Ich wehre mich so sehr, innerlich. Er schaut mich an, und streichelt mich, er streichelt mein Gesicht, streicht mir die Haare aus der Stirn und schaut mich stumm an, mit großen Augen und einem Blick, den ich sehr lange nicht mehr gesehen habe. "Ich schaue dich einfach nur an." Ich finde ihn nicht schön, und doch unglaublich anziehend. Mit ihm zu schlafen ist mit ihm schlafen und nicht im Ansatz zu vergleichen mit dem F-Wort. Sein Körper ist warm und nah und vollkommen. Und er erzählt Dinge, von dieser Studentenstadt im Winter, und Schal, und Tee, und einer Romantik, die ich mitfühlen und ertragen kann.

Mit jeder Minute wird mir dieser fremde Mann, der mir so schnell vertraut war, noch vertrauter. Als wären wir alte Seelen die sich ewig kennen. In aller Desillusioniertheit ist er ein unerwartetes Wunder, an das ich keinerlei Erwartungen habe.

Am Nachmittag lässt er sich von P. abholen, wir versprechen einander, kein Wort über uns zu verlieren, über das was war. Er sagt, er meldet sich. Und ich denke mir, ja klar, und erwarte nichts.

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Ich selbst gehe unter die Dusche. Um 17 Uhr will ich im Taunus sein, ich spurte zum Auto. Die Gewitterwolke irritiert mich. Bis ich merke, dass das keine Gewitterwolke ist, sondern dass es sich um dunklen Rauch zu handeln scheint, der in LU produziert wird. Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss, und starre in die Richtung, aus der mehr und mehr Qualm wie aus einem Schornstein aufsteigt. Im ganzen Kietz riecht es nach Brand, und ich dachte noch: wie cool, die grillen alle. Das Radio klärt mich auf. Ich überlege, ob all meine Fenster zu sind. Egal. Freaky. Auf gehts.

Mit meiner neuen Liebe, meinem A3-Raumschiff, fliege ich gen Norden. Die Anlage ist der Hammer, ich höre Gus Gus, Eulberg und einen Flo-Mix und schwebe durch den späten Nachmittag.

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In einer anderen Welt steige ich aus dem Auto. Da sind Vater, Mutter und zwei Kinder. In einem Reihenhaus in der Bonzenregion. Da gibt es Bio und eine gemeinsame Vergangenheit, die sich irgendwann entzweit hat, und die man langsam hinter sich lässt um sich wieder zu nähern.

Ich verliebe mich sofort in die Jüngste. 2 Jahre alt ist sie, und so lustig und süss und clever, dass ich sie gerne entführen möchte, in meine Welt mit Sp**d auf dem Nachttisch, Elektro im Auto und dem kleinen heißen Benjamin (ein junger Affärenkerl - nicht B.!) in meinem Bett.


Die Ältere schenkt mir ein Filly Pferdchen, Rini meint, darauf könne ich mir was einbilden, ich sei jetzt in die höheren Weihen aufgenommen, und ehrlich: ich bilde mir etwas ein und freue mich, ich mag diese Familie und diese tollen Mädels, und bin froh dass ich bin wo ich bin, und dass Rini und ich uns anscheinend langsam wieder näher kommen, weil ich sie mehr verstehe, und sie, jetzt wo sie wieder arbeitet, vielleicht auch wieder mehr Verständnis für mein Leben hat.

Rini's Mann M. freut sich, dass mal eine Frau da ist die nicht nur über Kinder redet, sondern die mit ihm Elektro hört und darauf abfeiert.

Abends meldet sich B. Spät in der Nacht antworte ich ihm. Dass er ganz schön Eindruck hinterlassen hat. Nothing to lose but my heart.



Am nächsten Morgen werde ich von einer lieblichen Mädchenstimme geweckt: "Oka, du musst aufstehen. Es ist schon 12!" Ich grunze HÄ und flüster: "Hmnjaohmmhöö ich bin eine ganz schöne Schlafmütze, oder?" "JA!" sagt die Mädchenstimme bestimmt, und die 4-jährige hüpft aus dem Zimmer.

Ich bekomme rosa Nagellack mit Glitzer auf meine Fußnägel, denn das gehört sich so.

Ich mache Bekanntschaft mit der Heule-Eule, dem Mecker-Schaf und der Motz-Kuh, und möchte die im nächsten Meeting einführen. Ich bin beim Kinder-Schwimmkurs und sehe, wie so kleine Wichtel lernen sich über Wasser zu halten. Ich sehe, wie Kinder auf die Fresse fallen, schreien, aufstehen, weiterschreien und irgendwann einfach weiterleben, mit dicker Lippe, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wir können viel lernen von diesen Kindern. So viel.

Selten war ich so verliebt. Diese Kleine... M. meinte schon bei der Planung meines Besuchs, dass sie und ich bestimmt ein Verständnis hätten, wir beide hätten nur Unfug im Kopf - ich hätte mehr Erfahrung mit Unfug, sie sei skrupelloser, und die Mischung wäre ja wohl fatal - aber ich habe immer Angst, dass Kinder mich ablehnen oder doof finden. Bei der Kleinen und mir ist das aber anders. Sie ist so entwaffnend und flirtet mit so einer Kunst, dass ich mich einfach nur ergeben kann. Es ist wunderschön, so von einem Kind erobert zu werden. Ich liebe und schnüffle, weil sie so toll riecht. Ohne Angst. Einfach nur so, weil es gut ist.


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Am frühen Abend fahre ich nach Hause. Vor mir liegt FFM, und ich verstehe, dass der kleine Professor dieser Stadt erliegt. Ich denke über die Kleine nach, über mein Leben, mein Hoffen, meine Wünsche, meine Leidenschaften, meine Sehnsüchte, meine Begierden, meine Sünden, meine Abgründe.

Es wäre ein ewiger Spagat. Ich bin im ewigen Spagat. Zwischen Filly Pferdchen und Sp**d auf dem Nachttisch. Ich kann mir das eine vorstellen aber das andere nicht aufgeben. Ich bin ratlos und lebe einfach vor mich hin, für den Moment, für dieses Wochenende, und fühle mich trotz der sich anbahnenden Katastrophe einfach nur wohl. Ich liebe es mich am Leben zu berauschen.


Gegen 20:30 Uhr ruft B. an. Damit rechne ich nicht, ich bin gerade auf dem Balkon und begutachte meine Blumen. Höre es nicht und rufe erst eine halbe Stunde später zurück, weil ich mit Herzklopfen das Telefon in der Hand halte und nicht weiß, ob das alles gut ist.

Er hebt ab. Wir wissen nicht viel zu sagen. Er versucht zu rechtfertigen warum er wortkarg ist obwohl er angerufen hat. Du musst dich nicht erklären, sage ich. Nach wie vor erwarte ich nichts, sondern höre und erlebe nur. Er sei nicht nur tief beeindruckt von unserem Erlebnis, sondern auch nachhaltig tief emotional verwirrt. Wie es mir damit ginge. "Sehr ähnlich", sage ich. Er möchte nicht am Telefon mit mir weiter darüber reden, ob wir uns nicht am Mittwoch oder Donnerstag treffen können.

Können wir. Ich fluche. Verfluche mich. "Meinst du denn, das ist wirklich ne gute Idee?", frage ich. "Ich weiß es nicht", antwortet er, "aber ich weiß, dass ich nicht am Telefon mit dir reden sondern dich sehen will."

Ich telefoniere mit LeSchwe, trinke einen halben Liter Rotwein, schreibe diesen Beitrag. Fühle mich, als würde ich mit 180 auf eine Wand zurasen. B. hat zwar eine große Krise, in seinem Leben, in seiner Ehe, ich weiß das auch von P. Aber egal wie ich es drehe und wende - er ist einfach verheiratet und hat zwei Kinder. Ich erwarte nichts. Und trotzdem ist er plötzlich einfach da. Auch wenn ich das nicht will.

P. hat mich vor einigen Wochen gefragt, warum ich eigentlich in den letzten zwei Jahren so hartnäckig den Kontakt zu ihm gehalten habe, so hartnäckig darin war, dass wir uns wiedersehen. Er bewundere das, fände es aber nach wie vor ulkig. "Ich weiß es nicht", sagte ich damals, "aber ich habe einfach das Gefühl, dass wir uns noch etwas zu erzählen haben. Was, das weiß ich nicht. Nur, dass noch nicht alles gesagt ist, und ich keine Schubladen aufmachen kann. Ich weiß nur die ganze Zeit: da kommt noch was!" Und ich hoffe inständig, dass ich damit nicht B. gemeint habe.


Bevor ich vergesse welchen Podcast ich hier verlinkt hatte: Wepem Podcast - April 2013 - The Taurus Mixtape by Stan Chiari