Dienstag, 3. November 2020
LL Tag 2: Leeres Home Office Hirn.
Dienstag. Das war in den letzten 8 Wochen mein Bürotag, wenn ich denn im Büro war. Wir haben ein riesiges Büro in viereckiger Schlauchform um ein Innenhofdach herum. Die meisten Wände bestehen aus riesigen Fenstern. Vorab Anmeldung via Outlook, wenn max. Zahl erreicht -> Absage. Beim Betreten Check-In via App, am Empfang frische Einwegmasken und Desinfektionsmittel. Der Schlauch darf nur noch in eine Richtung begangen werden. An den Toiletten hängen Schilder: nur eine Person darf rein, wenn jemand reingeht, bitte Schild auf "belegt" drehen, damit niemand die Waschräume betritt. An allen Plätzen (wir haben free desk) Desinfektionsmittel. In der riesigen Küche sind Plätze abgeklebt als nicht belegbar, damit nie zu viele zu nahe an einem Tisch sitzen. Maske ist immer zu tragen, außer man befindet sich an seinem Platz. Überall stehen und hängen Schilder zur Erinnerung an Maske, Abstand, Händewaschen, Lüften.

Bis zum August galt das Büro allen (außer denen, die die Post holten) als verboten. Seit August wie gesagt mit Zutrittsbegrenzung. Ich ging ab Anfang September hin, zu Beginn fast widerwillig, dazu geraten hatte mir Meister Yoda nachdem wir uns über die aktuelle Situation (und damit ist nicht C gemeint) unterhalten hatten. Wider Erwarten half es mir sehr. Ich denke, dass die Wirkung oberflächlicher Begegnungen und Unterhaltungen im Alltag (als Ergänzung zu anderen Beziehungen) unterschätzt wird, insbesondere bei Alleinstehenden. Ein guten Morgen, ein freundliches Gesicht, ein kurzer gemeinsamer Abstands-Kaffee auf der großen Dachterrasse, kleine Schnacks. Es war, als würde ich mir eine wohltuende Infusion legen.

Seit gestern gilt das Büro wieder als verboten. Ich kann das nachvollziehen, niemand möchte verantworten falls es im Büro zu Infektionsgeschehen kommen sollte. Für mich ist das ein bisschen schwierig. Ich weiß nicht wie es anderen geht. Bei mir ist es so, dass ich in den ganzen Monaten im Home Office bei weitem nicht so produktiv war wie im Büro. Die gesamten inhaltlich-strategischen Themen der letzten Wochen habe ich fast nur im Büro erarbeitet. Zuhause ist mein Gehirn wie leer, oder zerschossen, und kann sich maximal zu operativen Tätigkeiten aufraffen. Ich werde schnell müde und träge. Erklären kann ich es mir nicht. Es ist einfach nur eine Beobachtung dessen, wie es in den letzten Monaten war. Seit März saß ich eben (wie viele andere auch) komplett alleine in der Wohnung und arbeitete bis Anfang September nur an meinem Wohnzimmertisch (andere Orte fallen mangels Platzverhältnissen aus; zugegeben hatte aber auch ich stummgeschaltet Online-Sessions auf dem Klo).

Abhilfe weiß ich auch keine. Kollegin A. schlug vor, bei einer Bekannten zu arbeiten. Das finde ich aber fast riskanter. So wie ich es allgemein - bei allem Verständnis - etwas riskant finde, das gesamte öffentliche Leben herunterzufahren, weil sich dadurch eben vermutlich wirklich mehr ins Private verlagert, und auch das kann ich nachvollziehen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Und jetzt bin ich jemand, der alleine eigentlich ziemlich gut klar kommt, im Gegenteil, zu viele Leute gehen mir, auch im Büro, schnell auch auf den Sack. Dennoch: ich habe da ein Problem (zudem auf Kosten des Arbeitgebers).

Klar wäre der November so kein Thema, weil nicht so lang und absehbar, und auch weil ich zwischendrin sowieso 2 Wochen krankgeschrieben sein werde. Aber es wird nicht beim November bleiben. Und so brauche ich eine Lösung für die nächsten Monate. Wer hier Tipps hat, oder eigene Erfahrungen: ich bin sehr dankbar für einen Austausch.

[ZDF RKI Dienstag: 15.352 neue Corona-Infektionen; Indizenzwert Mannheim 151,6; Hof 87,3 (Stadt) bzw. 74,9 (Land)]

Vogelfrei


Gestiefelte Katze

 
Danke
Ich bin in der gleichen Situation, allerdings kann ich gut allein arbeiten. Andererseits musste ich mich nahezu exakt mit Beginn der Corona-Krise in eine völlig neue Sparte einarbeiten und hatte dabei insbesondere anfangs wenig Unterstützung. Inzwischen habe ich Ansprechpartner, die ich fragen kann, aber mir fehlt der Kontakt zu den Kollegen in derselben Lage. Einfach mal gemeinsam schimpfen über Desorganisation, widerwärtige Vorgesetzte, persönliche Schwierigkeiten mit dem neuen Thema...
(Das hilft jetzt vermutlich gar nicht weiter, aber danke sehr herzlich für den Text oben. Er hat mir geholfen, denn ich kenne kaum Alleinlebende in unserer Situation.)

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@geschichtenundmeer: doch das hilft sehr, geteiltes Leid ist halbes Leid. :-) Es tut gut zu wissen, dass es noch andere Alleinlebende gibt, die ähnlich empfinden.
Das klingt aber wirklich nochmal nach ner ordentlichen Schippe drauf, dass du dich in der Krise auch noch in eine neue Sparte einarbeiten musstest. Respekt! Und ja, das stimmt: ab und an mal Luft ablassen kann enorm erleichtern. Wann warst du zuletzt im Büro? (sorry ich Duze einfach mal, wir können aber auch zum Sie falls dir das lieber ist)

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Duzen ist auf jeden Fall o.k. Ich war im Oktober vier Tage da, weil der Laptop zu Hause zur Reparatur musste. Positiv: ich habe die neue Auszubildende kennengelernt und bin jetzt ihre Ansprechpartnerin. Sie ist sehr engagiert und gescheit, und es macht Spaß, ihr etwas beizubringen.

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@geschichtenundmeer: das klingt schön :-) viel Freude weiterhin mit der Auszubildenden, und gutes Durchhalten im Home Office.

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Möglicherweise liegt es auch daran, dass die Struktur nicht mehr so vorgegeben ist wie im Büro. Ich arbeite als Freiberuflerin ja immer allein daheim und mache mir für jeden Tag eine priorisierte Aufgabenliste mit ungefährer Zeitangabe, wie lange ich jeweils dafür brauche. Hinterher hake ich ab. Man darf die Aufgabenliste aber nicht zu voll packen, es muss zeitlich Luft drin sein für Unvorhergesehenes (passiert fast immer). Außerdem habe ich einen Wochenplan.

Bei ungeliebten Arbeiten stelle ich mir meinen Küchenwecker bzw. nutze ich eine Pomodoro-App. Die Zeitspanne beträgt immer 25 Minuten, danach 5 Minuten Pause. Nach vier Tomaten gibt es eine etwas längere Pause von 15 Minuten.

Vielleicht können Sie sich mit einigen Kolleginnen und Kollegen zum kurzen informellen Büroplausch am Telefon oder Videocall verabreden?

In der Mittagspause ein Stück zu spazieren, tut dem Hirn gut, es bringt die Gedanken in Schwung.

Machen Sie sich für die Arbeit daheim eigentlich genauso zurecht wie fürs Büro? Wenn nicht, tun Sie das. Ich war ehrlich gesagt baff, als ich von einigen Leuten hörte, dass sie daheim in Jogginghosen arbeiten.

Keine stummgeschalteten Online-Sessions auf dem Klo. Niemals.

Ebenfalls hilfreich am Ende des Arbeitstages ist zum einen, kurz Bilanz zu ziehen, was einem gelungen ist und was nicht, woran es jeweils lag, wie man es künftig handhaben will, wo man mit sich zufrieden ist und warum, was morgen ansteht, welche Aufgaben wichtig und welche dringend sind, womit man morgen als erstes anfängt und ob es eine ungeliebte Aufgabe gibt, die man am besten heute noch in Etappen unterteilt. Zum anderen ist es hilfreich und wichtig, ein Abschlussritual zu haben. Ich höre eine 15 Minuten lange CD namens "Wellen der Entspannung", die bekam ich mal im Drogeriemarkt geschenkt. Wie für mich gemacht. :-)

Nachtrag: An der Wand, auf die ich beim Nachdenken bisweilen schaue, hängen ein Kunstkalender und drei Kunstpostkarten, um mir Freude zu machen und mich zu beflügeln.

Ebenfalls sehr wichtig ist, dass der Tisch, an dem man arbeitet, aufgeräumt ist. Meine beiden Schreibtische (mit und ohne Rechner) sehen momentan aus wie Kraut und Rüben, alles voller Papierkram, und das macht sich tatsächlich negativ bemerkbar.

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@arboretum: vielen Dank für diesen tollen Kommentar. Darauf möchte ich gerne ausführlicher antworten, leider ist das (Tippen etc.) momentan noch etwas anstrengend. Bis bald. :-)

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Lassen Sie sich nur Zeit und kurieren Sie sich erst einmal aus. Gute Besserung!

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@arboretum: vielen lieben Dank Ihnen!

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Wie ergeht es Ihnen derzeit beim Arbeiten von zu Hause aus?

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@arboretum: wie gut dass Sie es nochmal ansprechen, danke! :-)

Derzeit arbeite ich nicht, nur für die Uni, und für die Uni zu arbeiten (also fürs Studium) war kurioserweise noch nie ein Problem in den letzten Jahren, das flutscht mega gut.

Am Dienstag gehts wieder los mit der Tretmühle. Vor Weihnachten war es weiterhin.. mau. Vermutlich liegt das Hauptproblem darin, dass es mir allgemein schwer fällt mich für den Arbeitgeber noch zu motivieren. Aber er zahlt nun mal das Brot (haha, nicht nur die Pumpernickel), dafür bin ich auch dankbar, es wird mir sehr viel Flexibilität gewährt, und die kann und werde ich auch noch mit dem Studium gut gebrauchen.

Über die Toiletten-Geschichte müssen wir nicht sprechen, da weiß ich selbst nicht mehr was mich geritten hat. Die völlige Verwahrlosung. :-D

Das mit der Aufgabenliste finde ich gut, im Büroalltag hatte ich die ganz selbstverständlich, keine Ahnung warum das verloren ging mit dem Wechsel ins HO. Ich habe überlegt, mir zusätzlich auch Termine in einem bestimmten Rhythmus mit meinem Chef zu explizit diesem einen strategischen Thema zu setzen, damit ich etwas tun MUSS. Da hilft dann eine strukturierte Liste mit täglichen Todos, um nicht blank dazustehen.

Es ist unglaublich witzig, dass ich Pomodoro für mein Studium anwende, aber nicht für die Arbeit, und dass mir das überhaupt nicht bewusst war, bis Sie das geschrieben hatten. Ansich wundere ich mich, warum ich meine (irre gute) Organisation des Studiums nicht so gut auf die Arbeit übertragen kann, aber wie gesagt, ich vermute da die (intrinsische vs. extrinsische) Motivation als Ursache.. Nichtsdestotrotz: Pomodoro werde ich auf jeden Fall übertragen, das ist mein Vorsatz für das neue Jahr, 1000 Dank fürs Augenöffnen!

Das mit Outfit und Spaziergang auch. Da muss ich mir nur in den Boppes treten. Kann mir sehr gut vorstellen, dass beide Maßnahmen einen guten Effekt haben.

Mit dem aufgeräumten Schreibtisch ist das so eine Sache, wie Sie sagen. 😉 Das gestaltet sich manchmal als etwas herausfordernd. Mein Tisch dient als Esstisch, Schreibtisch für Uni, Schreibtisch für Arbeit und manchmal eben auch weitere Ablage wie Post, Rechnungen, ... Ich versuche jeweils nur die Dinge dort liegen zu haben, die den jeweiligen Bereich betreffen und lege die anderen in dieser Zeit irgendwo ab. Das klappt meistens, und doch würde ich mir hier auch eine räumliche Trennung zu Esstisch bzw. Wohnzimmer wünschen. Da habe ich schon öfters mal mit Freundinnen gehirnt, wie man das bei der Wohnungsgestaltung berücksichtigen könnte, auf einen grünen Zweig sind wir bisher noch nicht gekommen.

Das klingt nach einem guten Ausblick bei Ihnen, vom Schreibtisch aus. 😊 Mein Blick geht zwischen zwei Hipster-Gebäuden gegenüber raus auf ein Stückchen Fluß. Den Blick mag ich sehr gerne. Meistens steht dort allerdings der externe Monitor, weil lieber frontal anstatt schräg auf ihn schaue.

Besonders gut gefällt mir auch Ihre Idee mit dem positiven Tagesabschluss. Das will ich auf jeden Fall in meine Routine einbauen.

Nochmal ganz herzlichen Dank für die Inspiration, Anregungen und das Spiegeln. Sehr hilfreich und motiviert mich jetzt doch, das alles nochmal ein bisschen anders anzugehen ab kommender Woche!

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