Freitag, 25. Dezember 2020
LL Tag 54: Begegnung.
Es mag paradox sein, ich trage keinen kirchlichen oder biblischen Glauben in mir, aber doch einen Glauben an etwas Großes, oder ein großes Ganzes, das aus meiner Sicht auch allem Glauben inne ist, egal woran man glaubt. Das trage ich sehr fest in mir seit diesem Moment in der Wüste, und ich finde ihn wieder in der inneren Einkehr, egal ob ich auf meinem Sofa, der Yoga-Matte oder in der Kirche sitze. Und doch empfinde ich Kirchen als besonders spirituell. Dort fällt mir diese Einkehr leichter, und es ist durchaus so, als würde mir dort etwas ganz besonderes begegnen.

Einige Kirchen hier sind geöffnet bis zu einer gewissen Uhrzeit für stille Gebete, natürlich mit Maskenpflicht. In dieser großen Kirche, die ich vorhin betrete, dürfen sich bis zu 20 Personen gleichzeitig aufhalten.

Es sind keine 10 Personen anwesend, großzügig verteilt auf den gesamten Innenraum. Durch die ansonsten sparsame Beleuchtung kommen die funkelnden Lichter an den zu beiden Seiten des Altars aufgestellten Weihnachtsbäume wunderschön zur Geltung. Auch eine Vielzahl an roten Weihnachtsternen schmücken den barocken Altarraum. Über einen Lautsprecher ertönen vom Pastor auf Band eingesungene Weihnachtslieder, begleitet von einer Orgel. Alle Jahre wieder, Kommet ihr Hirten, Stille Nacht, Heilige Nacht, und auch die Weihnachtsgeschichte hat er eingelesen.

Dort zu sitzen in dem ansonsten völlig ruhigen Kirchenschiff hat etwas Meditatives. Irgendwann kommt ein Mann und setzt sich einige Reihen vor mich, er sitzt fast ganz vorne. Kurz vor 18 Uhr bricht das Tonband ab. In der Stille steht der Mann auf, stellt sich in die Mitte des Ganges, breitet seine Arme weit aus und fängt durch seinen Mundschutz hindurch laut an zu singen: "Jesus Lord, you are my life", im Original wohl eigentlich "Jesus Christ, .." Er singt es wirklich für IHN, das strahlt er mit seinem ganzen Körper aus, gibt sich hin, wiegt sich und seine Arme.

Die Stimme klingt sehr geübt, tragend, schön. Vielleicht ist er der Pastor?

Sein Gesang und die hingebungsvolle Art ihn auszuüben rühren mich tief. Als er endet, sich umdreht und an mir vorbei in Richtung ausgang läuft, nickt er mir zu. Ich nicke zurück, vielleicht sieht er wie bewegt ich bin, denn er stoppt, und sagt, "Genau so ist es doch. Jesus ist Leben." Ich wünsche ihm frohe Weihnachten, er lächelt mich so herzlich an, dass ich es an den Augen ablesen kann, hält seine Hände in einer dankende Geste, wie Namaste, und wünscht auch mir ein frohes Fest.


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